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Startseite Unsere Gemeinde Aus der Geschichte unserer Gemeinde

 

Zur Geschichte
der Französisch-Reformierten Gemeinde Potsdam
zwischen 1662 und 1953

.... die umfassendste bisherige Gesamtdarstellung

 

Karl Manoury

 

Die Gemeinde (in Potsdam, Anm. d. Red.) verdankt ihre Entstehung unerfreulichen geschichtlichen Verhä1tnissen. Die eingewanderten Hugenotten waren vom Großen Kurfürsten und dann besonders vom ersten Preußenkönig Friedrich I. mit größtem Wohlwollen gefördert worden. Dieser König wird in der Geschichte als prachtliebend und verschwenderisch getadelt. Er gab nämlich nicht viel Geld für das Heer, aber viel für Kunst und Kultur aus. Da ein Teil der Hugenotten Luxushandwerker waren (Silbersticker, Glacéhandschuhmacher usw.), so blühten unter ihm ganz besonders die französischen Colonien. Das wurde mit einem Schlage anders, als Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, den Thron bestieg. Der sogenannte Luxus wurde abgeschafft, das Wirtschaftsleben erlahmte, denn das Geld wurde in erster Linie für große Soldaten ausgegeben. Man wusste nicht, wie weit er noch in seinen Maßnahmen gegen den Handel gehen würde. Diese Unsicherheit wirkte entmutigend. Dazu kamen Eingriffe in das innere Leben der Colonien, der König machte die Bauern, denen Freiheit von Leibeigenschaft und Frondiensten zugesagt war, trotzdem unter Bruch der Rechte zu Leibeigenen, er verbot den Verkehr mit den Glaubensbrüdern im Ausland, griff auch in den Glauben ein und wollte ihnen den Heidelberger Katechismus aufzwingen, sie zu deutschen Reformierten machen. Die Hugenotten lehrten die dem König verhasste und von ihm verbotene Prädestination, die Bestimmung des Menschen zur Seligkeit oder zur Verdammnis. So entstand eine wirtschaftliche und kirchliche Unruhe, Bauern verkauften ihre Wirtschaft, Kaufleute und Handwerker gerieten in Schwierigkeiten, manche wanderten aus, andere trafen Vorbereitungen dazu. Das Consistorium der französischen Kirche zu Berlin schrieb dem König in höflicher aber deutlicher Weise, wenn er seine Maßnahmen nicht ändere, würden alle freien Leute „ihren Stab anderswohin setzen". Diese Sprache verstand der König und lenkte ein. Um die Gemüter zu beruhigen und zu zeigen, daß auch er ein Freund der Eingewanderten sei, gründete er 1721 die Colonie in Stettin und 1723 die in Potsdam. Man sprach damals nicht von Gemeinden, sondern von französischen Colonien, da die Kirchengemeinden ja auch Handelsprivilegien bekamen, eigene Richter und bürgerliche Verwaltung hatten.

Es gab in Potsdam bereits deutsche Reformierte, als sie 1662 ihren ersten Pastor erhielten. Bis dahin waren die reformierten Hofprediger von Berlin immer mit dem Hof nach Potsdam gekommen, um die Gottesdienste zu halten. Im Jahre 1687 ließ die Kurfürstin die Kapelle erbauen, in der die reformierten Gottesdienste bis 1722 gehalten wurden. Dann wurde die Garnisonkirche erbaut, die auch zugleich Hofkirche war. Als es nach der Einwanderung französische Familien gab, ließen diese ihre Taufen usw. von den deutschen reformierten Pastoren vollziehen.

 

Der Anfang

Da die Zahl der Familien gewachsen war und der König seine günstige Gesinnung erkennen ließ, erbaten sie von ihm den Pastor Thomas le Cointe. Er ist 1682 in Dieppe in der Normandie geboren, verließ die Heimat mit seinen Eltern im Alter von drei Jahren, studierte in Frankfurt an der Oder Theologie und wurde zuerst Pastor in Brandenburg a. H. Im Jahre 1739 wurde er Rat im Französischen Oberconsistorium und Inspekteur der Kirchen. Er starb zu Potsdam am 7.12.1776 im Alter von fast 93 Jahren.

Am 11.7.1723 hielt er in der Schloßkape1le in Gegenwart des Königs und des ganzen Hofes seine erste Predigt. Nach dem Gottesdienst schickte der König seinen Kammerdiener Brandhorst zu le Cointe, er solle ihm eine Denkschrift über die für Anstellung eines Kantors und Schulmeisters und eines Küsters erforderlichen Geldmittel übersenden. Darauf bewilligte der König aus der allgemeinen Domänenkasse durch Urkunde vom 1.8.1723 für den Kantor und Schulmeister 100 Reichstaler und für den Küster 30 Taler. Diese Urkunde ist vorhanden. Der Kantor oder Vorsänger musste nach damaliger Sitte zugleich Lehrer sein. Der soeben erwähnte Kammerdiener Brandhorst war eine überaus wichtige Persönlichkeit, die später öfter in den Protokollbüchern vorkommt. Wer den König etwas wissen lassen, wer jemanden „schlecht" oder „gut" machen wollte, erzählte es Herrn Brandhorst, der es dem König geschickt beibrachte.

Außer den zum Hofe gehörigen Personen bestand die neue Colonie in Potsdam zuerst aus Fabrikanten und ihren Arbeitern. Um sie zu vergrößern, ließ der König durch eine Bekanntmachung alle pensionierten französischen Offiziere auffordern, nach Potsdam zu ziehen, da man dort angenehm und billig leben könne. So wurde Potsdam durch die Hugenotten zu einer Pensionärstadt, die es sehr lange geblieben ist. Im Jahre 1738 gehörten zur Colonie 1 Oberst, 2 Oberstleutnants, 1 Major, 18 Hauptleute, 5 Leutnants, alle im Ruhestande. Die wichtigsten Herren waren der Oberst Théodore de Grangeroux, die Oberstleutnants Jean Gedéon d'Ozanne, Henri de Dallon, der Major Henri de Rossane, ferner Jean de Massabiou, Henri Chambaud de Bavas u. a. Ich erwähne sie, weil sie später in den Protokollbüchern vorkommen. Dazu kamen noch aktive Offiziere, die Obersten de la Farelle und de Balbi, de Raoul, Hauptmann im Regiment der Garden zu Fuß (Riesengarde), de Humbert, Hauptmann im Regiment des Prinzen von Preußen, Pierre Gayette, Ingenieur-Hauptmann und Direktor der königlichen Bauten. Er hat z. B. den sog. „Langen Stall" gebaut, ein riesiges Exercierhaus hinter der Garnisonkirche, dessen feierliches, gewaltiges Tor noch erhalten geblieben ist. Außerdem soll er die damaligen Erweiterungen der Stadt entworfen haben.

Auch der Handel blühte. Ein Théodore Didelot, der die Offiziersknöpfe herstellte, errichtete in Potsdam eine Fabrik und zog französische Arbeiter her. Samuel Schock aus Basel gründete 1738 die erste Fabrik von Schnupf und Rauchtabak. Er baute alles mit eigenem Gelde. Seine Tabake wurden wegen ihrer Güte sehr gesucht, auch exportiert und brachten Geld in das Land. Sein Tabak soll besser gewesen sein als der aus Hamburg und Holland. Er soll seine Waren nach Sachsen, Polen, Böhmen, Mecklenburg, ja bis England und Dänemark geschickt haben. Bis vor einigen Jahren gab es in Potsdam eine Schockstraße.

Während der ersten Jahre der Gründung interessierte sich der König persönlich für alle Einzelheiten. Le Cointe teilte dem König alles direkt brieflich mit. Es war eine königliche Gemeinde, weshalb sie im Kirchensiegel den fliegenden preußischen Adler mit Krone, Zepter und Reichsapfel führen durfte, was sicherlich eine kirchliche Absonderlichkeit ist. Das alte Siegel befindet sich im Hugenottenmuseum in Berlin. Als sich aber die Geschäfte vermehrten, bestimmte der König den Hauptmann von Polentz zum Verwalter der äußeren Angelegenheiten bzw. zum weltlichen Beirat des Pastors. Polentz war ein sehr eifriger und kluger Mann. Infolge der direkten königlichen Leitung war die Colonie anfangs ganz unabhängig von höheren staatlichen oder kirchlichen Behörden. Dann muß aber wohl etwas vorgekommen sein, was nie niedergeschrieben worden ist, denn im Jahre 1736 befahl der König durch Kabinettsordre vom 11.2., infolge einiger Klagen beim Französischen Oberconsistorium, daß der Gottesdienst in Potsdam in der gleichen Art gehalten werden sollte, wie es in Berlin geschah, und das Presbyterium dem Oberconsistorium unterstellt sein sollte. Zwei Presbyter wurden zur Audienz befohlen, da der König die Gründe nicht schreiben, sondern persönlich sagen wollte. Da der Gottesdienst in Berlin in strenger alter reformierter Art gehalten wurde, so ist es nur möglich, daß Le Cointe ihn lutheranisiert hatte und nun durch Beschwerden zur Ordnung gerufen wurde. In den Akten wird nicht einmal etwas angedeutet. Die weltlichen Angelegenheiten wurden auch weiterhin vom Hauptmann von Polentz verwaltet, der bei der Riesengarde stand. Er wurde zum Protektor der Colonie ernannt. Bald darauf setzte er sich mit dem Minister für die französischen Colonien in Verbindung, Excellenz von Cocceji, um von ihm Gelder für das Aufblühen der Colonie zu erhalten. Später wurden die Potsdamer Angelegenheiten in der gleichen Weise geregelt, wie die der andern Colonien.

Das erste Stück in den Akten ist die Abschrift einer Ordre vom Jahre 1700, in der den reformierten Gemeinden die gleichen Freiheiten zugesichert wurden wie den lutherischen. Danach hatten die „Kirchen- und Schul-Bedienten" Freiheit von der Verzehr- und Biersteuer für selbstgebrautes Bier. Es folgt dann ein Schreiben, in dem Le Cointe den König um Festsetzung des Tages für die Antrittspredigt bittet. Er teilt mit, daß dazu etwa 50 Gäste aus Berlin kommen würden, die man veranlassen sollte, sich in Potsdam niederzulassen. Ferner bat er um ein Lehrer- und Wohnhaus. Vom Briefwechsel zwischen König und Pastor ist nur ein Schreiben vorhanden aus dem Jahre 1727: Der Küster de Roche hatte sich nicht bewährt, weshalb er auf Bitten des Pastors vom König „cassiert" wurde. Das Schreiben trägt die eigenhändige Unterschrift des Königs und sein kleines Siegel. Der neue Küster hieß Tinanbas, er bekam jährlich 30 Taler Gehalt und die üblichen Freiheiten.

Die Abendmahlsgeräte und die Taufkanne borgte die Gemeinde sich immer von den andern reformierten Gemeinden. Als 1732 die Garnisonkirche neue Gefäße erhielt, bat die Gemeinde den König um Überlassung der alten. Ob der König diese Bitte erfüllte, ist nicht ersichtlich. Mir fällt auf, daß die Gemeinde von 1723 bis 1732, also in 9 Jahren, sich keine eigenen Gefäße beschaffen konnte, während die viel kleinere Gemeinde in Spandau es vermochte.

An die Gemeinde ergingen öfter Edikte des Königs, die alle im Archiv vorhanden und vom Buchbinder in dicken Bänden eingebunden worden sind. Manche mußten von der Kanzel verlesen werden, nämlich die wichtigen, die mit Todesstrafe zu tun hatten, also gegen Deserteure und Kindesmörderinnen, die andern wurden nur an die Kirchentür genagelt.

Das Kassenbuch beginnt mit der Gründung der Gemeinde, es enthält leider nur die Ausgaben. Es ist anzunehmen, daß die einzige Einnahme aus den Büchsen kam, die von den Presbytern nach dem Gottesdienst gehalten wurden. Die Ausgaben des Jahres 1724 betrugen über 25 Tlr., meist waren es Unterstützungen. Die größte Ausgabe betrug 8 Tlr. 12 Gr. für eine Bibel, Psalmen, Katechismen und ein Kirchensiegel. Es wurden nicht nur Gemeindeglieder unterstützt, sondern auch Wanderer, sogar Katholiken und Juden. Da die Namen der Unterstützten angegeben sind, auch Ort ihrer Herkunft und Reiseziel, so ist das Buch sowohl familienkundlich als auch kulturgeschichtlich sehr interessant. Ich habe es bearbeitet und hoffe, es hier abdrucken zu können. Die Ausgaben stiegen allmählich. Eigenartig ist, daß immer nur jede Seite zusammengerechnet, aber die Endsumme niemals auf die folgende Seite übertragen wurde. Im Jahre 1729 sammelte jemand Geld für die Waldenser in Württemberg zur Erbauung von 2 Kirchen und einem Bauernhaus, er bekam 2 Tlr. Die erste Kassenprüfung Fand 1735 statt. Bis dahin waren 525 Tlr. ausgegeben worden. Auch damals gab es schon Betrüger. Ein Wanderer erhielt Geld für seine soeben entbundene Frau, die mit den Kindern vor der Stadt lag. Man fand dort niemand. Am 2. Mai 1732 kamen die Salzburger sog. Exulanten durch die Stadt und erhielten 2 Tlr.

Getauft wurden in den ersten 10 Jahren 44 Kinder, während 29 Personen starben, Getraut wurden 8 Paare. Diese Zahlen sind nicht höher als in der Spandauer Gemeinde im ersten oder zweiten Jahrzehnt. Es müssen also besondere innerkirchliche oder wirtschaftliche Gründe vorgelegen haben, daß die Potsdamer Gemeinde aufblühte und die Spandauer zerfiel

Die Gottesdienste fanden in der Schloßkapelle statt, wahrscheinlich nach den deutschen Gottesdiensten, und zwar gab es einen Vormittags- und einen Abendgottesdienst. Nach diesem fanden meist die Taufen statt. Die Gemeinde mußte zu den Reparaturen beitragen. Besonders oft mußten Fensterscheiben ersetzt werden. Es gab auch schon in der „guten alten Zeit" böse Buben, sie sind keine Errungenschaft der Neuzeit.

Die Feier des Abendmahls fand jährlich fünfmal statt, und zwar in der Passionszeit, zweimal im September, zu Weihnachten und zu Neujahr. Die Zahl der Teilnehmer ist leider nicht aufgeschrieben worden.

Die Gemeinde wuchs so, daß 1735 ein zweiter Pastor berufen werden mußte, er hieß Charles Frédéric Ruynat. In dieser Zeit wurde die kleine Gemeinde in Spandau aufgelöst, das Kapital von 1000 Talern nach Potsdam übertragen und bestimmt, daß der Pastor vierteljährlich einmal in Spandau Abendmahl halten sollte. Da für Spandau nun kein Lehrergehalt mehr zu zahlen war, so wurde es auf Potsdam übertragen und hier eine schulgeldfreie Armenschule errichtet, die noch bis etwa 1870 in Potsdam in hohem Ansehen stand, da sie als einzige Volksschule Französisch lehrte.

Einen Richter erhielt die Colonie durch Edikt vom 19.10. 1731, nämlich Francois de Renouard; dazu kam 1735 der Assessor Jean de Cuvry und der Gerichtsschreiber Jean de Durfort.

Das Protokollbuch beginnt leider erst im November 1736. Die Sitzungen des Presbyteriums, genannt „la Compagnie", fanden alle 8 oder 14 Tage statt. Dies Buch, genannt Journal, ist überaus interessant, denn es gewährt uns einen guten Einblick in die inneren Verhältnisse der Gemeinde, wir erfahren viel von dem Klatsch und den sittlichen Zuständen im damaligen Potsdam. Die größte Sorge bereiteten dem Presbyterium die „Grenadiers de la Garde du Roy", also die Grenadiere der Riesengarde. Sie knüpften mit den Mädchen der Gemeinde Verhältnisse an, die nicht ohne Folgen blieben. Dann wurden die Mädchen vorgeladen und ermahnt, auch für einige Zeit vom Abendmahl ausgeschlossen. Andrerseits gab es aber auch Soldaten, die zur Gemeinde gehörten. Da in neuster Zeit Bestrebungen bestehen, die sog. Kirchenzucht wieder einzuführen, will ich etwas genauer auf die Erfahrungen eingehen, die man damals damit gemacht hat. Vom November 1736 bis zum Dezember 1740 hielt das Presbyterium 45 Sitzungen, in denen zwölfmal über Kirchenzucht verhandelt wurde. Glatt verlief der Fall des Unteroffiziers der Riesengarde d'Elbos, von dem ein deutsches Mädchen ein Kind hatte. In der ersten Sitzung wurde darüber gesprochen und beschlossen, ihn vorzuladen in der zweiten Sitzung erschien er und wurde für einige Zeit vom Abendmahl ausgeschlossen, nach einigen Monaten bat er, wieder zugelassen zu werden. Schwieriger war es mit der Frau des Soldaten Duffay, die sich anscheinend aus Not mit andern Soldaten herumtrieb. Sie mußte mehrere Male vorgeladen werden, bis sie endlich kam, aber die Not verhinderte eine Besserung, so daß sie auch später immer wieder das Presbyterium beschäftigte. Es half der Familie nach Kräften, sie erhielt immer wieder mal einen Taler, aber die Lage war so elend, daß sie nicht aus der „Misere" herauskam. Aufregend gestaltete sich der Fall des ehemaligen Offiziers de Bavas, von dem ein deutsches Mädchen ein Kind hatte. Trotz der Vorladung kam er nicht, sondern drohte, das Presbyterium zu verprügeln, schimpfte und lästerte ganz entsetzlich. Als er schließlich kam, stark nach Bier riechend, war er erst ganz vernünftig, aber dann tobte er los und erklärte, er wolle lieber lutherisch werden, als sich dauernd in seinem Lebenswandel herumschnüffeln zu lassen. Nach einiger Zeit einigte man sich aber doch. In den vier Jahren kamen nur diese drei Fälle vor, später andere mit Soldaten und jungen Mädchen aus der Gemeinde. Man kann fragen, warum sie überhaupt kamen, wenn man sie „zitierte"? Dabei ist zu bedenken, was von den jetzigen Befürwortern der Kirchenzucht vergessen wird oder ihnen nicht bekannt ist, daß hinter dem Presbyterium die Macht des Staates stand. Die dritte Aufforderung war gewöhnlich verbunden mit dem Hinweis, daß die Angelegenheit sonst dem Oberconsistorium überwiesen würde. Ehebruch und Unzucht konnten gerichtlich bestraft werden. Als das Presbyterium in Groß-Ziethen einmal einen Fall meldete, kam der Bauer einige Monate nach Spandau und das Mädchen in das Spinnhaus. In Berlin dagegen hat der berühmte Oberst Marquis de Varennes viele Jahre der Kirchenzucht getrotzt, ohne daß ihm etwas geschah.

Ein Soldat Lavanchi beschäftigte das Presbyterium fünfmal; er wurde dreimal vergeblich zitiert, da er es verstand, immer dann, wenn er kommen sollte, auf Wache zu sein. Nachher brach der Krieg aus. Zwei junge Mädchen, Laval und Durant, verursachten mal einen großen Skandal, es wird aber nicht gesagt, was sie begangen haben.

Die größte Aufregung verursachte aber eine Klage des Pastors Le Cointe über den Obersten Grangeroux. Diese Angelegenheit zeigt uns so recht den Klatsch jener Zeit. Der Pastor behauptete, der Oberst erzähle in der ganzen Stadt, der Pastor sei bei dem bereits früher erwähnten Kammerdiener Brandhorst gewesen und habe ihn veranlassen wollen, über den Herrn d'Elbeck etwas Schlechtes zu sagen. Ebenso soll er den bekannten General von Buddenbrock aufgefordert haben, dasselbe zu tun. Elbeck war nun auf den Pastor böse und ging nicht mehr zu ihm zum Abendmahl. Auch der Oberst ging nicht mehr zum Gottesdienst zu ihm. Nun wurden Zeugen verhört, Elbeck sagte, Grangeroux habe es ihm so erzählt, der aber sagte, es sei umgekehrt, der Elbeck habe es ihm erzählt. Ein völlig neutraler Zeuge erzählte, er habe nur gehört, wie der General von Buddenbrock den Pastor nach Neuigkeiten vom Obersten gefragt habe. Darauf habe dieser geantwortet, der Oberst sei nicht zu bedauern, denn er tränke ja jeden Tag seinen caffé und mache seine kleine Partie. (Gemeint sei wohl, es ginge ihm gut, da er sich ja Kaffee und Kartenspiel leisten könne.) Weitere Zeugen widersprachen sich so, daß schließlich die Angelegenheit gütlich beigelegt wurde, nachdem im Protokollbuch sehr viele Seiten vollgeschrieben worden waren.

Am 1. Juni 1740 erging die erste Verfügung, deren Kopf die Worte trägt: Frederic par grace de Dieu Roy de Prusse, Friedrich von Gottes Gnaden, König von Preußen. Er teilte den Tod des alten Königs mit und gab Anweisungen über die Feiern. Die Königin lieferte schwarzes Tuch, um damit die Kanzel usw. zu bekleiden. Nach der Trauerzeit wurde es an Arme verteilt, damit sie sich Anzüge davon machen lassen könnten. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß im Archiv alle staatlichen Ordres, Bekanntmachungen usw. seit 1723 im Original vorhanden sind, also z. B. die Vermählungsanzeige Friedrichs II., alle Todesanzeigen der Fürsten, alle Siegesnachrichten der Schlesischen Kriege usw.

 

Neuer König, neue Sitten

Da Friedrich Wilhelm sich in alle Angelegenheiten gemischt hatte, so hatte er den Pastoren verboten, die Robe zu tragen, wie es in Frankreich bei den Juristen üblich war. Die erste kirchliche Handlung des neuen Königs bestand darin, daß er den französischen Pastoren anheim stellte, untereinander und mit den Familienhäuptern zu beraten, was sie tragen wollten.

Der 1. Schlesische Krieg wurde der Gemeinde mitgeteilt durch eine Ordre vom 18.12.1740, die am 2.1. des folgenden Jahres einging. Danach wurde der Krieg unternommen, um die Ruhe im Kaiserreich aufrechtzuerhalten und der Unterdrückung, von der die protestantischen Kirchen bedroht sein sollten, zuvorzukommen. Der Krieg sollte geführt werden zur Ehre Gottes und zum Wohle der Kirche. Diese Begründung war so grob erlogen, daß sie später nicht einmal von den monarchistischen preußischen Geschichtsschreibern wiederholt wurde. Es folgte bald eine Siegesmeldung; im Juli 1742 mußten Dankgottesdienste für den Frieden gehalten werden.

Der 2. Pastor, Ruynat, wurde gegen Ende des Jahres 1742 nach Magdeburg berufen. Das geschah nicht freiwillig, sondern nach meiner Ansicht, weil es zwischen ihm und einem Herrn der Gemeinde zu einem derartigen Zusammenstoß kam, daß der Pastor Le Cointe es dem Oberconsistorium melden mußte und die Sache zur Entscheidung vor das Civilgericht gemußt hätte. Man scheint sich damals oft geprügelt zu haben. Es wurde ein neuer Pastor gewählt; sechs standen zur Auswahl, Pelet aus Burg erhielt 29 Stimmen, Massiou aus Königsberg 21, Coste aus Bergholz 2. An der Wahl haben sich also 52 männliche Familienhäupter beteiligt. Pelet trug seine Ankunft in das Protokollbuch ein und heftete mit 2 Stecknadeln, die es also schon damals gab, den Brief dazu, der ihm seine Wahl mitteilte.

Zwei Mitglieder der Gemeinde, die Herren de la Rouviére, wurden 1743 zu Commissaren über die Maulbeerplantagen ernannt. Sie sollen hier „eine der schönsten Maulbeerplantagen des Königreiches errichtet haben". Daher heißt noch heut der Park hinter der Garnisonkirche „die Plantage". Bald darauf wurden auch Seidenfabriken errichtet. Zur Gemeinde gehörten damals die Baronin Keith geb. von Kniphausen, Hofmeisterin, der Geh. Cabinetsrat Laspeyres, der Geh. Cabinetssekretär de Perrot, der Geheimrat Jordan, Henri Charles de la Motte Fouqué.

Die beiden Pastoren hatten jeder eine Woche Dienst, wozu auch die Verteilung der Armengelder gehörte. Das wurde von Betrügern ausgenützt: sie ließen sich am Sonnabend von dem diensthabenden Pastor Geld geben, am Montag nochmals vom andern. Darum wurde beschlossen, jeder solle einen Monat lang Dienst haben. Ähnlich haben wir es noch bis 1931 in Berlin erlebt, wo sich mancher von jeder Wohlfahrtseinrichtung der Gemeinde etwas holte, bis dann eine zentrale Kartothek geschaffen wurde.

Der Kantor Vuillaume erwies sich leider als sehr unerfreulich, denn er saß in den Kneipen und lästerte über jeden. Im Jahre 1743 wurde er von zwei Konsistorialräten des französischen Oberconsistoriums ermahnt. Bald darauf hatte er einen Streit mit dem andern Lehrer, dem Kantor Plantier, zu dessen Vorgesetzten er sich gemacht hatte.

Spandau wurde noch immer als zur Gemeinde gehörig betrachtet, denn der Pastor Pellet und ein Presbyter fuhren 1742 hin, um zu sehen, wie es den Familien ginge. Der Streit um die ererbten 1000 Tlr. ging weiter.

In der Kirche saßen Frauen und Männer getrennt, wie es damals in den französischen Kirchen allgemein üblich war. In Schwedt habe ich diese Sitte noch um 1906 gekannt. Die Bänke wurden verschlossen, die Inhaber erhielten Schlüssel. Die Bänke der Kirchenältesten wurden grün ausgeschlagen, weil sich dort auch die Prinzen hinsetzten, die ja reformiert waren.

Das Presbyterium beschäftigte sich meist mit Geldangelegenheiten, Unterstützungen von Armen, Vergeben von Hypotheken. Fälle von Kirchenzucht werden nicht mehr erwähnt. Es geht auch aus den Büchern der andern Gemeinden hervor, daß Kirchenzucht nur möglich war, so lange der König und die Polizei dahinter standen.

Pastor Le Cointe wies im Jahre 1749 darauf hin, daß nach der alten französischen Kirchenordnung die Taufen nur öffentlich in der Kirche vollzogen werden dürften, aber nicht im Hause, wie es vielfach geschähe. Pastor Pelet und das Presbyterium bestritten dies und sagten, eine Haustaufe sei nur einmal vorgekommen. Le Cointe forderte vom Presbyterium eine Anweisung für die Pastoren, keine Haustaufen zu vollziehen. Das gesamte Presbyterium weigerte sich, das Protokoll zu unterzeichnen. Einige Tage später fand eine außerordentliche Versammlung statt, wo die Presbyter ihre Gründe ausführlich darlegten und eine Entscheidung des Oberconsistoriums verlangten. Dies wurde unterzeichnet von Pastor Pelet und den Presbytern, aber nicht von Le Cointe.

Als im Jahre 1751 für die Waldenser im Lande Hessen gesammelt wurde, gab das Presbyterium im Hinblick auf „den lamentablen Zustand dieser altehrwürdigen Christen" 5 Taler.

Eine weitere unangenehme Angelegenheit hatte das Presbyterium mit dem Pastor Le Cointe im Jahre 1751. Er hatte sich im Jahre 1744 vom Presbyterium 40 Tlr. geliehen, aber bisher keine Zinsen gezahlt, nun sollte er 14 Tlr. nachzahlen, da kein Geld mehr in der Kasse war. Im gleichen Jahre heiratete Pastor Pelet, der ein Witwer war.

 

Die Französische Kirche, ein königliches Geschenk

Da der König im Jahre 1750 über die Schloßkapelle, in der die Gottesdienste noch immer stattfanden, anderweitig verfügt hatte, wurden sie seit dem 12. Juli 1750 in der Garnisonkirche gehalten. Im Jahre 1752 ließ der König der Gemeinde eine eigene Kirche bauen, die noch jetzt als „Französische Kirche" steht und von der Gemeinde benützt wird. Der künstlerische Entwurf stammt von Knobelsdorff, die Ausführung von Boumann, die Bildhauerarbeiten von Glume, so daß diese drei großen Künstler jener Zeit an der Kirche gearbeitet haben. Die Einweihung fand am 23. September 1753 statt. Am 16. September wurde sie vom König der Gemeinde geschenkt, gerade an Knobelsdorffs Todestag, der sie nicht mehr fertig gesehen hat. Die Schenkungsurkunde ist vorhanden. Das künstlerische Vorbild ist das viel größere Pantheon in Rom gewesen. Die Kirche St. Philippe du Roule in Paris ist ähnlich, aber später erbaut. Innen war die Kirche sehr eigenartig: die Bänke waren nach hinten wie im Zirkus erhöht, bis zu 1 m über dem Fußboden; sie paßten sich in der Rundung dem Oval der Mauer an, so daß jeder in den Mittelpunkt der Kirche sah, wo sich aber nicht der Pastor befand, sondern ein leerer Raum, Wer ganz vorn saß, hatte daher den Pastor schräg rechts oder links hinter sich.

In den folgenden Jahren hatte das Presbyterium nur mit dem bösen Kantor Villaume zu tun, der sich trotz aller Versprechungen nicht besserte.

 

Kriegs- und andere Nöte

Im Jahre 1756 begann der Krieg. Während der Dauer desselben sollte in das große Kirchengebet ein Absatz eingefügt werden, der sich darauf bezog. In den Gottesdiensten wurden alle Siege abgekündigt. (Diese Mitteilungen sind noch in d Akten vorhanden.) Danach mußte immer ein Te Deum (Groß Gott wir loben dich) gesungen werden. Die schwere Niederlage bei Kunersdorf wurde dagegen nicht abgekündigt.

Aus den Akten gewinne ich den Eindruck, daß der Pastor Le Cointe ein alter Querkopf war, der mit sehr vielen in Unfried lebte. Erst hatte er den Streit mit dem Obersten Grangeroux, dann mit dem Presbyterium wegen der Taufen, im Jahre 1759 wieder einen Streit mit dem Pastor Pelet. Le Cointe denunzierte seinen Kollegen beim Oberconsistorium, die Anklageschrift ist leider nicht vorhanden, sondern nur die Antwort, die für Le Cointe vernichtend war. Die Anklagen wurden nach sorgfältiger Untersuchung für grundlos erklärt, das gesamte Presbyterium stand wieder auf Pelets Seite und trat für ihn ein. Ich halte es für richtig, die Verhältnisse so darzustellen, wie wirklich waren, da wir meist von der sogenannten guten alt Zeit eine völlig falsche Vorstellung haben.

Nach der Schlacht bei Kunersdorf im August 1759 befürchtete man einen Angriff der Russen und Österreicher gegen Berlin. Diese Gefahr ging jedoch vorüber, erneuerte sich aber im September 1760. Am 3. Oktober schickte der russische Feldherr Graf Totleben aus Wusterhausen ein Kosakenregiment gegen Berlin und die Kroatischen Husaren unter Zwätnikowitsch gegen Potsdam. Hier sollten sie das Waffenmagazin zerstören. Berlin geriet durch die Unschlüssigkeit des Kommandanten in eine Panik, die Einwohner wollten fliehen. Der Zug gegen Potsdam mißlang, die Husaren ritten wieder nach Berlin. Am 3. Oktober nachmittags begann das Bombardement gegen Berlin und besonders gegen das Kottbusser Tor. Man hörte das Schießen in Potsdam. Nachdem verschiedene Angriffe gescheitert waren, zog der Feind wieder ab. Die Gefahr war jedoch nicht überwunden, denn bereits am 7. Oktober marschierten die Russen von Köpenick über Rixdorf gegen Berlin. Zur selben Zeit trafen in Potsdam preußische Truppen ein, die nach Berlin weitermarschierten, worauf der Major Cordier mit den Feldbäckern und einigen Schwadronen zur Befreiung der Hauptstadt eilte Die Russen zogen ihnen entgegen, aber Cordier mit seinen Bäckern siegte, er zog über Schöneberg in Berlin ein. Bald kam der General von Kleist mit stärkeren Truppen durch Potsdam Da inzwischen auch die Österreicher heranrückten, so verließ der größte Teil der preußischen Truppen Berlin und marschierte in Richtung Spandau ab, Berlin kapitulierte am 8. Oktober. Das Presbyterium hielt in dieser Zeit keine Sitzungen, es werden auch keine Maßnahmen erwähnt zur Sicherstellung der Abendmahlsgeräte, während man sich in Berlin darauf vorbereitete.

Die Not des Krieges stieg weiter und machte sich besonders durch eine große Teuerung bemerkbar. So beschloß das Presbyterium im Juni 1762, an sechs Familien wöchentlich je vier Brote zu liefern, das Brot zu 4 Groschen. Das war eine Ausgabe von 4 Talern in der Woche. Der Preis des Brotes von 4 Groschen entspricht fast unserem Preis, wobei wir aber bedenken müssen, daß ein Kantor damals etwa 50 Taler Jahresgehalt bekam, andere hatten ein noch geringeres Einkommen. Da das Presbyterium die Kosten für das Brot nicht aufbringen konnte, so mußte es für die Zeit bis zum Februar 1763 einhundert Taler borgen. Die Einnahmen aus den Büchsen betrugen trotz des Krieges noch in einem Jahr 112 Taler.

Der Friedensschluß im Jahre 1763 wurde durch einen feierlichen Dankgottesdienst begangen.

Die Einnahmen aus den Armenbüchsen blieben während und nach dem Kriege immer ungefähr gleich, nämlich im Jahr etwa 54 Taler. Arme aus Spandau wurden noch nachweislich bis 1769 unterstützt.

Nachdem die vom Kantor benützte Bibel 40 Jahre im Gebrauch war, wurde 1772 für 2 Taler 8 Groschen eine neue gekauft.

Im Laufe der Jahre sanken die Einnahmen, so daß die Büchsen um 1777 nur noch jährlich 32 Taler einbrachten. Das Kapital war allmählich auf 1600 Taler gestiegen, bald betrug es 1700 Taler. Das Anwachsen kam daher, daß die Einnahmen jährlich um etwa 60 - 70 Taler höher waren als die Ausgaben, zuweilen sogar um 100 Taler.

Als der Pastor Pelet im Jahre 1783 erkrankte, führte der Konsistorialrat Erman aus Berlin seinen Sohn als 2. Pfarrer ein. Le Cointe war Pastor von 1723 - 1776, Pelet von 1742 - 1776 zweiter Pastor, von 1776 - 1784 erster Pastor, daneben Barandon von 1777 - 1783. Da Barandon nach Berlin ging und Pelet krank war, kam also Ermans Sohn. Pelet bezog das Gehalt noch bis 1787, dann kam als zweiter Pastor Jean Henry von 1787 - 1795. Auch der Schulmeister Bonnet wurde infolge seines Alters unfähig, Schule zu halten. Er sollte darum nach Berlin in ein Altersheim der Gemeinde. Bonnet war so arm, daß sein 13jähriger Sohn fast nackt war, das Zimmer nicht verlassen konnte und nun erst von der Gemeinde eingekleidet werden mußte. Dies hatte Erman durch einen Besuch mit zwei Kirchenältesten festgestellt. Pelet geriet in einen Zustand völliger Kindlichkeit, wollte aber trotzdem wieder Gottesdienst halten. Es kam zu einem unerfreulichen Vorgang, denn als Erman bereits auf der Kanzel stand, kam der geisteskranke Pelet. Da Erman es zu keinem Skandal kommen lassen wollte, ging er wieder hinunter, worauf Pelet den Gottesdienst in einer Weise hielt, die Maßnahmen erforderte. Die Erregung in der Gemeinde war groß, so daß Pelet endlich in den Ruhestand versetzt und ihm jedes Amtieren verboten wurde.

Der junge Erman scheint sehr eifrig gewesen zu sein. Neben ihm wird oft der Presbyter Huguenel erwähnt, dessen letzte Nachkommen hier um 1935 im Alter von über 90 Jahren starben.

Daß keine Kirchenzucht mehr geübt wurde, zeigt folgender Fall: Vor dem Presbyterium erschien Rahel La Quene, erzogen in der Ecole de Charité zu Berlin, lebte außerehelich mit einem Soldaten vom 3. Batl. der Garde zusammen, hatte drei Kinder von ihm, bat um Unterstützung. Es wurde ihr dargelegt, daß sie keinen Anspruch habe, da sie mit einem Soldaten zusammenlebe und nie zur Kirche gekommen sei. Sie wurde ermahnt, erhielt ein Geldgeschenk, Erman sollte den Capitain von Schwerin um Heiratserlaubnis für den Soldaten bitten. Von einem Ausschluß vom Abendmahl wurde nicht gesprochen; es hätte auch keinen Sinn gehabt, da sie nicht einmal zur Kirche kam. Die Kirchenzucht hörte also nicht durch die Nachlässigkeit der Pastoren auf, wie in der Gegenwart oft behauptet wird, sondern weil man nicht als Strafe verhängen konnte, was viele schon von selbst taten. Man konnte niemanden vom Abendmahl ausschließen, der sich schon längst selbst ausgeschlossen hatte.

Da die Gemeinde bisher überhaupt kein Mitgliederverzeichnis besaß, so wurde Erman vom Presbyterium beauftragt, ein solches aufzustellen.

 

100 Jahre nach der Einwanderung

Seit dem Edikt von Potsdam waren nun bald 100 Jahre vergangen. Das Consistorium in Berlin regte darum an, den 29.Oktober feierlich zu begehen. Das Presbyterium in Potsdam stimmte zu, die der andern Gemeinden auch. Darum bat das Consistorium am 18.4.1785 im Namen von 35 Gemeinden den König um die Erlaubnis zur Feier. Das Französische Oberconsistorium war eine völlig verbürokratisierte Behörde geworden von der niemals eine Anregung ausging. Die Feier fand an einem Sonnabend statt. Erman hatte dazu eine Geschichte der Gemeinde geschrieben, die noch in einigen Exemplaren vorhanden ist Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen war es dem kranken Pastor Pelet wieder gelungen, eine Abendmahlsfeier zu halten, worauf es wieder zu Beschwerden kam.

Auf einige alarmierende Anzeichen, so heißt es im Protokollbuch, daß die Kirche an mehreren Stellen einzustürzen drohe, wurde sie von einem Zimmermeister besichtigt. Es war nicht so schlimm, nur einer der hölzernen Pfeiler, von denen die Empore getragen wurde hatte sich gesenkt. Die Kosten sollten 30 Taler betragen, man fürchtete jedoch, weitere Schäden zu finden. Die Gemeinde wagte nicht, den König zu bitten, da 1770 bereits die Kuppel viele Taler verschlungen hatte. So wurden denn die Familienhäupter hinzugezogen, unter ihnen der Baron de la Motte Fouquet und der Direktor Schock, der Besitzer der großen Tabakfabrik. Man besah den Schaden, die Familienhäupter meinten, es sei nicht so schlimm, sie wollten in der Gemeinde Geld sammeln Die Kosten betrugen 83 Taler. Der Presbyter Huguenel legte das Geld aus eigenen Mitteln aus, dann wurde erst in der Gemeinde gesammelt.

Einige Tage vor der Feier des Ediktes legte Erman dem Presbyterium das erwähnte kleine Heft vor. Es enthält vorn eine Zeichnung der Kirche von Krüger. Die Hefte sollten zu 4 Groschen zugunsten der Armen verkauft werden. Frau Reclam geb. Stosch hatte eine Cantate geschrieben, die vom Musikmeister des Kronprinzen in Musik gesetzt worden war. Die Damen Eichler und Liverati waren zum Singen engagiert, außerdem sang ein Chor junger Leute, der Eintritt kostete 4 Groschen. Der Stadtkommandant General von Rhodig wurde um eine Wache gebeten, wegen der Ordnung, die Ältesten Huguenel und Delor verkauften am Eingang die Karten, Noré sollte unten Plätze anweisen, d'Espagne auf der Galerie. Zur Kantate wurde heftig applaudiert, danach predigte Erman, zum Schluß sang man das Te Deum. Anwesend waren die Prinzen Friedrich (wohl der spätere Friedrich Wilhelm III. und Louis, wohl Louis Ferdinand).

„Das zahlreiche und brillante Auditorium war zusammen gesetzt aus Personen von erster Distinktion." Die Büchsen brachten 101, die Karten 59 Taler 21 Gr. und 9 Pfge.

Im Februar 1786 bot der Orgelbauer Ernst Marx aus Potsdam der Gemeinde eine Orgel an, die er für 300 Taler liefern wollte, obwohl sie 325 kostete, da er sie für eine andere Gemeinde erbaut, die ihren Auftrag zurückgezogen hatte. Die Gemeinde hatte aber kein Geld.

 

Der nächste König spendiert Orgel und Häuser, Probleme bleiben

Als der König starb, schickte das Presbyterium drei Beileidsbriefe, und zwar an den neuen König, an seine Gemahlin, an die Witwe des Königs. Es fand ein Trauergottesdienst statt. Die ganze Kirche wurde mit schwarzem Stoff ausgeschlagen, was 59 Taler kostete. Der König wurde um Bezahlung gebeten.

Das Presbyterium beschloß, den neuen König um eine Orgel zu bitten. Es handelte sich um die bereits erwähnte. Die gesamten Kosten sollten 400 Taler betragen. Das Geld wurde bewilligt. Die Orgel wurde nicht dort aufgestellt, wo sie jetzt steht, sondern rechts vor dem Fenster. Der Organist sollte jährlich 20 Taler bekommen, der Balgentreter 4 Taler. Ein Psalmbuch mit Noten lieferte der Organist Millenet aus Berlin. Am 13. Mai 1787 fand die feierliche Inbetriebnahme der Orgel statt. Kurze Zeit darauf starb Pastor Pelet. Nun trat Erman in die besser bezahlte Stelle des ersten Pastors, für die zweite sollte ein anderer gewählt werden. Wenn von erster und zweiter Stelle gesprochen wurde, so bedeutete das nicht einen Rangunterschied, wie in einem Protokoll ausdrücklich betont wird, denn nach der alten französischen Kirchenordnung sind alle Pastoren gleich. Als der Nachfolger Henry eintraf, wurden die Gottesdienste folgendermaßen geregelt: Ein Pastor predigt um 10 Uhr, der andere um 2 Uhr, am folgenden Sonntag umgekehrt. Jeder hat einen Monat den Vorsitz, die Eltern der Kinder können sich für den Unterricht einen Pastor wählen, jeder kann Kranke besuchen, wo er will. Wenn man vom Unterschied zwischen Lutheranern und Reformierten spricht, weist man immer auf das Abendmahl hin, die wirklichen Unterschiede lagen im Geist. Das zeigte sich bei den Pastoren, denn die Lutheraner hatten bis vor kurzer Zeit Rangunterschiede: Oberpfarrer, Archidiakonus, Diakonus, der eine predigte immer am Vormittag, der andere immer am Nachmittag, der dritte immer am Morgen, der Oberpfarrer hatte immer den Vorsitz, der andere niemals. Bei der Wahl erhielt Henry aus Brandenburg 35 Stimmen, Roland aus Müncheberg 4, die andern keine.

Zu einem eigenartigen Zwischenfall kam es 1787, als der Professor Dantal von der Ingenieur-Akademie aufgeboten wurde. Eine Amalia Nuglisch, „wohnhaft in Berlin hinter der Petrikirche im Fischer'schen Hause", erhob dagegen feierlich Einspruch und verlangte einhundert Stück Ducaten Abstand. Der lutherische Pfarrer, an den sie sich ebenfalls gewendet hatte, bat um Aufschub der Trauung, aber der Richter der Colonie, Saint Paul, verfügte: Da sie ihn nicht heiraten, sondern nur Geld haben will, kann die Trauung stattfinden.

Als man im großen Koffer den Kelch und die silberne Platte aus Spandau fand, wurde leider beschlossen, sie einschmelzen zu lassen. Daraus wurde vom Goldarbeiter Martens eine Taufkanne angefertigt, die er im folgenden Jahre für 6 Tlr. 8 Gr. lieferte. In den französisch-reformierten Gemeinden werden die Kinder nicht aus Taufschalen, sondern aus einer Kanne getauft.

Im März 1788 wurde im Innern der Kirche hinter dem Eingang ein Windfang mit einem Vorhang errichtet, weil es sehr zog, wenn die Tür geöffnet wurde. Damit dies weniger teuer würde, gab man dem Tischler zwei überflüssige Türen. Die Kosten betrugen trotzdem noch 10 Tlr.

Den Organisten wollte man durch eine Kollekte bezahlen, aber sie erbrachte nur 2 Tlr. 11 Gr. 6 Pfge., erforderlich aber waren 20 Tlr. für den Organisten und 4 für den Balgentreter. Noch bis 1945 zahlte der preußische Staat einen monatlichen Betrag zum Gehalt des Pfarrers, Kantors und Küsters, aber nicht zu dem des Organisten, da dieser eine spätere Einrichtung war. Der Balgentreter wurde Souffleur genannt, wie der „Zuflüster" beim Theater.

Im Jahre 1789 erklärte ein Strumpffabrikant, daß die Leute, die während des Psalmengesanges auf die Empore kämen, nicht wüßten, welch Psalm gesungen würde. Er wollte daher auf eigene Kosten im Eingang der Kirche eine Tafel anbringen lassen. Die Lieder wurden also nur angesagt, aber nicht angeschrieben. Das Ansagen ist noch jetzt in den französisch-reformierten Kirchen üblich, obwohl es schon längst Tafeln gibt. Die Opferwilligkeit besserte sich, so daß die Kollekte für den Organisten 27 Tlr. brachte.

Am 30.9.1789 regnete es während des Gottesdienstes sehr merklich durch die Kuppel der Kirche. Der Baumeister Manger versprach, darüber nach Berlin zu berichten. Die Reparatur wurde zugesagt. Auch viele Scheiben mußten repariert werden, denn die Kinder in den Kasernen waren sehr ungezogen, warfen Scheiben ein und machten außerdem solchen Lärm, daß die Gottesdienste dadurch gestört wurden. Ein Polizist wurde gebeten, sich an jedem Sonntag vor der Kirchentür aufzustellen und auch in der Woche einige Male hinzugehen. Dafür erhielt er vierteljährlich 8 Groschen. Die gute alte Zeit!

Im gleichen Jahre wurde ein neues französisches ABC eingeführt. Die armen Kinder erhielten es umsonst. Später wurden diese Bücher Fibel genannt.

Am 24.10.1789 bat das Presbyterium den neuen König, Friedrich Wilhelm II., um ein Haus in der Pflugstraße, gegenüber dem Bassin, nicht weit von der Kirche. Beim alten König hatte man sich nicht getraut, etwas zu erbitten, aber mit dem neuen konnte man reden. Der König erfüllte den Wunsch durch Brief vom 30. Oktober. Die Gemeinde fand nun aber ein größeres Haus, in dem beide Pastoren, der Kantor und der Schulmeister wohnen konnten. Nun bat man den König, auch dies Haus zu schenken. Eine solche Bitte wäre beim alten König ganz unmöglich gewesen, dieser aber ging darauf ein. Am 1. 6. 1791 wurde es dem Presbyterium durch den bisherigen Besitzer, den Geheimrat Seydel, übergeben. Die noch vorhandene Schenkungsurkunde des Königs ist vom 28.7.1791 datiert, das Haus befindet sich noch im Besitz der Gemeinde.

 

Die Schule der Gemeinde

Im gleichen Jahre wurde ein Reglement für die Schule aufgestellt, aus dem hervorgeht, daß es zwei Lehrer gab, Noré und Delon. Zur Schule wurden die Kinder der Armen umsonst zugelassen, nachdem sie zuvor von der Gemeinde in passender Weise eingekleidet worden waren. In mancher Beziehung war man der Gegenwart doch noch in der Fürsorge über. Die Lehrer durften zwischen den armen Freischülern und den zahlenden Kindern keinen Unterschied machen. Leider sahen die Armen den Nutzen des Schulunterrichtes nicht ein und ließen ihre Kinder bummeln. Die gleichen Klagen stehen in den Akten aller unserer Gemeinden. An jedem ersten Mittwoch im Monat wurden alle Kinder durch den Pastor geprüft. In jedem Jahre fand eine öffentliche Prüfung der armen Kinder in der Kirche statt. Da es eine Kirchenschule war, so bestand selbstverständlich eine kirchliche und keine staatliche Schulaufsicht. Jeder Lehrer hatte in seiner Klasse vier arme Kinder, die andern zahlten Schulgeld. Nach einer im Archiv im Französischen Dom befindlichen Zusammenstellung aller Kantorengehälter von 1780 hieß der Kantor und Schulmeister Jordan, sein Gehalt betrug jährl. 108 Tlr. 28 Gr. 11 Pfge., dazu Schulgeld von französischen Kindern wöchentl. 17 Gr. Außerdem kamen noch viele zahlende deutsche Kinder. Dieser war also Kantor und Lehrer, der andere, Bonnet, war nur Schulmeister, er bekam 45 Tlr., dazu ½ Haufen Holz, frei angefahren und gehauen. Für die armen Kinder bekam er von der Gemeinde noch 8 Tlr. Pastor Pelet (auch Pellet geschrieben) erhielt seit dem 1.9.1777 jährl. 280 Tlr. aus dem französischen Etat, 200 aus der Kurmärkischen Domänen-Renthey (Rentamt), 50 aus der „Kassa montis pietatis", 50 als Mietsentschädigung. Barandon bekam nur 315 Tlr..

 

Alltagsprobleme und Tragödien

Eine starke Aufregung gab es, als das Presbyterium ein neues Gesangbuch einführen wollte. Bisher wurden nur die Psalmen gesungen, jetzt hatte das Presbyterium eine Sammlung von Psalmen, Hymnen und Chorälen drucken lassen. Es sollten also nur ausgewählte Psalmen gesungen werden; die Choräle waren völlig neu. Das Oberconsistorium verweigerte die Erlaubnis zur Einführung, weil dadurch die Einheit der Kirche zerstört würde. Den Vorfahren hätten die Psalmen genügt. Die Familienhäupter drohten, aus der Gemeinde auszuscheiden, wenn man ihnen das neue Liederbuch nicht gestatten würde. Sie erklärten, wenn den Vorfahren die Psalmen genügt hätten, so genügten sie jetzt eben nicht mehr. Die hier noch vorhandenen ungebundenen Bogen dieses Gesangbuches sind ein Opfer des Krieges geworden, gebundene Exemplare konnte ich nicht finden.

Unter den Familienhäuptern befand sich auch Herr de Catt, der bekannte Vorleser Friedrichs des Großen. Am 25.9.1791 wurde das neue Gesangbuch eingeführt, wozu die Gemeinde eingeladen wurde. Man gewinnt den Eindruck, daß es sich hier um einen Gegensatz zwischen alten und modernen Anschauungen handelte, wobei zu beachten ist, daß der Oberconsistorialrat Erman-Vater für die alten und der Pastor Erman-Sohn für die neuen Gesänge war.

Bei der Entrümpelung des Bodens im Jahre 1939 wurden noch große Pakete von Druckbogen vorgefunden, die nicht mehr zu Büchern eingebunden worden waren. da die Zeit der französischen Gottesdienste bald vorbei war.

Im Jahre 1794 stellte Pastor Erman den Antrag, deutsche Gottesdienste einzuführen. Er begründete dies damit, daß er nachwies, welche Gemeindeglieder nur Deutsch verstanden. Eine Antwort ist nirgends zu finden, so daß der Antrag einige Jahre später wiederholt wurde.

Der Küster betrank sich leider so stark, daß er einmal den Gottesdienst störte.

Als Pastor Henry im folgenden Jahre zum größten Bedauern der Gemeinde nach Berlin ging, um dort Bibliothekar an der Kgl. Bibliothek zu werden, wurde Papin aus Frankfurt-Oder zum Nachfolger gewählt, und zwar mit 38 Stimmen von 39. Dies scheint immer so etwa die Zahl der stimmberechtigten Familienhäupter gewesen zu sein.

Am 3.5. wurde der Friede zu Basel abgekündigt, der dem Krieg gegen Frankreich ein Ende machte.

Die Seelenzahl betrug damals immer um 150, dabei auch noch einige Spandauer. An der Feier des Abendmahles nahmen jähr1ich etwa 110 Personen teil. Bisher gab es einen Kantor und zwei Schulmeister, von denen wohl einer zugleich Küster war. Jetzt sollte die Kantorenstelle mit der andern Schulmeisterstelle zusammengelegt und dem Inhaber beide Gehälter gezahlt werden, wodurch die Stelle die beste in allen französisch-reformierten Gemeinden werden sollte. Das geschah erst 1797.

Papin beantragte sofort nach seinem Amtsantritt, daß ein Buch angelegt werden sollte, in das man alle Kopien der abgehenden Briefe schreiben würde. Dies geschah. Die beiden Bücher sind vorhanden bis 1816, sie enthalten wertvolle Berichte über die Seelenzahl, die Namen, die Zusammensetzung der Gemeinde und vieles andere. Papin las sich auch alle Akten durch, er war offenbar in der Verwaltung sehr eifrig.

Wenn in der Kirche Reparaturen auszuführen waren, so wurden sie vom später so berühmten Bildhauer Schadow besichtigt, (Siegeswagen auf dem Brandenburger Tor in Berlin) da er damals Inspektor, später Assessor der königlichen Bauten war.

Da am 3.9.1794 die Nicolaikirche abgebrannt war, so hielt die Gemeinde ihre Gottesdienste in der Heilig-Geist-Kirche. Dort vertrugen sie sich aber nicht und kamen dann in die Französische Kirche.

Am 23.11. 1795 starb „Henri Alexander de Catt, Domherr von St. Sebastian in Magdeburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und schönen Künste, früher Vorleser des verstorbenen Königs glorreichen Angedenkens, gebürtig aus Morges im Lande Vaud, 58 Jahre alt". Er wurde beigesetzt in der Gruft der Kirche zu Bornstedt. Es handelt sich hier um den bekannten Vorleser des Königs, der auch diesem gegenüber immer mutvoll seinen reformierten Glauben vertreten hatte.

Im Jahre 1796 wurde der Friedhof vor dem Nauener Tor geschlossen und ein neuer an der Teltower Vorstadt eröffnet.

In den folgenden Jahren wurde nur verhandelt über Reparaturen, Unterstützungen und Aufgebote. Im Jahre 1793 hatte man als Neuerung eingeführt, daß die Familien, die dazu bereit waren, sich zu Hause Sammelbüchsen hinstellten, die alle 4 Monate abgeholt wurden. Zuerst erbrachten sie in diesem Zeitraum etwa 22 Taler, sanken aber bis 1797 auf etwa 12 Taler. Eine ähnliche Einrichtung will die Kirchenleitung jetzt einführen. Die Seelenzahl stieg auf etwa 160, dabei ziemlich viele Kinder. Es gab 16 Familien, die unterstützt werden mußten.

Im Jahre 1800 erklärte Pastor Papin: Das Dach des Hauses ist so beschädigt, daß bei Regenwetter der Salon völlig überschwemmt ist, es wachsen dort Champignons! Der Kirchenälteste Le Coq bestätigte: „Ich habe mich durch den Augenschein - von der Wahrheit überzeugt!" Als ich dies in den Akten zum ersten Male las, habe ich gelächelt, 1945 habe ich dasselbe erlebt.

Die Einnahmen der Gemeinde sanken, die Ausgaben stiegen, darum sollten die Pastoren, Küster usw. alle Reparaturen unter 1 Tlr. selbst bezahlen.

Am 16.11.1801 tobte ein so furchtbarer Sturm, daß in der Kirche über 50 Fensterscheiben zerbrochen wurden.

Zur selben Zeit beschäftigte sich das Presbyterium wieder mit der Einführung deutscher Gottesdienste, die vom Oberconsistorium abgelehnt worden waren, da es noch immer der Ansicht war, das Französische wieder zur Kirchensprache machen zu können bzw. es als solche zu erhalten. Am 11.2.1801 forderten die Familienhäupter, es solle an jedem Sonntag nachmittags und viermal jährlich vormittags deutscher Gottesdienst sein.

Am 27.2.1803 mußte der Gottesdienst unterbrochen werden, da Stücke aus der Kuppel herabfielen. Die Gemeinde fand Aufnahme bei den mährischen Brüdern. Wo deren Kirche lag, wird nicht erwähnt. Am Karfreitag 1804 zog die Gemeinde wieder in die Kirche ein, ebenso auch ihr Untermieter, die Nikolai-Gemeinde.

Den Schulunterricht erteilte 1804 ein Huguenel, „Soldat im 1. Batl. der Garde S. Majestät". Da sich Schulunterricht und Exercieren oft gegenseitig störten, so wurde ihm sein letztes Militärjahr erlassen.

Zu einer schrecklichen Katastrophe kam es im Jahre 1805: Der verwitwete Pastor Erman heiratete ein Fräulein Sello, aus der Familie der Hofgärtner. Vierzehn Tage später sprang er in die Havel, um sich zu ertränken, wurde aber gerettet. Nun stellte er sich wieder auf die Kanzel und predigte, als ob nichts vorgefallen sei. Die Gemeinde hatte nichts dagegen, aber der König war empört und wollte ihn als Bibliothekar nach Berlin setzen. Da beging Erman wieder Selbstmord, diesmal mit Erfolg. Im Kirchenbuch und im Protokoll wird als Todesursache nervöse Apoplexie angegeben, die wirkliche Todesursache habe ich aus der 1914 von Wilhelm Erman herausgegebenen Geschichte des alten Konsistorialrates Erman entnommen. Es waren nun also in den letzten Jahrzehnten schon drei Pastoren in geistiger Umnachtung gestorben: Le Cointe, Pelet, Erman. Es findet sich nirgends eine Andeutung über Ermans Gründe, ob seine junge Ehe eine so furchtbare Enttäuschung war, daß er es schon nach 14 Tagen aufgab?

Der Besuch der Gottesdienste verschlechterte sich sehr.

Der Nachmittagsgottesdienst wurde im Jahre 1804 überhaupt nicht mehr besucht, so daß man ihn einstellte; aber auch der Vormittagsgottesdienst wurde sehr unregelmäßig besucht, da ja die Gemeinde kaum noch die französischen Predigten verstand. Die Zahl der Teilnehmer am Abendmahl betrug noch um 110, wahrend etwa 117 Mitglieder der Gemeinde zur Teilnahme berechtigt waren. Die Zahl der Kinder war mit 40 - 45 sehr hoch. Während jetzt immer Mann und Frau gemeinsam zur Gemeinde gehören wenn beide evangelisch sind, war es damals anders: es gab Männer, deren Frauen dazu gehörten, und solche, deren Frauen keine Mitglieder waren. Ebenso gehörten französische Frauen zur Gemeinde, deren deutsche Männer nicht Mitglieder waren

Nach Ermans Tode wurde sofort Isaac Henri Chodowiecky, ein Sohn des bekannten Kupferstechers, mit 30 von 43 Stimmen gewählt Bei seinem Amtsantritt war er 37 Jahre alt. In einem mir vorliegenden handgeschriebenen Werk über die französisch-reformierten Pastoren wird er als „ein Mann von Weltbildung ohne ch. Glauben" bezeichnet. Worauf der unbekannte Verfasser sein Urteil gründet, sagt er nicht. Außer Erman war noch Papin vorhanden. Der König wollte zwar keinen 2. Pastor mehr gestatten, da ja für die kleine Gemeinde einer völlig ausreichte, aber auf Bitten der Gemeinde billigte er dann doch die Wahl eines Nachfolgers. Womit diese beiden Pastoren, die zusammen nur 150 Seelen zu betreuen hatten, die Zeit verbrachten, ist mir nicht klar. Man lebte eben damals ganz anders, viel gemütlicher, wenn man konnte!

Am 15. Oktober 1806 wurden in einer Sitzung noch völlig nebensächliche Angelegenheiten besprochen, dann fanden bis zum Februar 1807 keine Sitzungen mehr statt, wo zum ersten Male vom Krieg gesprochen wird.

 

Französische Truppen in Potsdam und verordnete Union der lutherischen und reformierten Kirchen in Preußen

Bekannt ist, daß Napoleon in Potsdam war, im Stadtschloß wohnte, die Gruft in der Garnisonkirche besuchte und Friedrichs Degen mitnahm. Im Protokoll steht nur, daß wegen des Krieges keine Kollekte mehr für den Organisten gesammelt werden sollte, auch wird erwähnt, daß französische Truppen in die Stadt eingezogen seien. Die Armen der Gemeinde hatten kein Holz erhalten, da „die französischen Autoritäten" die von der Gemeinde ausgestellten Holzscheine nicht anerkannt hatten. Man wandte sich nun an den Kriegskommissar Teste, der setzte sein Siegel darauf und machte sie gültig. Dann aber wurden die Holzscheine der Gemeinde auch schon von sich aus als gültig anerkannt. An 34 Arme wurden 3 Haufen Holz verteilt, so daß die meisten nur einige Stücke erhielten.

Im Juni 1807 wurde Pastor Papin von der Bürgerschaft der Stadt zum Mitglied einer Deputation ernannt, die sich nach Tilsit zu Kaiser Napoleon begeben sollte, um eine Herabsetzung der Kontribution zu erreichen, die der Stadt auferlegt war. Damals zahlte nicht nur der Staat in seiner Gesamtheit dem Sieger einen Tribut, sondern noch jede einzelne Stadt. Das kirchliche Leben ging weiter; in den Akten wird von den allgemeinen Verhältnissen nichts erwähnt. Bis zum Jahre 1809 sind in den Akten keine Verfügungen der Regierung oder des Oberconsistoriums vorhanden. Im Jahre 1808 beschloß das Presbyterium an Herrn Martin einen Dankbrief zu senden, weil er in Abwesenheit des Lehrers Huguenel dessen Tätigkeit als Lektor und Kantor ausgeübt hatte. Huguenel war nämlich wegen seiner Sprachkenntnisse als Dolmetscher zum Kommandanten befohlen worden. Als dieser 1809 die Stadt verließ, nahm Huguenel seine Tätigkeit in der Kirche wieder auf.

Die Seelenzahl war im Kriege von 156 auf 143 gesunken. Im 2. Weltkrieg sank sie von 230 auf 120 durch Tod und Flucht.

Es gab damals in Potsdam ein „Verpflegungs-Büreau", wohl ein Proviant-Amt, das die Kirche als Lagerraum benützt hatte, besonders für Heu und Stroh. Diese Verwendung von Kirchen war damals ganz selbstverständlich. Der bekannte Bildhauer Schadow wollte als Direktor der königl. Bauten den um die Orgel angebrachten Verschlag nicht eher entfernen lassen, bis die Kirche repariert sei, denn es war großer Schaden entstanden.

Die erste Verfügung der Regierung datiert vom Januar 1809 und besagt, daß die Bekanntmachung gegen die Deserteure jetzt wieder von den Kanzeln zu verlesen sei. Im März mußten die silbernen und goldenen Abendmahlsgeräte und die Taufkanne gemeldet werden, im Oktober wurden sie gestempelt.

Die letzte Verfügung in französischer Sprache erging am 15. 11 1809 und teilte die Aufhebung des französischen Oberconsistoriums mit. Tatsächlich handelte es sich hierbei um eine völlige Auflösung der reformierten und der lutherischen Kirche in Preußen, also um eine Tat, wie sie weder vorher noch nachher jemals in Preußen geschehen ist, die aber von der späteren Geschichtsschreibung so schamhaft verschwiegen worden ist, daß überhaupt nur wenige von dieser Tat Friedrich Wilhelms III. etwas wissen. Es gab nun überhaupt keine Kirche mehr, sondern die Gemeinden wurden direkt der Regierung unterstellt, die eine Abteilung für Kultus einrichtete. Die bisherige Staatskirche wurde also in eine Unterabteilung des Staates umgewandelt. Die Kirche und die Gemeinden nahmen diese Tat schweigend hin. Man überlege sich einmal, wenn dies nicht 1809, sondern 1909 oder 1939 oder 1949 geschehen wäre, ein Sturm der Entrüstung wäre nicht nur durch die Kirche, sondern die ganze Welt gegangen. Durch eine Kabinettsorder wurden auch die französischen Colonien aufgehoben, es gab also keine französischen Bürgermeister, Richter und Handelsprivilegien mehr, aber noch französisch-reformierte Gemeinden. Näheres darüber steht in meiner Geschichte der französischen Kirche zu Berlin.

Im Jahre 1810 ging es der Gemeinde so schlecht, daß sie die Feuerversicherung nicht mehr bezahlen konnte, da die Wertpapiere wenig Zinsen brachten. Da die französischen Colonien aufgehoben worden waren, so nahm der Magistrat im Jahre 1812 der Gemeinde ihre Schule fort. Dagegen erhob sie Einspruch unter Hinweis auf eine Verordnung vom 13.11.1711, nach der die französischen Gemeinden sich ihre Pastoren und Lehrer selbst wählen. Dies wurde anerkannt und die Schule nicht enteignet.

Vom Zuge nach Rußland im Jahre 1812 ist kirchlich nichts zu finden, von den Freiheitskriegen sehr wenig, während ich in den Akten anderer Gemeinden, z. B. Groß-Ziethen, mancherlei über kirchliche Feiern in dieser Zeit gelesen habe. Im Mai 1813 wurde für die verwundeten Soldaten eine Kollekte gesammelt, die nur 14 Groschen brachte. Die Begeisterung scheint also nicht sehr groß gewesen zu sein. Das Presbyterium schämte sich und erhöhte den Betrag aus der Kasse auf 2 Tlr. Die 2. Sammlung im Oktober brachte 2 Tlr. und 20 Groschen.

Im Jahre 1816 hielt die Nikolai-Gemeinde noch immer ihre Gottesdienste in der Französischen Kirche. Als nun der König befahl, zur Pflege des religiösen Geistes besonders auf sichtbare äußere Zeichen zu achten, stellten die Nicolaiten ein Kruzifix und 2 Leuchter auf den Altar, die aber nach dem Gottesdienst immer fortgenommen wurden.

Im folgenden Jahre verkaufte die Gemeinde eins ihrer 3 Häuser, nämlich das in der Charlottenstraße 47, früher Pflugstraße, wo später die Kreditbank war. Dies Haus war 1773 auf Kosten des Königs erbaut und 1791 für 5000 Taler durch das Kgl. Hofbauamt dem Hofrat Seydel abgekauft worden. Am 28.7.1791 schenkte es der König zusammen mit den beiden Häusern in der Junkerstraße, jetzt Gutenbergstraße 77 und 78, der Gemeinde, die ja zwei Pfarrer hatte. Jetzt verkaufte es die Gemeinde am 1.5.1817 für 1450 Taler an den Polizeikommissar Lehnhardt. Dieser außerordentlich niedrige Preis zeigt, daß es wohl wenig Geld gab. Die beiden Häuser in der Junkerstraße waren für 3000 Taler vom Kgl. Musikus Maurer gekauft worden.

 

Die erste Synode

Als im November 1817 zur ersten französischen Synode eingeladen wurde, machte der Pastor einen Bericht, der sich in den Akten befindet.

Es sollte berichtet werden über den geistlichen Stand der Gemeinde und die Mittel, den religiösen Geist zu erneuern. Der Pastor beginnt, indem er darauf hinweist, daß auch der Glaube des einzelnen Gemeindegliedes zum Thema gehöre, darüber aber sei nach reformatorischer Auffassung jeder nur Gott verantwortlich, darum wolle er nur über die Sitten und die öffentliche Ausübung der Frömmigkeit berichten. Er stellt dann der Gemeinde ein sehr lobendes Zeugnis aus. Nur einmal mußte er in einem Ehestreit vermitteln, wonach auf die Scheidung verzichtet wurde. Nach längeren Ausführungen, daß auch jemand fromm sein könne, der nicht zur Kirche komme, gesteht der Pastor endlich den sehr schlechten Kirchenbesuch ein. Er zeigt das gleiche Bild, wie in unserer Zeit: ein geringer Teil der Gemeinde kommt regelmäßig zum Gottesdienst, bei den andern sind mündliche und schriftliche Einladungen völlig vergeblich gewesen. „Unzugänglich den Ermahnungen ihrer Pastoren in den Kirchen, die sie nicht mehr besuchen, wissen sie geschickt jedes ernste religiöse Gespräch zu vermeiden oder zu unterbrechen bei den Besuchen der Pastoren, sie leihen ihr Ohr nur der Stimme des Pastors bei der Konfirmation, der Taufe oder der Trauung." So heißt es wörtlich in diesem Bericht aus der sog. guten alten Zeit. Nun lobt der Pastor seinen Eifer, das Vertrauen der Gemeinde zu gewinnen. Darauf kommt er auf eine Frage, die auch in unserer Zeit in der Kirche viel erörtert wird: Soll man die alte Kirchenzucht wieder einführen und die Deserteure des öffentlichen Gottesdienstes (so nennt er sie) wieder zurückbringen? Er lehnt das als Gewissenszwang ab und schlägt dann vor, den Glauben selbst zu reformieren, es bleibt jedoch unklar, was er damit meint. Diese Gleichgültigkeit ist der Geist des Jahrhunderts, wozu dann aber eine besondere Schwierigkeit für die französischen Gemeinden kommt, die in den Gottesdiensten eine Sprache sprechen, die von den Gemeindegliedern nicht verstanden wird. Diese Sprache mußte man beibehalten wegen der Versuche, die Gemeinden mit den deutsch-reformierten zu vereinigen. Es ist da viel versäumt worden, die Pastoren hätten müssen so gut in der deutschen Sprache unterrichtet werden, daß sie deutsch und französisch predigen könnten. Es gäbe in jeder Gemeinde zwei Richtungen, die eine für französische, die andere für deutsche Gottesdienste, beiden müßte ihr Wunsch erfüllt werden. Man solle jeder Gemeinde die Regelung ihrer Gottesdienste selbst überlassen, nur die Liturgie und die Gesänge sollten in allen dieselben sein. Er meint allerdings, daß auch die Einführung der deutschen Sprache die Gleichgültigen nicht wieder würde zum Gottesdienst zurückführen, aber andererseits würde die Beibehaltung nur der französischen Sprache den Untergang der Gemeinden herbeiführen. Der Geist des Jahrhunderts liebt den Pomp, darum fordert man auch für die Kirchen Bilder, Kerzen usw. Er lehnt das ab, man soll am hellen Tage keine Kerzen anzünden, um damit das erste heilige Abendmahl nachzuahmen. In Holland und Frankreich ist es üblich, daß immer 12 Personen um den Abendmahlstisch treten, das geht hier nicht, weil die Zahl der Teilnehmer oft unter 12 bleibt. Bei den Taufen kommt die Sitte auf, daß man die Paten mit dem Kind zur Kirche schickt, während die Eltern zu Hause bleiben. Er bemängelt dann die Taufliturgie, die nur allgemeine Redensarten enthält.

Im Dezember 1817 fand in Berlin die erste Synode der französisch-reformierten Gemeinden statt. Leider waren die Pastoren dadurch, daß sie seit ihrer Einwanderung niemals Synoden hatten, diesen völlig entwöhnt. Sie wußten mit ihrem Recht nichts anzufangen, sondern stritten sich, ob das Consistorium der französischen Kirche zu Berlin der neuen Synode über oder untergeordnet sei, oder ob die fünf dortigen Gemeinden nicht für sich eine Synode bilden, nämlich das Consistorium. Pastor Chodowiecky berichtete zwei andern Pastoren vom Gang der Synode und bezeichnete sie als eine Tragikomödie. In den Akten befinden sich 26 eng beschriebene Seiten mit Berichten über die Synode, die uns einen Einblick in die damaligen kirchlichen Verhältnisse und Anschauungen geben.

 

Zwistigkeiten

In den nächsten Jahren folgten dann Streitigkeiten mit der Nikolaigemeinde, die noch immer ihre Gottesdienste in der Französischen Kirche hielt. Die französische Gemeinde sollte immer mehr zurückgedrängt werden, die ihr gehörige Kirche wurde als nur ihr „eingeräumt" bezeichnet. Es kam schließlich dahin, daß der französische Pastor den lutherischen Küster Schneider beleidigte, worauf der Magistrat ihn ermahnte, daß ein Geistlicher sich stets durch Ruhe und liebreiches Betragen auszeichnen müsse. Die Regierung trat für den Pastor ein, da dieser zuerst gekränkt worden sei; es waren lange und unerfreuliche Verhandlungen. Die Brüderlichkeit der Nikolaiten ging schließlich sogar so weit, daß sie erwogen, die Französische Kirche abzureißen und sich an der Stelle eine neue zu bauen; nur der schlechte Baugrund verhinderte diese brüderliche Tat, wie man auf Seite 10 der Geschichte der Nicolai-Kirche lesen kann! Daß die Gottesdienste in der Französischen Kirche stattfanden, wird dort nicht erwähnt! Die Streitigkeiten mit der Nicolai-Gemeinde beherrschten diese ganzen Jahre. Es ging z.B. darum, wer die Besen bezahlte usw. Da die Nicolai-Gemeinde an den Festtagen ihre Gottesdienste sehr in die Länge zog, kam es vor, daß die französische Gemeinde erst mit einer Stunde Verspätung anfangen konnte. Darum bestimmte die Regierung am 18.7.1825, daß die andere Gemeinde vom Beginn der Passionszeit bis Pfingsten bereits um 8 Uhr beginnen sollte.

Die französische Sprache wurde noch immer als Kirchensprache gebraucht. Wenn der Pastor die 5 Ältesten zu einer Sitzung einlud, unterschrieben sie „viendra", wird kommen, oder „vu", gesehen; auch sonst antworteten sie ihm mit Bemerkungen in französischer Sprache. Die Gottesdienste wechselten meist so ab, daß auf einen in französischer zwei in deutscher Sprache folgten. Pläne über die Verteilung sind für die Jahre um 1830 vorhanden.

In dieser Zeit wurde verschiedentlich versucht, die französischen Gemeinden mit den deutsch-reformierten zu vereinigen. Die französischen Gemeinden lehnten das ab, da sich die deutsch-reformierten von den Lutheranern nur wenig unterschieden. Die Gründe für die Ablehnung waren materieller Art; die Franzosen gaben an, sie hätten keine Gebühren zu zahlen. Diese materielle Antwort erfolgte auf ebensolche materiellen Angebote, man versprach nämlich den Pastoren Gehaltserhöhung. Dann aber verwies eine Denkschrift auch auf andere Unterschiede. Es heißt darin z.B.: „Bei uns wird, wie in den ursprünglichen christlichen Kirchen, Almosen und Armenpflege nicht als Polizei-Sache, sondern als religiöse Angelegenheit betrachtet." Das ist richtig. Zugleich mutet es uns jedoch eigenartig an, wenn wir lesen, daß die Vereinigung tatsächlich nur mit äußeren Gründen abgelehnt wurde, die man in einen Satz zusammenfassen kann: Die Gemeindeglieder stehen sich so besser! In unserer angeblich so materialistischen Zeit begründen wir eine Ablehnung mit unserm französisch-reformierten Glauben, unserer alten französischen Kirchenordnung und der hugenottischen Tradition. Niemand würde sagen: Bei uns sind die Gebühren niedriger. Der 12 Seiten lange Bericht des Pastors ist recht interessant.

Als im Jahre 1831 die Cholera ausbrach, mußte in den Kirchen dagegen gebetet werden. Wo sie aufhörte, wurden Dankgottesdienste gehalten.

Der Konfirmandenunterricht scheint damals noch nicht allgemein gewesen zu sein, so daß die Pastoren ermahnt wurden, ihn einzuführen, wobei jedoch Zwangsmaßnahmen vermieden werden sollten.

 

Schinkel'sche Erneuerung des Innenraums der Kirche

Im Jahre 1832 folgte auf den Pastor Chodowiecky nun Lorenz aus Prenzlau. Von jetzt an werden alle Einladungen usw. in deutscher Sprache geschrieben, auch die Kirchenbücher. Lorenz stellte am 16.8.1832 den Antrag, die Kirche innen völlig umzugestalten, da sie zu klein und bei ihm so überfüllt sei, daß er gar nicht in die Sakristei könne, sondern gleich zur Kanzel gehen müsse. Er schlug u. a. vor, eine zweite Empore zu errichten. Die Gottesdienste sollten in der Heilig-Geist-Kirche von 8 - 10 Uhr stattfinden.

Von ihrer Erbauung bis zum Umbau 1833 war die Kirche innen anders eingerichtet als jetzt. In der Gegenwart passen sich die hinteren Bänke genau der Rundung der Kirche an, während die Bänke in der Mitte im flachen Bogen stehen. Das war früher anders, denn alle Bänke, auch in der Mitte, verliefen parallel zu den hintern Bänken und den Wänden. Wenn also jemand die Kirche betrat und setzte sich gleich rechts oder links hin, so hatte er den Pastor vor sich, genau wie jetzt; wenn er aber in der Bank weiterging, so machte diese einen scharfen Bogen, setzte er sich nun am Ende derselben hin, so hatte er den Pastor schräg hinter sich. Die Bänke stiegen nach hinten wie im Zirkus, und zwar war der Fußboden der hintersten Bank etwa 1 m über dem Pflaster der Kirche. Die Kanzel befand sich schon an der Stelle, wo sie jetzt ist, die Orgel jedoch nicht über dem Eingang, sondern vor dem Fenster auf der rechten Seite, vom Eingang aus betrachtet. Zu den erhöhten Bänken führten schräge Aufgänge. Die Treppe zur Kanzel befand sich links außen an der Sakristei. Der Pastor hatte beantragt, die Sakristei ganz aus der Kirche zu nehmen und hinten anzubauen, um so mehr Platz zu gewinnen. Der Abendmahlstisch stand nicht unter der Kanzel, sondern viel mehr in die Kirche hinein. Auch die kleine Erhöhung vor der Kanzel fehlte, da der Pastor beim Beginn des Gottesdienstes sofort auf die Kanzel ging. Die Bänke wurden nun so angeordnet, daß jeder den Pastor sehen konnte, unter der Kanzel eine Erhöhung gemauert, auf der dann der Abendmahlstisch wie ein Altar stand; dieser ganze „Altarraum" wurde durch Bänke für die Kirchenältesten abgeschlossen, so daß ein „enclos" entstand. Die Orgel wurde über den Eingang gestellt. Oben auf die Kirche kam nach dem Wunsch des Pastors ein Kreuz. Dieser Wunsch zeigt, wie sehr er sich bereits von der alten reformierten Tradition entfernt hatte, nach der Kreuze weder auf dem Abendmahlstisch noch auf der Kirche sein dürfen. In der Kuppel wurden die nach oben immer kleiner werdenden Kassetten angebracht, die den Eindruck erwecken, als ob sie sehr hoch sei. Das auf Schinkels Anweisung gefertigte Gipsmodell der Kuppel ist noch vorhanden, ebenso sein Entwurf für die Kanzelwand. Auf der linken Empore befand sich eine Fürstenloge. Der Umbau dauerte von Ostern 1833 bis 1834. Während dieser Zeit wurden die Gottesdienste von 8 - 10 Uhr in der Heilig-Geist-Kirche gehalten. „Eingeweihet wurde sie wieder am 3. August 1834. Die Kosten beliefen sich auf 8000 Rt., welche Se. Maj. der König dem Baufond überwiesen." So steht es auf dem alten Plan.

 

Die Agende des Königs

Im Jahre 1836 kam es zu Ereignissen, die man aus begreiflichen Gründen in der Geschichte der Kirche nach Möglichkeit totgeschwiegen hat. Nachdem der König im Jahre 1817 die Union (Vereinigung der Lutheraner und Reformierten zu einer gemeinsamen preußischen Landeskirche) eingeführt hatte, arbeitete er selber eine Agende aus, also Formulare für die Gebete usw. im Gottesdienst und bei den andern kirchlichen Feiern. Die erste Ausgabe erfolgte 1822, berührte jedoch unsere Gemeinden noch nicht. Eine zweite Ausgabe im Jahre 1829 brachte eine größere Auswahl und versöhnte viele Gegner. Die strengen Lutheraner sahen in dem Zusammengehen mit den Reformierten eine schreckliche Ketzerei und wehrten sich dagegen. Die widerstrebenden Pastoren wurden mit Amtsentsetzung und Gefängnis bestraft, die Gemeinden mit polizeilichen Maßnahmen bedroht. Es soll sogar in Schlesien zu „Dragonaden" (Einquartierung von Militär) gekommen sein. Erst Friedrich Wilhelm IV. entließ die Pastoren aus dem Gefängnis und gestattete die Bildung der sog. altlutherischen Kirche. Im Jahre 1836 sollte die neue Agende auch von den reformierten Gemeinden eingeführt werden. Für diese bedeutete die Agende eine völlige Änderung ihrer Gottesdienste. Bisher war es so, daß zuerst der Kantor erschien, einen Psalm singen ließ, aus der Bibel einen langen Abschnitt verlas und im Anschluß daran die Gebote. Es folgten die damals üblichen Abkündigungen, nämlich nicht nur die Aufgebote, sondern auch die staatlichen Verordnungen. Nach weiterem Gesang erschien erst der Pastor und betrat sofort die Kanzel. Nun sollte der Abendmahlstisch so hingestellt werden, wie bei den Lutheranern der Altar, womit er tatsächlich zum Altar wurde. Der Pastor trat vor den Altar und verlas dann die lutherische Liturgie. Der Unterschied bestand nur darin, daß die Lutheraner die noch jetzt bei ihnen üblichen Zwischengesänge der Gemeinde haben, während bei den Reformierten alles vom Pastor verlesen wurde. Da die Lutheraner ihre Gottesdienste mit „Im Namen des Vaters" usw. und die Reformierten mit „Unsere Hilfe steht" usw. begannen, so hatte der König beide Anfangsformeln hintereinander gestellt, weshalb sie in den lutherischen Gemeinden noch beide gesagt werden, in den reformierten nur „Unsere Hilfe - -." In manchen reformierten Gemeinden blieb die Verlesung der Gebote durch den Lecteur, in andern hörte sie auf. Es gab nun in der Landeskirche die 3 Arten von Evangelischen, die es noch jetzt gibt, nämlich die Lutheraner, die Reformierten und die Unierten, die eine Mischung beider darstellen. Nach meiner Ansicht sind es Lutheraner mit reformierter Abendmahlslehre, die jedoch in ihrem sonstigen kirchlichen Denken völlig lutherisch sind. Es gibt natürlich auch lutherische Reformierte, worauf ich noch kommen werde.

Diese lutherische Gottesdienstordnung sollte nun auch von den reformierten Gemeinden eingeführt werden. Während es unter den Lutheranern Widerstand gab, nahmen die Reformierten sie sofort an. Am 23.6. 1836 berichtete Pastor Lorenz, er hätte die Einführung schon längst berichtet, aber die Gemeinde wollte nicht! Wir sehen hier das traurige Schauspiel, daß der Pastor sofort bereit war, die alte Ordnung der Väter aufzugeben, die Gemeinde aber nicht wollte, so daß er sie erst dazu überreden mußte. Den Ausschlag gab die Berliner Gemeinde, wo das Consistorium leider sofort gehorsam war, allerdings nur mit einer Stimme Mehrheit. Lorenz berichtete also nun freudig, daß die Gemeinde zugestimmt hätte, und knüpfte daran die Bitte, das Provinzialkonsistorium möchte ihm nun auch gestatten, andere Leute in die Gemeinde aufzunehmen. Der Pastor dachte so: Wenn ich euch einen Gefallen tue, dann könnt ihr mich dafür belohnen und mir auch einen tun, denn mehr Gemeindeglieder ergaben damals höhere Einnahmen. Das Konsistorium antwortete sehr kühl, wenn er nicht angenommen hätte, dann hätten sie befohlen; wegen der andern Angelegenheit solle er sich an die höhere Stelle wenden. Das tat er auch. Das Ministerium für die Geistlichen Angelegenheiten antwortete, es handele sich um zwei völlig verschiedene Angelegenheiten, die man nicht verbinden könne. (Das war richtig.) Eine Aufnahme beliebiger Personen sei unmöglich, da die französische Kirche Wohlfahrtseinrichtungen habe (Waisenhaus usw.), für deren Genuß französische Abstammung erforderlich sei. Der Antrag wurde abgelehnt. Der Pastor hatte sich offenbar weiter nichts gedacht, als sich eine vergrößerte Gemeinde zu schaffen, was die Regierung durchschaute und ihm schrieb. Wir sehen hieraus u.a. auch, daß es eine eigentliche „Kirche" gar nicht gab, sondern die Provinzialkirchen bildeten Unterabteilungen der Regierung! Diese Verbindung von „Thron und Altar" brachte der Kirche äußere Vorteile, aber innere Nachteile. Die Regierung ging auf den vom Pastor vorgeschlagenen Handel nicht ein, sondern forderte ihn kurz und sachlich auf, sich der neuen Agende zu bedienen.

 

Gemeindealltag Mitte des 19.Jahrhunderts

Im Jahre 1841 wurde der Bassinplatz, auf dem die Kirche steht, als ein Abladeplatz für Bauschutt erklärt. Das Gelände war dort früher viel niedriger als jetzt, so daß im Winter oder Frühjahr das Hochwasser bis an die hintere Treppe der Kirche reichte. Bevor der Platz geebnet wurde, sah es dort um 1840 sehr wüst aus.

Recht interessant ist ein Urteil des Pastors über das französische Gesangbuch von 1791: „Übertriebener Rationalismus, der zu einer Weltreligion die Flügel spannt und dessen Inhalt alles umfaßt, nur kein biblisches Christentum. Kaum der vierte Teil der Lieder kann eine sehr magere Erbauung gewähren." Über das deutsche Gesangbuch von 1829 urteilt er: „Würde sehr brauchbar sein, wenn darin nicht so viele Lieder verwässert und in Abänderung vorkämen, welche die Erbauung derer stören, denen diese Lieder aus früherer Zeit bekannt waren." Es folgern dann Urteile über die Melodien, die nur für Gesangbuchsachverständige wichtig sind, wir denken da an das neue Gesangbuch der Gegenwart.

In der Kirche zeigte sich 1843 der Schwamm, so daß das Betreten der Kanzel gefährlich wurde. Auch die Kuppel war nicht dicht, wodurch die gemauerte Wölbung schadhaft wurde. Es wird hier gesagt, die Hülle bestände aus Zinn, später heißt es Blei. Die Reparatur sollte 400 Tlr. kosten.

Bei einem Besuch des Gottesdienstes durch den König und die Königin hatte es sich als sehr störend erwiesen, daß während der Predigt noch immer Besucher kamen. Darum sollte ein besonderer „Türhüter" hingestellt und die Tür verschlossen gehalten werden. Dies machte dann der Küster. Später scheint es in der Gemeinde folgende Ämter gegeben zu haben: Pastor, Küster, Organist, Balgentreter, Kantor, Türsteher, bei 150 Seelen.

 Im Jahre 1844 kam das Provinzialkonsistorium auf den Gedanken, daß der Kirchengesang gefördert werden müßte. Es sollte darum die Aufmerksamkeit gerichtet werden auf den Gesang 1. in den Schulen, 2. in den Gottesdiensten, 3. in den liturgischen Chören, 4. auf den Eifer und die Befähigung der Organisten. Pastor Lorenz machte dazu einen sehr langen Bericht. Seine Berichte sind überhaupt immer sehr ausführlich und darum geschichtlich wertvoll: Bis vor einiger Zeit wurden nur die französischen Psalmen gesungen, und „die schönen deutschen Melodien erst seit wenigen Jahren eingeführt". Die Schule hat nur Kinder von 6 - 10 Jahren, sie singen 14 leichte Choräle und 12 - 16 andere Lieder. Der Gesang der Gemeinde ist „ganz erträglich". Dann heißt es: „Zu schneller, ins Tanzartige übergehender Gesang so wie ein langzerrendes Hinschleppen sind beide verboten" Aus den wenigen Schulkindern kann der befähigte Organist keinen Chor bilden, die Erwachsenen haben keine Lust dazu. Liturgischen Gesang gibt es nicht. „Nie gestatte ich, daß die Nachspiele Parade- oder Marsch- oder Tanzartig klingen." Diese ausdrückliche Erwähnung zeigt, daß es damals wohl derartige Nachspiele gegeben haben muß. Der Pastor bemängelt, daß das Gesangbuch keine Noten habe, während solche in den alten Psalmbüchern vorhanden seien. Darin waren die alten Psalmen also viel moderner als die damals neueren Gesangbücher.

Nachdem sie dies in Bewegung gesetzt, bemühte sich die Kirchenleitung um eine Feier des Reformationsfestes. Es sollte 1844 als Schulgottesdienst für die Kinder am eigentlichen Tage, als Gemeindegottesdienst am Sonntag vor oder nach dem 31. Oktober gefeiert werden. Der Pastor berichtete darauf, worüber er gepredigt habe, nämlich, um die Katholiken nicht zu verletzen, vom Kampf gegen Sünde, Laster und Lauheit. Man kann wohl sagen, daß die Kirchenleitung sehr aktiv und der Pastor sehr schreibefreudig war.

Darauf bekam er einen Streit mit dem Magistrat. Es war üblich, daß der Totengräber am Grabe eine verschlossene Büchse hinhielt zur Spende für die Armen der Stadt. Bei einem französischen Begräbnis hatte der Pastor zum Totengräber gesagt: „Das ist eine französische Leiche." Der beschwerte sich beim Magistrat, weil der Pastor verboten hatte; der schrieb an den Pastor; der antwortete, er hätte nicht verboten, sondern nur gesagt: „Dies ist" usw., er gestehe aber freiwillig ein, daß er verboten habe, da ein derartiges Sammeln nach der alten französischen Kirchenordnung verboten sei. Der Magistrat erklärte diese für eine alte längst erledigte Polizeiverordnung, der Pastor belehrte ihn darüber; der Magistrat behauptete, er sorge auch für die französischen Armen und nannte 2 Namen. Der Pastor wies nach, daß die Gemeinde eine eigene Armenpflege habe und die beiden Erwähnten ihm völlig unbekannt seien. Es ging zur Regierung, der Pastor willigte ein, daß vor der Friedhofstür gesammelt werden könne.

Bald folgte ein anderer Streit. Von der katholischen Kirche hatte sich die deutsch-katholische Gemeinde abgesondert und bat um Überlassung der Kirche. Das Presbyterium war einverstanden, die Regierung verbot es. Die Fortsetzung dieser Angelegenheit erfolgte nach 3 Jahren, ich will sie aber wegen des Zusammenhanges gleich hier behandeln. Die Deutschkatholiken waren nun böse und brachten Unruhe in die Gemeinde, worin diese bestand, wird nicht gesagt; anscheinend haben sie den Pastor und die Presbyter, volkstümlich ausgedrückt, „schlecht gemacht". Von den Deutschkatholiken zweigten sich anscheinend bald darauf die Christkatholiken ab und baten 1848 um die Überlassung der Kirche. Jetzt wollte das Presbyterium nicht. Die Regierung befahl, aber sie wollten nicht. Nun ging es hin und her: „Damals haben sie den Frieden gestört, weil wir nicht durften, jetzt wollen wir mit ihnen nichts zu tun haben, sie stören nur immer wieder." Schließlich wurde die Kirche doch bewilligt, und zwar von 8 - 10 Uhr. Dann aber wollten sie von 11 - 12 Uhr, das ging nicht. Auch nachmittags ging es nicht, weil da die Kirche schon von der Brüdergemeinde benützt wurde. Nun mischte sich der Feldpropst ein, der damals wohl eine Art Bischof gewesen zu sein scheint. Der lud die Kirchenvertreter vor, die Gemeinde weigerte sich, gestattete dann aber von 8 - 10 Uhr.

 

Geschlossene Kirchen am Heiligen Abend

Am 23.12.1739 hatte der König befohlen, am Weihnachtsheiligabend die Kirchen geschlossen zu halten, da so viel Unfug getrieben wurde. Nun wollte man im Jahre 1845 wieder versuchen, am „Vorabend vor Weihnachten" Gottesdienste zu halten. Es erging darum am 15.4. eine Verfügung. Die Pastoren sollten ihre „Diöcesanen", so nannte man damals die Gemeindeglieder, befragen, ob noch Unfug zu befürchten sei. Pastor Lorenz antwortete: Ich kann die Feier nicht einführen, denn auf dem Platz an der Kirche findet der Weihnachtsmarkt statt, da ist ein großes Getümmel, besonders abends bei Laternenschein, man sieht auch Berauschte. „Wie, wenn sich ein solcher in die Kirche verirrte? Das Polizeipersonal ist hier zu unbedeutend, um an diesem Abend aller Orten den Unfug abzuwehren; also darf ich meine Kirche der möglichen Entweihung nicht aussetzen." Ferner werden an diesem Abend die Geschenke vorbereitet und ausgeteilt, also kommt niemand. Außerdem ist der Pastor über 60 Jahre alt und kann nicht soviel Predigten vorbereiten. Für uns sind diese Gründe nicht stichhaltig, jedoch zeigen uns die kurzen Andeutungen, daß die allgemeinen Zustände damals durchaus nicht erfreulich waren. Wenn Herr Bischof Dibelius in seinem Hirtenbrief vom Januar 1952 schreibt, die letzten hundert Jahre, also von 1850 - 1952, seien ein „pausenloser innerer Abstieg" gewesen, so muß man dem entgegenhalten, daß die Zeit davor nichts von einer „inneren Höhe" zeigt. Wir dürfen uns die Vergangenheit nicht einfach künstlich von der Gegenwart her konstruieren, sondern müssen sie erforschen.

Im Jahre 1847 durfte die Brüdergemeinde die Kirche einige Zeit benützen.

 

Allerlei Neuerung nach 1848

Der Pastor mußte wieder berichten, ob und wie er das Reformationsfest begangen habe. Er predigte, es sei ein Irrtum, zu meinen, die Reformation sei beendet, sie müsse vielmehr fortgehen. Er scheint also einen fortschrittlichen Geist gehabt zu haben, wenigstens in mancher Beziehung. Nach einem Edikt vom 26.9.1739 sollte der Pastor den Abendmahlswein immer selbst besorgen und eingießen. Aus besonderen Gründen wurde diese Verordnung wieder erneuert. Offenbar haben die Küster vom Wein etwas abgenommen und durch Wasser ersetzt. Was es doch damals alles gab! Die Revolution von 1848 wird nicht erwähnt. Ein im Alter von fast 100 Jahren verstorbener Herr Huguenel erzählte mir, daß er von der elterlichen Wohnung am alten Markt (im Säulenhaus) zur französischen Schule gehen wollte, aber von der Brücke (zum jetzigen Platz der Einheit) die Bohlen abgenommen gewesen seien. Er mußte darum die nächste Brücke benützen.

Im Jahre 1849 sollte die Landeskirche reorganisiert werden. Darauf wandten sich die Gemeinden Stettin, Angermünde, Prenzlau, Berkholz, Buchholz und Bernau an die Berliner Gemeinde und baten, sie möchte sich dafür einsetzen, daß die Gemeinden in Brandenburg einschließlich Stettin und Magdeburg zu einer Synode zusammengeschlossen werden möchten. Berlin teilte dies Potsdam mit und bat um Einverständnis aller Gemeinden. Potsdam stimmte zu, die Gemeinden beschlossen, Berlin sollte wegen seiner Lage und Größe „Central- und Mutterkirche" sein. Der Minister für die geistlichen Angelegenheiten sagte zu, daß er sich bemühen wolle.

Da das Verhältnis zu den in der Kirche befindlichen Deutschkatholiken sich unerfreulich gestaltete, so forderte das Presbyterium deren Entfernung, da sie nur eine Sekte seien. Es mußten viele Briefe geschrieben werden, bis man sie 1851 endlich entfernt hatte.

Als Lorenz starb, folgte Pastor Coulon. Ain Ende des Jahres 1853 wollte er zum ersten Male einen Silvestergottesdienst halten. Das Konsistorium genehmigte unter der Bedingung, daß die Ortspolizeibehörde zugestimmt habe, die Beleuchtung durch freiwillige Beiträge gedeckt und Maßnahmen zur Verhütung der Feuersgefahr getroffen seien. In unserer Zeit, wo sich die Kirche so unfrei fühlt, brauchte man für einen derartigen Gottesdienst überhaupt keine Genehmigung. Auf eine Anfrage im Jahre 1854, ob auf Grund der Verfügung vom 16.8.1841 ein neues Gesangbuch eingeführt worden sei, teilte der Pastor mit, daß dies nicht geschehen sei. Im Jahre 1853 brach der Krimkrieg aus, und zwar zwischen Rußland und der Türkei, die von England und Frankreich unterstützt wurde. Da Rußland in den Freiheitskriegen den Preußen und Österreichern geholfen hatte, so erwartete es jetzt von ihnen Hilfe. Dadurch bestand in Preußen Kriegsgefahr, weshalb 1854 für die Erhaltung des Friedens gebetet werden sollte. Das erste Formular war recht kriegerisch, denn nach dem Gebet über den Frieden folgt ein Absatz „Sollte es aber..., so verleihe uns Schutz und Sieg…" Dies mußte dann aber weggelassen werden, bis es soweit sei. Es kam aber nicht soweit. sondern es konnte später für die Erhaltung des Friedens gedankt werden.

Die Pastoren mußten 1554 ermahnt werden, die Gottesdienste oder andere kirchliche Ordnungen weder confessionell oder anticonfessionell zu ändern. Es muß also wohl vorgekommen sein.

 

Und wieder war die Kuppel schadhaft

Der Pastor meldete 1855, daß die Kuppel schadhaft sei, und bat um Anlage einer Kirchenheizung. Die Regierung antwortete ablehnend und behauptete, keine Verpflichtung zu haben. Der Pastor suchte das Gegenteil zu beweisen.

Die Kirchenleitung ordnete eine ganze Reihe von kirchlichen Feiern an. Am 5.6.1855 mußte der 1100jährige Todestag des Bonifazius begangen werden. Im Jahre 1955 waren es 1200 Jahre. Am 25.9.1555 wurde in Augsburg der Religionsfriede geschlossen, der den Evangelischen gewisse Freiheiten brachte. Auch dieser Tag mußte gefeiert werden. Im Jahre 1955 waren es 400 Jahre.

Die Kirchenleitung klagte über die Entheiligung des Sonntags. Es seien wohl Gesetze vorhanden, aber „die von Amtswegen die Übertretung der Sonntagsgesetze zu strafen haben", übertreten selbst den Grundsatz. Der Sonntag wurde damals nach jüdischer Art gerechnet, vom Sonnabend um 6 Uhr abends bis zum Sonntag um die gleiche Zeit. Es gab an den Sonntagen Jahrmärkte, Fabrikarbeit, Lohnzahlungen, Arbeiten in kaufmännischen Betrieben, Fortbildungsschulen. Außer vernünftigen Forderungen stellte die Kirche aber auch die unmögliche, daß während der Kirchzeit keine Güterzüge fahren sollten.

Am 30. und 31. Dezember 1853 „sind verschiedene größere und kleinere Stücke von Mörtelputz und Steintrümmern während des Gottesdienstes von dem Gewölbe der französisch-reformierten Kirche hierselbst herabgefallen", so heißt es im Gutachten der Regierung. Als Grund wird der schadhafte Belag der äußeren Verkleidung der Kuppel angegeben. Es lief Wasser durch, sammelte sich in den Spalten, fror, taute, löste den Verband. Die Gottesdienste fanden in der Armenhauskirche statt. Da die Regierung das Geld abgelehnt hatte, so bewilligte der König 5300 Taler. Die Kosten betrugen 5587 Taler. Da die Gemeinde die fehlenden 287 Tlr. nicht aufbringen konnte, bewilligte der König noch nachträglich 280 Taler. In diesen Kosten waren enthalten die Gasheizung mit 385, das Gitter um die ganze Kirche 462, das Vergolden des Kreuzes auf der Kirche mit 13 Talern „Für Anfertigung einer neuen Kanzel unter Benutzung des alten Materials" wurden 32 Tlr., für „Erweiterung des Parquets (Raum um den Abendmahlstisch) und zufolgedessen der Veränderung der unteren Stühle" u. a. 78 Tlr. Der Maler André erhielt 144, der Fliesenleger 22, der Orgelbauer 81, der Tapeziermeister Cordier 16 Tlr.

 

Eine Lutheranisierung und das Leben der Pastoren seinerzeit

In diesen Jahren wurde ganz unbewußt in den reformierten Gemeinden eine weitere Lutheranisierung vollzogen, und zwar ging sie vom Konsistorialrat Fournier aus, der als Geistlicher Inspektor zur Wahrung des reformierten Bekenntnisses berufen war. Nach einer Kirchenvisitation in Potsdam forderte er, daß in die Liturgie ein Zwischengesang der Gemeinde eingelegt werden und sie auch sonst mehr der lutherischen angepaßt werden sollte. Er gebrauchte das Wort lutherisch nicht, aber seine Forderungen zeigen, daß er das Gefühl für lutherisch und reformiert verloren hatte. Der Pastor wollte auf alles eingehen, aber das Presbyterium widersetzte sich am 7.10.1858. Es zeigte sich auch hier wieder, daß die Presbyter reformierter waren als ihre Pastoren. Der Zwischengesang wurde abgelehnt, dagegen zugestanden, daß der Pastor nach dem Sündenbekenntnis einen Gnadenspruch sagen dürfe. In der lutherischen Kirche wird nach dem Sündenbekenntnis der Herr um Erbarmen angefleht, worauf der Pastor die Vergebung der Sünden verkündigt. So ist auch die Potsdamer Ordnung lutheranisiert worden. Nach der alten reformierten Ordnung, wie ich sie noch in Berlin halte, steht hinter dem Bekenntnis kein Gnadenspruch. Es ist religiös völlig unmöglich, daß der Pastor jeden Sonntag einfach den Anwesenden die Sünden vergibt oder die Vergebung der Sünden verkündigt, indem er Gott auf diese Weise bevormundet und ihm sein Strafrecht entzieht. Die Ereignisse haben oft genug gezeigt, daß „der Herr unser Gott ein eifriger Gott ist, der die Sünden heimsucht", obwohl der Pastor sie Sonntag für Sonntag vergeben hat. Dies ganze Gebiet ist viel zu ernst, als daß man es mit einem liturgischen Schema erledigen könnte. Wir sollen im Gottesdienst wohl unsere Sünden bereuen und Gott um Vergebung bitten, müssen es jedoch ihm überlassen, ob er es tun will. Wir sehen, wie stark der lutherische Einfluß war, ohne daß die Pastoren es merkten. Zugestanden wurde auch, daß eine Gemeindeliste angelegt werden sollte, die selbstverständlich schon längst hätte vorbanden sein müssen, früher auch da war. Ferner sollte an jedem Mittwoch ein Abendgottesdienst gehalten werden. Der Pastor wollte diesen wegen seiner geschwächten Gesundheit jedoch nur alle 14 Tage halten. Am 19. 4.1860 wurde Melanchthons 300jähriger Todestag durch einen solchen Abendgottesdienst feierlich begangen.

Im Jahre 1861 wurden Kirchenaustritte ermöglicht, und zwar mußten sie dem Gericht zweimal gemeldet werden. Nach der ersten Meldung erhielt der Pastor eine Mitteilung zwecks Rücksprache, war diese erfolglos, so folgte eine zweite Meldung beim Gericht, von diesem an den Pastor, der den Austritt von der Kanzel verkündigte.

Die alten Akten enthalten mancherlei Interessantes über die Pflichten und Rechte der Pastoren, die damaligen kirchlichen Anschauungen u. a. So hatten sich die Pastoren bei der Trauung von Beamten die Erlaubnis der Behörde vorlegen zu lassen, beim Tode von Lehrern zu melden, ob sie Orden hatten, nämlich zwecks Rückgabe; sie hatten vor der Trauung unehelicher Mütter die Vormundschaft für deren Kinder zu ordnen, sie mußten „Atteste über den Gesundheitszustand oder das Alter" ausstellen. Wenn sie dabei nicht das vorgeschriebene Formular benützten, so vergingen sie sich gegen die „Allerhöchste Cabinets-Ordre" vom 18. Oktober 1836, was geahndet wurde; auch durften Urlaubsgesuche nur auf Stempelbogen eingereicht werden, die Geld kosteten. Ganz modern mutet eine Anweisung von 1836 über den Konfirmandenunterricht an. Der Pastor soll sich nicht als „gewöhnlicher Lehrer" fühlen, sondern als Seelsorger. Der Unterricht soll darum nicht in der Schule, sondern nur im Pfarrhaus stattfinden, die Kinder sollten nicht geschlagen werden, da der Pastor sonst wegen „Gewalttätigkeit" vor ein Gericht gezogen werden müßte, die Kinder sollten vom Unterricht eine freundliche Erinnerung in das Leben mitnehmen. Ob diese Verordnung jemals allgemein durchgesetzt wurde, weiß ich nicht; als ich um 1907 Konfirmandenunterricht hatte, durften wir beiden Konfirmanden das Pfarrhaus nicht betreten, sondern mußten uns in einer einsturzreifen Schule versammeln; da ging dann der Pastor mit dem Rohrstock vor uns beiden wie ein Tierbändiger auf und ab. Ganz modern mutet auch ein Ministerialerlaß vom 10.7.1843 an, zumal im Hinblick auf den Hirtenbrief des Herrn Bischofs Dibelius vom Januar 1952, der die letzten 100 Jahre als Abstieg bezeichnet. Im alten Erlaß heißt es: „Des Königs Majestät haben bereits vor längerer Zeit über den ungünstigen Zustand sich zu äußern geruht, in welchem das kirchliche Gemeindewesen, insbesondere die Seelsorge und das Verhältnis der seelsorgerischen Kräfte zu der Zahl und den Bedürfnissen der Gemeindeglieder - - sich befindet, - -". Der Minister sollte Vorschläge zur Verbesserung einreichen. SM habe diese nun „zum Gegenstand meines angelegentlichsten Nachdenkens gemacht" und ist „zu der Überzeugung gekommen, daß die evangelische Kirche, wenn ihr wahrhaft und dauernd geholfen werden soll, nicht nur von Seiten des Kirchenregiments geleitet, sondern vornehmlich aus eigenem, innern Leben und Antrieb erbaut sein will". Es wird dann genau wie im modernen Hirtenbrief darauf hingewiesen, daß die Belebung nicht von der Regierung und nicht vom Gelde, sondern von der Gemeinde herkommen müsse.

Die Kreissynoden sollten beraten und Vorschläge machen. Die gemachten Vorschläge sind leider in den Akten nicht vorhanden. Das Urteil des Herrn Bischofs von 1952 zeigt auch, daß die Vorschläge vergeblich waren und nichts zu ändern vermochten. Die Schuld liegt zum Teil beim Staat, denn obwohl die Gemeinden immer größer wurden, vermehrte man die Zahl der Pastoren nicht. Superintendent Alberti in Niemegk erzählte mir, daß er nach 1870, als die beiden Pastoren einer Berliner Gemeinde beurlaubt waren, als junger Hilfsprediger ganz allein eine Gemeinde von 70000 Seelen zu betreuen hatte. Die größte Schuld trifft Wilhelm I., der auf keinen Vorschlag zur Vermehrung einging, sondern alles im alten Zustand lassen wollte. Ein späterer Erlaß zeigt, daß man damals alle Hoffnung auf die Synoden setzte. Die Zeitungen beschäftigten sich jetzt mit den Mißständen der Kirche und den „in ihr obwaltenden Richtungen". Obwohl das Königl. Konsistorium und Schul-Kollegium der Provinz Brandenburg durchaus für freie Äußerungen zu sein behauptete, so war es doch dagegen und verbot den Pastoren jede Beteiligung an derartigen Veröffentlichungen. Ein überaus wichtiger wirtschaftlicher Vorgang wird einmal kurz angedeutet, nämlich, „die seit der Separation oder der Abbauung der Bauernhöfe auf dem Lande erfolgte große Vermehrung der Tagelöhner, welche für jede kirchliche Einrichtung bedeutende Schwierigkeiten darbietet, ähnlich wie die Anhäufung der Fabrikarbeiter in den größeren Städten". Die Kirche sah die Schwierigkeiten, hoffte auch auf Vermehrung der Pastoren, wurde aber mit den Schwierigkeiten nicht fertig. Es wurde gefordert, die Pastoren sollten mit den Konfirmierten Catechisationen halten, was die Pastoren jedoch als veraltet ablehnten.

Gedacht ist wohl hier an folgendes: Früher besaß nicht jeder Bauer seinen bestimmten Acker, sondern er wurde jährlich nach der Zahl der Hufen, die jedem zukam, neu verteilt. Bei der Separation um 1835 wurde dann jedem sein festes Stück zugeteilt, daß er nun als Privateigentum besaß. Es scheint, daß dabei manche Kleinbauern zu Tagelöhnern wurden. Außerdem war bei der Bauernbefreiung um 1809 die an die Gutsbesitzer zu zahlende Entschädigung so groß, daß sie nicht in Geld, sondern in Acker gezahlt worden ist oder werden mußte. Hinzu kam das sog. Bauernlegen, also das Einziehen von Bauernhöfen, die einem Gutsherrn gehörten, oder das Aufkaufen der Bauernhöfe durch ihn. Durch diese verschiedenen Ursachen entstand ein ländliches Proletariat, das sich nicht mehr ernähren konnte, und nun bei der zunehmenden Industrialisierung in die Städte strömte, wo die Gemeinden in der erwähnten Weise anwuchsen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß Friedrich Wilhelm IV. der einzige König war, der überhaupt gemerkt hat, daß in der Kirche nicht alles schön und herrlich war, sondern etwas geschehen müßte. Es geschah aber nichts.

Das Gehalt des Pastors betrug um 1850 in der Potsdamer Gemeinde 894 Taler jährlich, worin die mit 160 Talern angerechnete Wohnung enthalten war. Davon hatte er 8 Taler für Altersversorgung, 15 Taler Communalsteuern und 30 Taler Staatssteuern zu zahlen, wovon allerdings 20 Taler für die in Potsdam übliche Schlachtsteuer in Abzug kamen.

Bemerkenswert erscheint mir ein Hinweis, daß um 1853 in den Großstädten kirchliche Begräbnisse „nur noch in sehr beschränktem Maße" vorkamen. Die Pastoren sollten nun versuchen, dies wieder einzuführen und sollten sich anbieten. Die neue kirchliche Lebensordnung von 1952 versucht das Gegenteil, nämlich den Zugang zu den kirchlichen Amtshandlungen möglichst zu erschweren.

Nun möchte ich noch etwas berichten, was dem Pastor Lorenz sicher viel Freude gemacht hat. Am 15. Oktober 1840 war er zum „Diner im Königlichen Schlosse" eingeladen. Den Anlaß dazu gab der Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. Es freut mich, daß Lorenz offenbar einen historischen Sinn hatte, denn er heftete sowohl seine Einladung als auch das Verzeichnis der Speisen in die Akten. Vielleicht interessiert es manchen zu wissen, was man damals gegessen hat. Es gab 12 Gänge. Nach zwei Einleitungsgängen gab es Rheinlachs und Zander mit Ragout von Austern, dann „Rinderfilets und Rinderbraten auf russische Art mit Erdtoffeln", dann grüne Bohnen u. a. mit Cottelettes und Schinken, dann gespickte Filets von Hühnern und Ragout fin, dann Fasanen u. a. Geflügel, daran schlossen sich die Mehlspeisen von Citronen und mit Creme, Gelée von Apfelsinen und Schokoladencreme, Kuchen, Gefrorenes, Dessert. Danach werden sie ja wohl alle satt und voll des süßen Weins gewesen sein.

 

Synodalia

Der in den vierziger Jahren gemachte Versuch zur Bildung von Synoden scheint nicht fortgeführt worden zu sein, denn die erste französisch-reformierte Kreissynode tagte am 8. März 1865 in Berlin im französischen Gymnasium. Pastor Coulon berichtete dazu, daß die Gemeinde nach seiner Schätzung 300 bis 350 Seelen habe, berichtigte jedoch im folgenden Jahre, nach einer genauen Zählung von Haus zu Haus habe sie nur 297 Seelen. Eine Mitgliederliste gab es also noch immer nicht. Am Abendmahl nahmen 447 teil, natürlich meist aus anderen Gemeinden.

Der Pastor Coulon veranlaßte das Presbyterium zu einem eigenartigen Beschluß; nämlich die 10 Taler, die von der Gemeinde jährlich an das theologische Seminar in Berlin gezahlt wurden, sollten von 1864 an dem Pastor gegeben werden, damit er sie für seinen Pflegesohn Sauvage aufheben könne. Zugleich wurde am 18. August 1864 wiederum das Einfügen eines Zwischengesanges abgelehnt.

Am 24. März 1870 wurde beschlossen, den Gottesdienst in französischer Sprache ganz wegfallen zu lassen. Coulon fügte dem Protokoll folgende Begründung bei: „Als ich im Jahre 1833 hier in das Amt kam, fand ich von meinem Vorgänger die Einrichtung vor, daß alle Monat einmal in französischer Sprache gepredigt und alle Jahr einmal das H. Abendmahl in französischer Sprache gehalten wurde..." Er sagt dann, daß die Zahl der französischen Gottesdienste erst auf vierteljährlich einen, dann auf einen jährlich herabgesetzt wurde. Es handelte sich hier um „ein totes Werk", da keine Besucher mehr kamen oder höchstens höhere Schüler, um ihre französischen Sprachkenntnisse zu erproben. Da der Gottesdienst „keine Konversationsstunde im kirchlichen Style" sei, so seien solche sinnlos. Im Jahr 1867 kam niemand, 1868 nur eine Person zum französischen Abendmahl. Da diese französischen Gottesdienste also nur ein „Scheindasein fristen", so wurden sie einstimmig aufgehoben. Es handelt sich hier nicht um den Konsistorialrat Coulon, der noch vielen Lesern bekannt ist, da er erst nach 1945 starb, sondern um den Bruder seines Vaters.

Nach früheren vergeblichen Versuchen wurde wieder eine französisch-reformierte Kreissynode gebildet. Die erste Tagung fand am 17. Mai 1865 statt. Zu diesen Synoden mußten die Pastoren vorher Berichte über die kirchlichen und sittlichen Zustände in den Gemeinden einreichen. Sie bilden eine sehr wichtige Grundlage für die Kenntnis der damaligen Verhältnisse und es wäre recht interessant, eine Geschichte unserer Synode zu schreiben. Über Potsdam geht aus den Berichten folgendes hervor: Der Pastor hatte etwa 47 Konfirmanden, davon aber nur acht aus der Gemeinde. Bereits damals stellt er fest (was wir auch wissen), daß sie nach der Konfirmation „aus den Augen entschwinden". Dies ist also keine Erscheinung der Neuzeit. Die Synode sah es zuerst als ihre wichtigste Aufgabe an, nach dem Vorbild der Berliner Gemeinde eine ausführliche Verwaltungsordnung für alle Gemeinden herzustellen. Coulon erklärte das für überflüssig und stand einige Jahre zur Synode „in Opposition". Er stellte nur drei Artikel auf: Das Presbyterium versammelt sich, wenn es nötig ist; die Kirchenbücher führt der Pastor; die Presbyter helfen ihm bei der Armenpflege. Das genügte nicht. Der Pastor in Angermünde stellte dann 38 Artikel mit zahlreichen Unterteilen auf. Schließlich gab Coulon nach, brachte es aber nur auf 30 Artikel. Weitere Sorgen hatten sie damals nicht. Die Geschichte hat bewiesen, daß Coulon im Recht war, denn heute weiß in den Provinzgemeinden niemand mehr von diesen Artikeln, sondern es geht alles seinen gewohnten Gang.

Der Krieg von 1870 wird nur selten erwähnt, etwa wenn Geld für die Verwundeten gesammelt wurde. Tatsächlich trat er selbstverständlich im Leben der Stadt mehr in Erscheinung. Ein Gemeindeglied fiel, der Referendar Blell, in der Kirche befindet sich eine Gedächtnistafel.

Eine starke Erregung kam in die Gemeinden, als 1870 der Konsistorialrat Fournier in den Ruhestand trat, der die französischen Gemeinden im Provinzialkonsistorium vertrat. Dies war ein altes Recht der Gemeinden seit der Auflösung des französischen Oberkonsistoriums. Das Provinzkonsistorium ernannte keinen Nachfolger; auf zahlreiche Beschwerden teilte es mit, daß der Oberkirchenrat es verzögere. Die Gemeinden sandten Petitionen ab, die vom Berliner Gemeindeverein Réunion veranlaßt wurden. Es ist ganz offenbar, daß hier ein böser Wille des lutherischen Oberkirchenrates vorlag, denn geeignete Persönlichkeiten waren genügend vorhanden. Man wollte den französischen Gemeinden dieses Recht „durch Einschlafenlassen" nehmen. Die allgemeine Empörung zwang dann zur Ernennung eines Nachfolgers.

Im Jahre 1874 legte die Kirchenleitung den Pastoren und Kreissynoden folgende interessante Frage zur Beantwortung vor: „Was tun die Pastoren gegen Holz- und Felddiebstähle?" Dazu kann man wohl weiter nichts sagen.

Zur selben Zeit wurden die Pastoren aufgefordert, die konfirmierte Jugend zu sammeln. Auch Coulon versuchte es, mußte jedoch später melden, daß seine Versuche vergeblich gewesen seien. Zuerst seien die jungen Leute gekommen, da es neu war, dann blieben sie weg, denn die Lehrherren gaben ihren Lehrlingen nicht diese eine Stunde im Monat abends von 9 bis 10 Uhr frei; die Eltern der höheren Schüler erklärten, sie könnten diese Stunde nicht bei ihren Schularbeiten entbehren. Es wurde mir auch von alten Leuten bestätigt, daß die Lehrlinge damals bis zum Schlafengehen beschäftigt wurden.

Auf der ersten Provinzialsynode im Jahre 1874 beschäftigte man sich mit der Aufhebung der kirchlichen Gebühren und einer Trauordnung. Der Oberkirchenrat hatte verboten, über Union und Bekenntnis zu sprechen, was starke Erregung verursachte. Es fehlte damals sowohl in der Provinzial- als auch in den Kreissynoden an einer großen kirchlichen Linie. Ich habe, wie erwähnt, den Eindruck, daß man überhaupt nur ein einziges Mal, nämlich zur Zeit Friedrich Wilhelms IV., auf den Gedanken gekommen ist, daß in der Kirche etwas faul sei, man daher das Übel an der Wurzel anpacken müßte. Dieser Versuch verlief im Sande, später kümmerte man sich um kleine Mätzchen, wie die Holzdiebstähle u. a.

Nach dem Versuch mit der Jugend wollte man kirchliche Volksbibliotheken schaffen. Das Presbyterium in Potsdam beschloß, in der Kirche dafür Geld zu sammeln. Ich habe nie einen Rest dieser Bibliothek gesehen. Es muß also auch wohl daraus nichts geworden sein (1876). Es wäre sicher sehr lehrreich, wenn auch wohl kaum interessant, auf Grund der vollständigen Potsdamer Akten eine Geschichte zu schreiben: „200 Jahre evangelische Kirche, dargestellt auf Grund der Verfügungen der Kirchenleitungen, 1723 - 1923." Man würde sehen, wie sich die Kirche mit den verschiedensten Vorschlägen bemüht hat, bzw. worin sie das Wesentliche des Reiches Gottes sah. Man könnte daraus vielleicht etwas für die Gegenwart lernen, aber wer lernt schon etwas aus der Geschichte?

 

Immer wieder Probleme mit der Französischen Kirche dazu noch dies und das

Die Gemeinde hatte noch immer eine eigene französische Schule. Die Klasse befand sich im jetzigen Hause Gutenbergstraße 78 unten links. (Eine kleine Bank davon stand noch 1950 auf dem Hof.) Im Jahre 1878 sollte sie aufgelöst werden. Der alten Gemeindegliedern noch bekannte letzte Lehrer hieß Kienholz.

Die Kirche erforderte 1879 wieder eine Reparatur von 393 Talern, da ein großes Stück Sandstein herabgefallen war. Im gleichen Jahre wurde die Gartenstube tapeziert. Sie befand sich im Garten hinten rechts, ich habe 1931 noch Reste der tapezierten Wände an der Wand und Mauer der Nachbargrundstücke gesehen. Es scheint, daß man sich damals im Garten nicht in eine Laube setzte, sondern möglichst in ein festes Haus, in dem man Tee trank usw. Auch Reste eines Klingelzuges waren noch vorhanden.

Die Vermietung der Kirchenplätze zugunsten der Armenkasse hörte allmählich auf, so daß 1881 nur noch zwei Familien feste Plätze hatten.

Im Jahre 1877 mußte sonntags ein Polizist vor die Kirche gestellt werden, da die Wagen auf dem holprigen Pflaster so schnell fuhren, daß der Gottesdienst dadurch gestört wurde.

Am 2. April 1880 erging eine Polizeiverordnung, nach der das Trottoir und die Straße täglich zweimal zu sprengen seien. Dazu mußte nun ein besonderer Mann angenommen werden, und zwar der Tischler Oskar Martin. Die Gemeinde gab ihm ein Darlehen von 60 Mark, das er allmählich „absprengen" sollte. Die Existenz der Schule wurde in diesem Jahr als „nur noch eine Frage der Zeit" bezeichnet.

Ein Herr von Danckelmann stiftete der Gemeinde 1000 Taler. Sie sollten zinsbar angelegt werden und die Zinsen an Studenten der Theologie als Stipendium vergeben werden. Später erhielt davon auch etwas der Student Albert Coulon, der noch vielen bekannte Konsistorialrat. Die Stiftung wurde in der Inflation nach dem ersten Weltkrieg entwertet.

Nachdem 1832 und 1856 große Reparaturen an der Kirche erforderlich waren, schienen dem Presbyterium solche auch jetzt wieder nötig Die Kostenanschläge beliefen sich auf 34000 Mark. Vorgesehen waren u. a. Abbruch und Wiederherstellung der Kanzel, Anstrich des gesamten Innern. Bei allen diesen großen Arbeiten ist man nie auf den Gedanken gekommen, die viel zu hohe Kanzel tiefer zu legen. Es folgten nun lange Streitigkeiten mit der Regierung wegen der Baukosten. Sie lehnte alles ab, während die Gemeinde behauptete, die Regierung hätte nach alter Observanz die Kosten immer getragen. Die Regierung war früher durchaus nicht so kirchenfreundlich, wie man es sich jetzt immer vorstellt, sondern sie hielt das Geld auch der Kirche gegenüber fest.

Gewöhnlich war in der Potsdamer Gemeinde der Gang so, daß die Regierung ablehnte. Dann wandte man sich an den König. Der bewilligte darauf aus privaten Mitteln oder einem Fonds. Man muß es verstehen, daß die Kirche damals monarchistisch war und gar nicht anders sein konnte. Daraus wird ihr jetzt zuweilen auch von hohen Kirchenfürsten ein Vorwurf gemacht, weil es falsch war und schadete. Gewiß, jetzt nach 100 Jahren weiß man genau, was damals gedacht und getan hätte werden müssen, aber wenn man mitten in diesen Dingen steht dann ist es ganz anders.

Die jetzige Kirche weiß genau, was damals richtig war, aber sie weiß nicht, was in der Gegenwart das richtige Verhalten ist. Ganz gewiß aber wird man in 100 Jahren wissen, was 1945 - ? richtig gewesen wäre. Man muß in seinen Werturteilen über die Männer der Vergangenheit sehr vorsichtig sein, man darf sie nicht von jetzt aus verstehen und verurteilen sondern im Zusammenhang ihrer Zeit. Die Kirche mußte damals so sein, wie sie gewesen ist.

Der Kostenanschlag wurde auf 17400 Mark herabgesetzt. Coulon gab einen Bericht über Zahlungsunfähigkeit der Gemeinde: sie hat nur 140 Seelen in 52 Haushaltungen. (Früher hatte er zuweilen 300 bis 350 angegeben, dann waren darin auch die enthalten, die sich zur Gemeinde hielten, ohne Mitglied zu sein). Jedes Gemeindeglied sollte nun das Sieben- bis Achtfache seiner Staatssteuern zum Kirchenbau zahlen. Das erklärte er für völlig unmöglich. Man übertrage diese Forderung der Regierung einmal in die Gegenwart.

Mitten in diese Verhandlungen platzte eine überaus aufregende Angelegenheit: In der Stadt ging das Gerücht um, die Gemeinde sei reich und brauchte das Geld nur zu nehmen, eine Kollekte sei darum gar nicht nötig! Offenbar ging dies von zahlungsunwilligen Gemeindegliedern aus, denn Coulon führte an, daß von 45 Spendern nur 14 aus der Gemeinde seien. Er berichtet dann, das Vermögen der Gemeinde habe 1853 nur 9925 Taler = 29775 Mark betragen. Nebenbei sei erwähnt, daß seit dem 1. Januar 1873 nicht mehr mit Talern, sondern mit Rmk = Reichsmark gerechnet wurde. Von 1853 - 1882 hätte die Gemeinde 25557 Mark für Reparaturen an der Kirche und den Häusern aufgewandt. Sein Gehalt betrug nach 30 Dienstjahren nur 2400, dazu 600 Mark Alterszulage und freie Wohnung. Er könne davon nur leben, weil er kinderlos sei und eigenes Vermögen habe. In Berlin gäbe es kein Gehalt unter 6000 Mark. Über das Gehalt wurde später noch viel verhandelt. Die Reparaturen begannen nun. Die Gasöfen von 1856 waren verbraucht und mußten erneuert werden, das „Parquet" wurde mit dunkelgrünem Tuch ausgeschlagen u.a.

Am 27. April 1884 war „Eröffnungstag". Die Kirchenleitung hatte bestimmt, daß keine Kirchweihe stattfinden könne, da es sich nicht um einen Neubau, sondern nur eine Reparatur handele. Dazu kamen alle die Herren von der Regierung, die vorher das Geld abgelehnt hatten, da sie ja das nicht als Person und aus Unkirchlichkeit getan hatten, sondern eben als Pflicht ihres Amtes.

Nachdem die Regierung das Geld gezahlt hatte, forderte sie von der Gemeinde eine Anerkennung, daß sie aus dieser Zahlung keine Verpflichtung herleiten wolle. Das Konsistorium riet der Gemeinde, sie solle dies anerkennen, aber gleichzeitig schreiben, daß auch die Gemeinde für sich keine Pflicht anerkenne. Diese unerquicklichen Auseinandersetzungen mit der Regierung endeten dann später damit, daß die Regierung sich erbot, ein Drittel der großen Reparaturen zu übernehmen. Als ich 1931 kam, gingen die Verhandlungen mit der Regierung völlig reibungslos, da sich die Beamten sehr entgegenkommend zeigten. Das hätten sie früher auch schon gekonnt, warum taten sie es nicht?

Im Mai 1885 wurde eine kirchliche Änderung beschlossen. Die Vorbereitung zum heiligen Abendmahl fand bisher am Sonnabend vorher statt, sie sollte jetzt nach dem Gottesdienst kurz vor dem Abendmahl sein, wie es jetzt auch noch ist.

 

200 Jahre nach der Einwanderung

Da im Jahre 1885 die 200-Jahr-Feier des Ediktes von Potsdam begangen werden sollte, so erließ die Berliner Gemeinde einen Aufruf für die Errichtung eines Calvindenkmals. Die Potsdamer Gemeinde lehnte eine Spende ohne Begründung ab. Die Feier fand in Potsdam am 29. Oktober 1885 nachmittags um 6 Uhr in der Kirche statt. Diese späte Zeit mußte genommen werden, da am Vormittag eine Wahl stattfand.

Eingeladen wurden:

1. „Die Kronprinzlichen Herrschaften"

2. „Die Prinzl. Wilhelmschen Herrschaften"

3. Der Oberpräsident usw.

4...7., 8. Die evangelische Geistlichkeit der Stadt.

Über die Feier hat Coulon einen langen Bericht in das Protokollbuch geschrieben. „Der Kunstgärtner Schaper allhier hatte die Kirche ganz außerordentlich geschmackvoll und mit feinem Verständnis für den feierlichen Ernst des Tages geschmückt." Coulon beschreibt dann genau den Kirchenschmuck, von der Kanzel bis zu den nächsten Fenstern stand eine Wand von hochstämmigem Lorbeer und Palmen, „breit und hoch hinaufragend", ähnlich war es neben der Orgel. An der Kanzel waren Blumen, die er alle mit Namen nennt. Dann schildert er, daß die Pastoren im Parquet saßen, auf dem Chor zuerst dicht an der Kanzel der Oberpräsident usw. „Punkt 6 Uhr fuhr Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz vor (der spätere Kaiser Friedrich) und betrat, von dem Presbyterium ehrfurchtsvoll empfangen und begrüßt von den Klängen der Orgel, das Gotteshaus, in dem sich alle Anwesenden erhoben, und wurde nach der Königlichen Loge geleitet." Coulon predigte über Jesaja 12. „Nach einer geschichtlichen Einleitung, welche die Festesfeier motivieren sollte, kam ich zu dem Thema: daß auch die schwersten Heimsuchungen, Trübsale und Verfolgungen der Kirche nur die Friedensgedanken ihres Gottes an ihr vollstrecken..." Die Sammlung für die Armen erbrachte 61 Mark, der Kronprinz hatte 20 Mark gespendet. Am Tage vorher erhielten Coulon, Fournier in Berlin und William in Bergholz den Roten Adlerorden 4. Klasse.

Die Kreissynode versammelte sich weiterhin jährlich. Aus den Berichten und Protokollen geht hervor, daß sie es ablehnte, sich für eine von der Berliner Gemeinde herausgegebene Zeitschrift einzusetzen. Das war noch genauso um 1930 - 1940, die Provinzgemeinden zeigten für eine gemeinsame Zeitschrift kein Interesse. Daraus kann man aber den Gemeinden keinen Vorwurf machen, sondern nur den uninteressierten Pastoren.

 

Der "Modeprediger" und sein Nachfolger

Im Jahre 1888 berichtete Coulon, daß im Gottesdienst 100 bis 150 Personen seien, obwohl die Gemeinde nur aus 180 bis 200 Seelen in 55 bis 60 Familien bestände. Dabei fällt mir auf, daß der Pastor der doch nichts weiter hatte als diese 200 Seelen, nicht einmal genau die Zahl der Familien und Mitglieder wußte. Der gute Besuch der Gottesdienste wurde mir auch von alten Gemeindegliedern bestätigt. Coulon soll „Modeprediger" gewesen sein, d. h. es gab in Potsdam damals immer einen Pastor, zu dem zu laufen zum guten Ton gehörte. Hinter der Kirche hielten zahlreiche Equipagen. Dann beklagte sich Coulon darüber, daß die Kirchenleitung den Übertritt zur französischen Gemeinde erschwere. Darin lag zweifellos eine Absicht, die auf ein schließliches Aufhören der Gemeinde hinzielte.

Für die Kreissynode zahlte die Gemeinde im Jahre 1893 einen Beitrag von 111 Mark 63 Pfennigen, das war sehr viel, denn jetzt zahlen wir nur 120 DM.

Coulon wurde nun alt und schwach, weshalb er in den Ruhestand treten mußte. Sein Nachfolger wurde Bassenge, der aus Dresden stammte und hier Hilfsprediger am Waisenhaus war. Er trat sein Amt am 2. Oktober 1892 an.

Es folgte nun ein unendlich langer Streit um das Gehalt. Bassenge erhielt 2400 Mark, wovon er aber noch 660 als sog. Pfründenabgabe an Coulon zahlen sollte, wodurch ihm nur 1740 Mark blieben. Da er bisher als Hilfsprediger 2100 Mark bekam, so hatte er sich verschlechtert. Es gingen nun zahllose Schreiben hin und her wegen der 600 Mark. Die Gemeinde sollte sie zugeben, wollte aber nicht. Nach einigen Jahren fällte das Provinzialkonsistorium einen überaus weisen Spruch. Bassenge sollte 2400 Mark haben, aber die 600 Mark trotzdem an Coulon gezahlt werden. Somit stand man wieder am Anfang, nämlich vor der Frage, woher denn die 600 Mark genommen werden sollten. Coulon blieb im Presbyterium, woraus sich zuweilen Schwierigkeiten ergaben, da Bassenge Neuerungen einführen wollte, die Coulon nicht für reformiert hielt. So fügte Bassenge am 9. Oktober 1894 mit Rücksicht auf die Lutheraner, wie man mir mündlich berichtete, die beiden Verse in die Liturgie ein, die noch jetzt gesungen werden, nämlich „Aus tiefer Not..." und „Allein Gott in der Höh'..." Während das Presbyterium früher diese Lutheranisierung abgelehnt hatte, ging es jetzt darauf ein.

Auch in anderen Gemeinden sind die eingefügten Verse nicht „altes Erbe der Väter", sondern stammen aus jener Zeit.

Bassenge wollte auch Leuchter auf den Abendmahlstisch stellen, den er immer als Altar bezeichnete, aber Coulon erklärte auf seine Frage: „Wenn die Leuchter zur Beleuchtung dienen, ist nichts dagegen zu sagen!" Diese Antwort legt den reformierten Standpunkt klar: auch die Reformierten brauchen ihre Abendgottesdienste nicht im Dunkeln zu halten, aber wenn man am hellen Tage brennende Kerzen als Symbol hinstellt, so ist das nicht mehr reformiert.

Ich fand sogar ein Kruzifix vor, das offenbar auch damals beschafft worden ist.

Das Einfügen der Verse wurde vom Provinzialkonsistorium sehr schnell genehmigt. Es war eben ein Nachteil, daß die reformierten Gemeinden einem lutherischen Konsistorium unterstanden.

Da die Kosten der Kreissynode sehr hoch waren, so wurde das Einziehen einer freiwilligen Kirchensteuer beschlossen, zuerst in Höhe von 5 Prozent, später von 10 Prozent der staatlichen Steuern.

Nebenbei sei erwähnt, daß es eine eigentliche Kirchenkasse für Reparaturen usw. nicht gab, sondern nur eine Armenkasse.

Im Jahre 1895 wurde die erneuerte Agende beraten und angenommen. Das alte reformierte Sündenbekenntnis sollte beibehalten werden. Die Einführung erfolgte am 1. Adventssonntag. Die alte Agende in Sammeteinband ist noch vorhanden und wird beim Abendmahl usw. benutzt.

Im Februar 1896 erteilte das Presbyterium dem Pastor die Erlaubnis zum Bau einer Laube. Sie stand an der westlichen Mauer des Gartens und wurde am 14.4.1945 durch eine Bombe zerstört.

Für das Haus wurde 1897 eine Fahne angeschafft.

Die Verhandlungen über die 660 Mark dauerten an.

Auf den Kreissynoden 1894 und 1897 mußte Bassenge Vorträge halten. Das Material wurde ihm von den anderen Pastoren der Synode zugeschickt. Zuerst handelte es sich um die Belebung des Kirchenbesuches, dann um das Familienleben. Diese Berichte sind sehr interessant, denn sie zeigen sowohl die Ansichten der damaligen Pastoren als auch die Verhältnisse jener Zeit. Beachtenswert erscheint mir, daß einige Pastoren sich gegen die reformierte Liturgie, den schmucklosen Kirchenraum und anderes Reformierte äußerten. Die Synode forderte, daß die Gemeinden Liederverse in die Liturgie einlegen sollten, was in Potsdam bereits geschehen war.

Die Regierung wollte im Jahre 1896 die Aufsicht über die Kassen der Gemeinde an sich reißen, was jedoch vom Presbyterium abgelehnt wurde.

Ein Besucher der Gottesdienste spendete 1897 für Reparaturen 2500 Mark. Davon sollten die Wände abgerieben und neu gestrichen werden, der Tapezierer Cordier erhielt 253, der Maler André 736 Mark. Das Aufstellen des Gerüstes war am teuersten. Am 5.9. fand die Wiedereröffnung statt, die durch das „Intelligenzblatt" zweimal bekanntgegeben wurde.

Die Regierung forderte 1899 von der Gemeinde, das Äußere der Kirche würdiger zu gestalten. Das Presbyterium lehnte dies energisch ab. In diesem befand sich jetzt der Zimmermeister Collier, den ich noch persönlich kannte. Ich glaube, der neue energische Ton war auf ihn zurückzuführen. Da noch sonst allerlei Reparaturen erforderlich waren, die viel Geld erforderten, so riet der Ober-Hof-Baurat Persius, die Gemeinde solle sich an den Kaiser wenden. Das dauerte aber einige Zeit.

Inzwischen starb 1901 der alte Pastor Coulon, er soll nach Mitteilung seines Neffen zuletzt etwas geistig umnachtet gewesen sein. Seine wertvolle umfangreiche theologische Bibliothek hatte er seinem Neffen versprochen, änderte jedoch das Testament kurz vor dem Tode um und vermachte sie seinem Pflegesohn, „der nicht für Bücher war" und sie alle verkaufte.

Einen Vorschlag des Magistrates, elektrische Beleuchtung in die Kirche zu legen, nahm man einfach zu den Akten, für solche modernen Sachen war man noch nicht.

Der Kostenanschlag für die Reparaturen belief sich auf 22600 Mark. Davon trug die Regierung ein Drittel, also 7333, der Kaiser gab 10000 zu, Gemeindeglieder 2066, die Provinz 1500. Da noch 1500 fehlten, so bewilligte die Provinz noch 1000 dazu.

Zu den Neuerungen gehörten bunte in Blei gefaßte Fenster. Man wußte eben nicht mehr, was reformiert ist. Das Fenster über dem Eingang stiftete der Pastor.

Ich will hier gleich die Geschichte dieser Fenster einfügen. Als zur Zeit des Pastors Chambon um 1927 die Kirche wieder einmal gründlich repariert wurde, erklärte der Provinzialkonservator: „Bunte Fenster in dieser Kirche sind so, als wenn man sich zum Frack einen bunten Schlips umbindet." So teilte es mir Zimmermeister Collier mit. Das Presbyterium wollte die Fenster behalten; schließlich gab es nach. Nun wollte Dr. Bonte wenigstens das vom Pastor gestiftete Fenster erhalten. Das ging natürlich nicht. So wurden alle beseitigt und auf den Boden des Pfarrhauses gestellt. Da fand ich sie vor. Als 1939 der Krieg ausbrach, erwog ich, ob man sie nicht im Notfalle als Ersatz für zerstörte Scheiben nehmen könne. Als dann am 14.4.1945 alle Fenster des Pfarrhauses zerstört wurden, setzte ich mit Hilfe von Latten einen Teil der Fenster ein. Darauf wurden sie durch Beschuß zerstört. Nach der Eroberung der Stadt setzte ich andere ein, die noch übrig waren. Ich fand die zusammengehörigen Scheiben und setzte sie so ein, daß sich in jedem Fenster in der Mitte ein Ornament befand. Wenn abends im Zimmer Licht war, sah es sehr schön aus. Ich hatte auf der Straßenseite sieben solche bunten Fenster. Darauf kam einmal jemand und fragte, ob er „den Saal" mieten könne. Er dachte, die sieben Fenster gehörten zu einem Tanzsaal. Als es wieder Fensterglas gab, wurden sie herausgenommen, waren nun jedoch nicht mehr brauchbar.

Das im Konfirmandenzimmer befindliche Inventar war früher Privateigentum des Pastors, jeder kaufte es seinem Vorgänger ab. Erst 1902 wurde das Pult, die Bänke, Stühle und der Kleiderriegel von der Gemeinde gekauft.

 

Jubiläen, Streitereien und Anschaffungen

Am 28. 9.1902 feierte man das 150jähnige Bestehen der Kirche, und zwar ein Jahr zu früh.

Als ich im Protokollbuch von dieser Feier las, wunderte ich mich und vergewisserte mich nochmals, wann die Kirche eingeweiht wurde. Über dem Eingang steht allerdings 1752, aber die Jahreszahlen im alten Protokollbuch und auf der Schenkungsurkunde sind so deutlich, daß gar kein Zweifel bestehen kann. Die Feier hätte erst 1903 begangen werden dürfen.

Um 10 Uhr fand ein Festgottesdienst statt, abends ein Teeabend im Kasino in der Französischen Straße.

Die Kosten betrugen 190,40 M. Wovon das Kasino 117,50 erhielt, nach mündlicher Überlieferung für Tee und Brötchen u. a.! Kuchen 20,-, Beleuchtung usw. 32,90, Leihen des Pianos 14,-, Bedienung 6,-. Damen der Gemeinde bezahlten alles.

Der schmale Streifen um die Kirche wurde 1902 mit Efeu bepflanzt, im nächsten Jahr mit Sträuchern. 1931 fand ich unregelmäßige Sträucher vor, die dann bald beseitigt wurden.

Der Magistrat schenkte nachträglich aus Anlaß des Jubiläums 500 Mark für zwei bunte Fenster.

Die Gasöfen verbreiteten in der Kirche immer unangenehmen Dunst, es sollte versucht werden, eine Entlüftung durch den Schornstein zu schaffen.

Im Jahre 1904 gab es einen kleinen Streit mit dem Besitzer des Hinterhauses, das an die Hinterseite des Gartens grenzt. Der Besitzer wurde aufgefordert, die zum Garten gehenden Fenster wieder vergittern zu lassen. Das tat er schließlich auch. Pastor Chambon ließ sie dann wieder aus Gründen der Menschlichkeit, entfernen, Woraus sich dann wieder um 1950 Klagen einer Mieterin ergaben.

Durch die nächsten Jahre zog sich ein Streit mit dem Küster Block, der seine Arbeiten nicht nach dem Dienstvertrag ausführen wollte, und außerdem mit einem Handwerksmeister, dem das Presbyterium eine Rechnung nicht voll bezahlte, weil er nicht alle Arbeiten geleistet hatte. Diese Angelegenheit ging vor Gericht. Die Gemeinde erhielt auch in der 2. Instanz Recht.

Zum 400jährigen Geburtstag Calvins am 10.7.1909 wurden 150 Stück von Ohningers Lebensbeschreibung Calvins und 100 Stück Calvins „Abendmahl des Herrn" gekauft. Das erstgenannte Buch sollte nach dem Gottesdienst an der Kirchentüre an Gemeindeglieder verteilt werden, das andere wollte der Pastor an Konfirmanden u. a. verteilen. Ich habe von beiden Büchern nichts mehr vorgefunden.

Nachdem man früher die elektrische Beleuchtung zu den Akten genommen hatte, erhielt das Pfarrhaus im September 1909 elektrisches Licht.

Zur selben Zeit beschloß das Presbyterium, jährlich 3 Mark für den Verein gegen Trunksucht zu geben. Man müßte einmal untersuchen, welche kirchlichen Vereine damals blühten und unterstützt wurden.

Im Oktober 1909 erbot sich Pastor Nicole aus Berlin, in gewissen Abständen Gottesdienste in französischer Sprache zu halten. Ich habe nie erfahren, daß dies zur Ausführung kam.

Zu einer „Brandkatastrophe" kam es im Februar 1910 in der Sakristei. Das im Protokollbuch gebrauchte Wort scheint stark übertrieben zu sein, denn von einer Katastrophe konnte man nicht reden. Es sollte der Versicherung nichts mitgeteilt werden, auch der Gasanstalt nicht. Der Küster scheint die Schuld gehabt zu haben.

Ein Fräulein von Sellentin vererbte der Gemeinde 1910 für die Armen und Reparatur der Kirche 2000 Mark. Es war daher möglich, im folgenden Jahre auch in die Kirche elektrische Beleuchtung zu legen.

Da die Orgelempore sich weiter senkte, so wurde beschlossen, sie zu heben, damit die Orgel keinen Schaden leide.

Da es große Schwierigkeiten bereitete, in der weit zerstreuten Gemeinde die Hauskollekten einzusammeln, wurde am 16.11.1911 beschlossen, dies den andern Gemeinden zu überlassen, so daß die Gemeindeglieder den Sammlern gaben, in deren Bezirk sie wohnten. So wird es noch jetzt gehandhabt. Als es in Berlin im Jahre 1951 anders gehandhabt wurde, indem die Gemeinde selbst sammelte, führte es zu Beschwerden anderer Gemeinden.

Die Reformierten in ganz Deutschland schlossen sich enger zusammen, so wurde auch die Potsdamer Gemeinde Mitglied des Reformierten Bundes.

Im August 1913 wurde der noch jetzt in der Küche des Pfarrhauses stehende Kochherd aufgestellt.

Die Orgel versagte häufig. Dies führte der Orgelbauer Schuke auf die Gasheizung zurück. Darum wurde eine andere Heizung erwogen.

Die beiden Häuser der Gemeinde waren bis 1914 mit 47100 Mark in der Feuerversicherung. Sie wurden jetzt auf 37100 herabgesetzt.

 

Der 1.Weltkrieg

Während die früheren Kriege im Protokollbuch kaum erwähnt werden, wurde das 1914 völlig anders. Es lag daran, daß das Volk am Kriege innerlich mehr teilnahm, Patriotismus und Haß waren stärker als früher. Außerdem griff dieser Krieg viel mehr in das private und kirchliche Leben ein als die früheren.

Die erste Sitzung des Presbyteriums nach Kriegsbeginn fand am 3.8.1914 statt. Der Pastor hat im Buch neben das Protokoll geschrieben: Kriegsbeginn am 1. August 1914.

Beschlossen wurde ein „Betgottesdienst mit Abendmahl". Danach wurden Kriegsbetstunden eingeführt. Sie sollen zuerst sehr gut besucht gewesen sein, dann aber ließ die Beteiligung nach. Es ist nun nicht meine Aufgabe, die Stimmung im Kriege zu schildern, sondern ich halte mich nur an die kurzen Eintragungen des Buches. Im September meinte das Presbyterium, sich nicht an der Zeichnung der Kriegsanleihe beteiligen zu können, da kein Geld vorhanden war. Später wurde der Druck stärker, man mußte und wollte dann auch zeichnen. Im November schlug der Presbyter Collier vor, zu Weihnachten keine Bäume zu kaufen, auch sonst nichts auszugeben, sondern das Geld zu Paketen für die Soldaten zu verwenden. Sein Antrag wurde abgelehnt.

Im März 1915 wurden 10,- Mark für die Verwundeten bewilligt.

Der alte Rauchfang aus Zink sollte für die Metallsammlung abgegeben werden.

Ein Bäcker durfte Weißbrot für das Abendmahl backen.

Die Synode beschäftigte sich mit der Einwirkung des Krieges auf das kirchliche und sittliche Leben.

Es erging eine amtliche Verfügung, jede Gemeinde sollte eine Kriegschronik anlegen.

In einer Sitzung des Presbyteriums wurde ein Aufruf über die Fürsorge für Kriegsbeschädigte verlesen und eine Schrift über „Ernährung im Kriege" besprochen. So drangen die Sorgen des Krieges auch in das innerste Leben der Kirche ein.

Im September wurden 300,- M Kriegsanleihe gezeichnet. Jetzt war das Geld da. Die ehemaligen Konfirmanden sollten zu Weihnachten Päckchen erhalten.

Am 29. 10. wurde eine „Hohenzollernfeier" begangen. Man beachte diese Bezeichnung! Wir feiern an diesem Tage das Edikt von Potsdam und nennen es Refugefest, Fest der Zuflucht. Wir gedenken dabei auch des Großen Kurfürsten. Damals war es keine kirchliche, sondern eine monarchistische Feier. Der Reinertrag von 70,- M wurde für die Päckchen verwandt.

Die beider kupfernen Waschkessel der beiden Häuser wurden im Oktober abgegeben. Im Januar 1916 folgten die Ofentüren. Die Türklinken und Kollektenbüchsen blieben erhalten.

Die beiden Nußbäume im Garten mußten angemeldet werden. Das Holz wurde für Gewehrschäfte gebraucht. Das Presbyterium stellte den Antrag. wenigstens einen zu lassen. Sie gingen später ein. Meine Versuche, neue Nußbäume zu ziehen, mißlangen, sie erfroren in den kalten Wintern.

Im Februar wurden noch 500,- M Kriegsanleihe gezeichnet.

Jetzt wurde beschlossen, die Kirche nicht mehr als französische, sondern als französisch-reformierte zu bezeichnen. Wir sehen, wie jetzt der Haß auch in der Kirche zum Ausdruck kam. Wilde Nationalisten forderten sogar, alle Glieder der französisch-reformierten Gemeinde als Franzosen einzusperren, berichtete mir ein altes Gemeindeglied.

Im April folgte ein Beschluß, keinen französischen Rotwein mehr zum Abendmahl zu benützen. Hier lag kein äußerer Zwang vor, sondern es handelte sich um Ausdruck der inneren Abneigung. Die älteren Leser erinnern sich vielleicht noch an die damalige Stimmung. Man sagte z.B. seit Kriegsbeginn nicht mehr „Adieu", sondern „Auf Wiedersehen", was uns jetzt ganz selbstverständlich ist, aber damals eine unerhörte Neuerung bedeutete.

Am 29.10. wurde in diesem Jahr „eine vaterländische Feier" veranstaltet. Die Einnahmen betrugen 468,- Mark, die Ausgaben 203,- Mark, es muß also wohl viel geboten worden sein. Der Reinertrag von 265,- Mark wurde für Weihnachtspäckchen bestimmt.

Wie der Krieg auf das religiöse Denken wirkte, zeigt ein Vorfall im November 1916. Ein Presbyter wollte aus seinem Amt ausscheiden, weil er durch den Krieg „innerlich so unsicher geworden war". Als der Pastor ihm zuredete, blieb er, wurde aber vom Abendmahlsdienst befreit.

Am 27. und 28. Januar (der 27. war der Geburtstag des Kaisers) beging man einen Opfertag für „Soldatenheime und Marienheime".

Im gleichen Monat sollten die Prospektpfeifen der Orgel gemeldet werden, also die vorn sichtbaren. Am 12.3. wurden dann 75 Orgelpfeifen abgeliefert. Im April mußte dem Konsistorium gemeldet werden, wieviel Kriegsanleihe bisher gezeichnet worden sei, es waren 1500 Mark.

Am 1.4. beging der Balgentreter Oskar Martin sein 40jähriges Jubiläum, der Kirchendiener Adolf Martin, sein älterer Bruder, am 1.10. sein 50jähriges Jubiläum als Kirchendiener. Es gab damals 4 Angestellte: Organist Kolbe, Küster Block, Kirchendiener Adolf Martin und Balgentreter Oskar Martin. Der Kirchendiener wurde volkstümlich Türsteher genannt. Vielleicht gab es auch noch einen Kantor, der den Gesang leitete, denn 1931 fand ich neben dem Organisten noch einen solchen vor, den man einfach abzuschaffen vergessen hatte. Als der Küster Block durch den Küster Martin ersetzt wurde, nannte man im Volksmund die Kirche die Martinskirche.

Im August baute man eine Mauer als Grenze zum Nachbarn der damaligen Junkerstraße 44. Sie wurde am 14. 4.45 restlos vernichtet. Die Häuser versicherte man mit 65 000 M. gegen Feuer.

Am 30. September beging Pastor Bassenge sein 25jähriges Dienstjubiläum durch einen Jubiläumsgottesdienst, nachher kamen viele Gratulanten mit Wünschen und Gaben.

Am 31.10. beging man die 400-Jahr-Feier der Reformation. Der Ertrag der Gemeindefeier erbrachte 154,- Mark für „die Krieger unserer Gemeinde", so drückte man es damals aus. Die Kirche wurde mit 70000 Mark versichert, die Häuser um 30% erhöht.

Die Konfirmandenprüfung ließ man 1918 ausfallen, da es nur wenig Kinder und sie geistig sehr verschieden waren.

Für das Zeichnen der 8. Kriegsanleihe war kein Geld mehr vorhanden. Die Umlage mußte auf 15 % erhöht werden.

Im Juni sollten die Messingklinken angemeldet werden. Am 28. 6. fand im Nicolai-Saal ein Vortrag statt über „Schwierigkeiten der Volksernährung seitens der Aufklärungs-Abteilung für die Geistlichen".

Die Gemeinde übernahm das Inventar des Konfirmandensaales, nämlich 6 Holzbänke, 14 Stühle und 1 Katheder für 100 Mark. Es scheint, daß der früher mitgeteilte Kauf nicht ausgeführt wurde.

Die Stimmung und Lage gestaltete sich allmählich so, daß auch die Optimisten besorgt wurden. Am 9. Oktober beriet man, ob die Feier am 29.10. stattfinden könnte. Es heißt im Protokollbuch: „Sollten die innen- und außenpolitischen Verhältnisse noch schwieriger werden, so ist eine Absage in Aussicht genommen." Die Feier fand statt. Am 5.11. wurde noch beschlossen, den Überschuß an „Krieger unserer Gemeinde" zu senden.

Dann kam der Zusammenbruch. Er kommt zum Ausdruck in dem am 21.11. gefaßten Beschluß, „die für die Feldgrauen zu Weihnachten gekauften Cigarren sollen wieder anderweitig verkauft werden." Als nun die Soldaten zurückkamen und die Kasernen nicht reichten, sollte der Konfirmandensaal für Einquartierung zur Verfügung gestellt werden.

Große Sorge verursachte die beabsichtigte Trennung von Staat und Kirche, da man ihre Auswirkung noch nicht beurteilen konnte „Was soll dann geschehen, da der Pfarrer sein Gehalt vom Staat erhält?" Es wurde damit dann doch nicht so schlimm, wie man befürchtet hatte.

Die Gottesdienste mußten im Friedenshause stattfinden, da die Gasheizung nicht in Betrieb genommen werden konnte.

 

Nachkriegssorgen

Das Jahr 1919 begann am Neujahrstag mit einer Feier um 6 Uhr abends im Friedenssaal „zur Begrüßung der heimgekehrten Krieger unserer Gemeinde".

Im Februar wurde wieder über die Trennung von Staat und Kirche gesprochen. Die Kreissynode verhandelte über das Thema: „Welche Hoffnungen und Wünsche hegen unsere französisch-reformierten Gemeinden für ihre Zukunft bei dem bevorstehenden Neuaufbau der Kirche?" Zuerst gab Pastor Coulon-Berlin einen Bericht über den amtlichen Beratungsgegenstand. Er stellte 11 rein dogmatische Sätze auf, so daß Pastor Bassenge erklärte, „der Beratungsgegenstand ermangele der praktischen Bedeutung", so heißt es im Protokoll. Nebenbei möchte ich erwähnen, daß ich in den Akten der Kreissynode, zum Teil in Bergholz, Berichte der damaligen Pfarrer gefunden und gelesen habe. Davon haben die des Pfarrers Bassenge mir am besten gefallen, denn sie waren klar und sachlich, verraten einen überragenden Geist. Andere waren rein weltfern dogmatisch, andere eigentlich nur frommes Geschwätz. Es ist sehr schade, daß weder die Kirchenleitung noch der Vortragende in jener für die Kirche so wichtigen Stunde etwas Praktisches zu sagen wußten. In der folgenden Besprechung forderte der Synodale Marsson, „wir müßten dem Vorbild unserer Hugenotten-Väter folgen und die reine Synodalverfassung durchführen; das Konsistorialsystem sei abzustreifen. Wir hätten uns dem Konsistorialsystem gefügt, weil wir dem Hohenzollernhaus zu unauslöschlichem Danke verpflichtet seien; die Behörden des Kirchenregiments wären uns nicht immer förderlich gewesen. Alle reformierten Gemeinden im Vaterland müßten sich zusammenschließen; danach wäre ein Zusammenschluß mit den andern evangelischen Bekenntnisgruppen zu einer deutschen evangelischen Volkskirche zu erstreben." Die gleichen Gedanken wurden auch später immer wieder vom Consistorium der französischen Kirche zu Berlin vertreten, ohne jedoch bei den andern Gemeinden Beifall zu finden. Deren Gedanken gingen auch 1919 in eine völlig andere Richtung. So forderte Pastor Bassenge „Öffnung" der Gemeinden. Darunter verstand man damals, es solle jedem gestattet sein, den französisch-reformierten Gemeinden beizutreten, um sie zu vergrößern. Es wären dann natürlich lutherische Gemeinden geworden, die nur den reformierten Namen behalten hätten, wie Heilig-Geist in Potsdam und Parochial in Berlin. Pastor Hurtienne erwartete nach dem Abgang der Hohenzollern einen Zerfall der Kirche! So wenig trauten damals manche Pastoren der Kirche zu. Er erwartete, daß die Kirche sich in Rechtgläubige und Freisinnige (Positive und Liberale) trennen würde und die reformierten Gemeinden sich dann entweder der einen oder anderen Richtung anschließen müßten.

Wir sehen, wie ratlos man war. Von diesen Erwartungen ist überhaupt nichts in Erfüllung gegangen.

Ich glaube, eine Kirche wird mehr von Gott als den Menschen geleitet. Rein äußerlich betrachtet übt den größten Einfluß immer das in der Kirche liegende Beharrungsvermögen aus. An der Oberfläche liegt das Geschwätz der Menschen auf Synoden oder dergl., aber in der Tiefe geht ein anderer Strom.

Beschlossen wurde ein Zusammenschluß aller französisch- und deutsch-reformierten Gemeinden unter einem reformierten Kirchenregiment und dann mit den andern evangelischen Bekenntnissen. Es blieb bei diesem Beschluß. Alle Bemühungen für seine Durchführung, die noch bis 1939 reichten, waren vergeblich, sie scheiterten an den Gemeinden und der Kirchenleitung.

Die Inflation machte sich langsam bemerkbar: der Preis für die reformierte Kirchenzeitung stieg von 10 auf 24 M, die Telephongebühren wurden verdoppelt, auch die kirchlichen Gebühren erhöht.

Im September wurde noch für 900 Mark eine Bodenkammer im Pfarrhaus gebaut. Sie ist noch immer sehr nützlich.

Am 29.10. hatte man sonst immer eine „Hohenzollernfeier" veranstaltet. Da dies nun nicht mehr ging, so war man ratlos, was denn jetzt an diesem Tage geschehen sollte. Niemand wollte sich darum an diesem Tage mit „allgemeinen kirchlichen Fragen" beschäftigen. Die Feier fand nur im Konfirmandensaal statt.

Im Oktober hielt man die Gottesdienste in der ungeheizten Kirche, im November ging das nicht mehr, weshalb man in den Saal des Palastes Barberini zog. Die Unkosten für jeden Gottesdienst betrugen 45 Mark, darin 25 für 3 Zentner Kohlen, was etwa dem jetzigen Preis der HO-Kohlen entspricht. Zur Deckung der Unkosten brachten die Kirchenbesucher zuerst 860 Mark auf, später noch etwas. Trotz der schwierigen Zeitlage wurde ein Potsdamer Sonntagsblatt geschaffen, wozu die Gemeinde 50 Mark gab.

Die Passionsgottesdienste des Jahres 1920 fanden im Konfirmandensaal statt. Da die Preise stiegen, erhielt der Pastor 1000 Mark als Beschaffungsbeihilfe.

Im April wurde eine Ehrentafel für die im Kriege gefallenen Gemeindeglieder beschlossen und am 10. Oktober eingeweiht. Sie befindet sich noch in der Kirche.

Das neue Sonntagsblatt geriet bald in Schwierigkeiten, die Gemeinde konnte nichts mehr zugeben.

Da die Kirche im Winter wegen der Gassperrstunden nicht geheizt werden konnte, so wurden die Gottesdienste jetzt im Schwesternsaal der Nicolai-Gemeinde gehalten.

Auf eine Anfrage nach den Gerechtsamen der Gemeinde antwortete das Presbyterium am 14.10.1920, daß die Regierung die Gehälter für den Pfarrer, Küster, Kantor und Organisten zahle, und zwar 2400, 120, 337, 50 und 51 Mark jährlich, außerdem die Reparaturen der Kirche. Diese Beträge wurden noch bis 1945 gezahlt, jedoch mit Ausnahme der kleinen Beträge, die von der nazistischen Regierung gegen unsern energischen Widerspruch gewaltsam abgelöst worden sind.

Ein Kirchenbesucher spendete 1000 Mark, da er von der Not der Gemeinde gehört hatte.

Die größte Sorge bildete die Entwertung des Geldes. Der Pastor und die Angestellten kamen nicht mehr mit ihrem Gehalt aus, die Vereine baten um höhere Beiträge.

Das Jahr 1921 begann mit einem Antrag der französisch-reformierten Gemeinde in Stettin, die um Aufnahme in die französisch-reformierte Synode des Landes Brandenburg bat. Die Gemeinde Potsdam stimmte zu, aber die Kirchenleitung verhinderte den Beitritt.

Wegen der Wohnungsnot sollte der Pastor von seiner Wohnung 2 Zimmer abgeben, was jedoch vom Presbyterium verweigert wurde. Die Familie des Pfarrers bestand aus 2 Personen; jetzt wohnen schon seit Jahren in der gleichen Wohnung 12 Personen. Jedes andere Pfarrhaus ist ebenfalls mit Untermietern belegt. Damals hatte man in der Kirche für diese Notstände und die christliche Verpflichtung der Kirche diesen gegenüber kein Gefühl. Die Kirche war noch so mächtig, daß sie unsozial sein durfte.

Die Synode verhandelte über die Hebung der gesunkenen Sittlichkeit. Es wurde die Frage gestellt: Wie steht es um den Zusammenschluß der reformierten Gemeinden Deutschlands, von dem uns bisher nur sehr dürftig Kunde geworden ist?

Im Mai mußten die Hausnummern der Häuser Junkerstraße 42 und 43 erneuert werden, da sie nicht den polizeilichen Vorschriften entsprachen. Sie sollen aus alter Zeit weiß auf blauem Grunde gewesen sein. Später wurde daraus Gutenbergstraße 77 und 78.

Aus der Kuppel der Kirche bröckelte innen die Farbe ab, was verhindert werden sollte. Wir sind jetzt schon zufrieden, wenn uns keine Mauersteine auf den Kopf fallen.

Im Oktober schied der Geistliche Inspektor Devaranne aus dem Amt und wurde durch Coulon ersetzt.

Da die äußere Kuppel schon wieder schadhaft war, wurde längere Zeit über umfangreiche Reparaturen verhandelt.

Im Februar 1922 sollte in der Gemeinde ein Elternbund ins Leben gerufen werden. Diese Bünde sollten die Rechte der Eltern gegenüber dem Staat vertreten. Dann sollte auf der Synode beantragt werden, die Aufnahme in die Gemeinde zu erleichtern.

Am 7. 7. ging von der Regierung ein „Bau-Renovierungs-Kostenanschlag" ein über 294000 Mark. Um die Verpflichtung und Leistungsfähigkeit der Gemeinde zu prüfen, wurde am 7.9. von der Regierung festgesetzt, daß als „Vermögen" der Gemeinde die 1097 Taler zu bezeichnen sind, die der Gemeinde um 1740 von Spandau überwiesen wurden, und daß die 20000 Mark, die dem Pfarrer 1892 bei seinem Amtsantritt vorfand, als „unangreifbares Kapital" anzusehen sind. Im Amtsdeutsch ist also offenbar „Vermögen" das, was eine Gemeinde aus eigenen Mitteln zu einem Bau zuzugeben „vermag", während Kapital etwas „Unangreifbares" ist. Da einige Jahre später Pf. Chambon diese Unterschiede nicht kannte, die sicher auch kein anderer Pfarrer kennen wird, aber Konsistorialrat Coulon sie kannte, so ergaben sich zwischen beiden sehr unangenehme Schwierigkeiten, als Pfarrer Chambon das Kapital als „Vermögen" zum Bau anmelden wollte und die Nichtanmeldung für „Lüge" erklärte, während Konsistorialrat Coulon sich mit Recht an die amtliche Entscheidung hielt.

Die Gottesdienste wurden im Winter in den Friedenssaal verlegt.

Auch damals kannte man schon den Wert des Buntmetalles, darum wurden im Dezember von der Kirche 3 Meter Regengosse gestohlen, da sie aus Kupfer war.

Der erste Austritt eines Gemeindegliedes aus der Landeskirche kam im Dezember vor, es war der Sohn des alten Balgentreters. Er ließ auch später seinen über 90 Jahre alten Vater nicht kirchlich beerdigen.

Im Jahre 1923 ging es nun immer um das täglich mehr entwertete Geld. Die Traugebühren wurden erhöht auf 300 für den Organisten, 200 den Küster, 100 den Balgentreter und 100 für den Läufer.

Achtzig Jahre vorher hatte Pastor Lorenz als den wesentlichsten Kern der französisch-reformierten Gemeinde die Freiheit von Gebühren angesehen. Was hätte er wohl zu diesen Gebühren gesagt? Die Gemeinde bestand trotz dieser Gebühren weiter, also muß der Kern doch wohl im Innern liegen. In der guten idealistischen Zeit wußte man das nicht, aber in der bösen materialistischen Gegenwart wissen wir es. Sollte also nicht vielleicht die Vergangenheit doch…?

Der Teeabend brachte einen Reingewinn von 15000 Mark. Der Pastor erhielt in 3 Monaten 1231300 Mark Gehalt, 10 Flaschen Abendmahlswein kosteten im Juni 48000 Mark, die 200-Jahr-Feier der Gemeinde im Juli erbrachte 1 Million. Beim Festgottesdienst am 22. Juli sang der Chor von Herrn Landgrebe, Bassenge hielt die Festpredigt, auch Coulon sprach. Gleichzeitig fand eine Kirchenvisitation statt. „Die Ältesten äußerten sich in Allgemeinen recht befriedigend über den sonntäglichen Besuch der Gottesdienste. Das eheliche Leben ebenso wie die Kindererziehung und das Leben der Jugend gibt zu irgendwelchen Klagen keinen Anlaß. Die Jugend zeigt immer wieder Anhänglichkeit an die Gemeinde."

Die Instandsetzung der Orgel sollte 6 Millionen kosten. Die Gemeinde hatte auch jetzt noch keine Kirchen-, sondern nur eine Armenkasse. Die Reparatur der gestohlenen Regengosse kostete im September über 4 Millionen. Man begann jetzt, die Gehälter auf Goldpfennige umzurechnen, so daß der Organist monatlich 50 Pfennige, der Küster 20 und der Balgentreter und Kirchendiener je 15 erhielten I

m November wurde über die Einstellung des „Malers an der Eisenbahn Alexander Martin" als Küster verhandelt. Er stellte sich am 27.11. vor und bekam die Dienstanweisung vorgelesen Er bekleidet dies Amt nun schon über 34 Jahre.

Die Steuerlisten sollten in Goldmark aufgestellt werden. Da aber noch das alte entwertete Geld im Umlauf war, so mußte der Rendant nach Berlin zum Geistl. Inspektor Coulon fahren, um sich darüber unterrichten zu lassen. Am 1. Weihnachtstag 1923 wurde der Küster Martin in sein Amt eingeführt.

Die Reparatur der Orgel sollte jetzt 1213 Goldmark kosten. Der neue Etat schloß ab mit einer Einnahme von 415 und einer Ausgabe von 4583 Goldmark. In dieser Übergangszeit war noch alles unsicher. Die Gehälter betrugen jetzt für Kirchendiener und Balgentreter monatlich 6,-, für den Küster 10,- und den Organisten 16,50 Mark.

Die Entwertung des Geldes zeigt sich am besten im Spiegel der sonntäglichen Kollektenerträge Vor dem Kriege erbrachten sie im Durchschnitt an jedem Sonntag 9,- Mark und stiegen 1914 infolge des vermehrten Kirchenbesuches u. a. auf 9,40, fielen dann 1917 auf 8,- und 1918 auf 7,- Mark. Die Stimmung gegen Gott wurde schlechter, man war mit ihm böse, weil die Not größer wurde. In den Jahren 1919 und 1920 blieb der Durchschnitt 7,- Mark und stieg 1921 auf 15,-, 1922 auf 35,- Mark Dann ist die Errechnung eines Jahresdurchschnittes nicht mehr zweckmäßig, sondern man muß sich an die Monate halten. Im Januar und Februar 1923 erbrachten die Kollekten sonntäglich bis 276,- Mark im März - Juni fast 3000,-, im Juli über 4000, im August 6000,-, dann sprangen sie noch im gleichen Monat auf 40000,- und am nächsten Sonntag auf 114 000,-. Im September erbrachte der erste Sonntag 125 000,-, der letzte 10 Millionen, im Oktober der erste 14 Millionen und der letzte 1,5 Milliarden, im November stiegen sie von 5 Milliarden auf 42 Milliarden und dann auf 1 Billion. Wie wenig diese ungeheure Zahl bedeutete, zeigt die darauf erfolgte Gleichsetzung von 1 Billion = 1 Rentenmark. Im Jahre 1924 betrug der Durchschnitt 4,5 und 1925 nur 4,- Mark, da das Geld sehr knapp war.

Nun machte sich die brüderliche Hilfe der ausländischen Glaubensgenossen bemerkbar. Die Gemeinde erhielt die Mitteilung, daß ihr von der „Hollandhilfe der Provinz Friesland" eine Unterstützung von jährlich 150 Gulden bewilligt sei und die erste Rate bald überwiesen werden würde. Es scheint jedoch bei einer ein- oder zweimaligen Zahlung geblieben zu sein

Am Sonntag Kantate beging man in einem Festgottesdienst die 400-Jahr-Feier des Gesangbuches.

Die Kirchensteuer wurde auf 30 % der Reichseinkommensteuer festgesetzt, später waren es 8 - 10%.

Am 9. Juli kamen zahlreiche Mitglieder der Berliner Gemeinde, um der Potsdamer einen Besuch abzustatten

In diesem Jahre wurde nun endlich Kirchen- und Armenkasse getrennt.

Am Erntedankfest sollte die Kirche zum ersten Male mit Blumen und Früchten geschmückt werden; die Gaben sollten in der Sakristei abgeliefert werden.

Von der Hollandhilfe gingen im September wieder 79 Gulden ein; außerdem wird noch eine Amerikahilfe erwähnt, die jedoch für alle reformierten Gemeinden zusammen nur 200 Goldmark betrug.

Die Regierung wollte das Kreuz auf der Kirche auf eigene Kosten ändern, „da es zu gedrückt erscheint".

Die Verhältnisse hatten sich soweit gebessert, daß im Februar 1925 für die Waschküche bereits wieder ein kupferner Kessel angeschafft werden konnte. An der Kirche wurden wieder einmal große Reparaturen erforderlich. Der Kostenanschlag belief sich auf 21500 Mark, wovon die Regierung ein Drittel geben wollte. Diese Sitzung fand am 26. Februar statt und wurde von Pastor Bassenge geleitet. Die nächste fand am 20.4. statt und wurde von Pastor Lorenz aus Berlin geleitet, da Pastor Bassenge nach schwerer Krankheit (Blasenkrebs) gestorben war. Nebeneinander liefen nun die Beratungen über die Baukosten und die Erhaltung der Gemeinde. Zu den Sitzungen kam immer Pastor Lorenz, der auch sonst alle Angelegenheiten der Gemeinde erledigte. Das Provinzialkonsistorium rührte sich nicht, weshalb Lorenz sich an den Oberkirchenrat wenden sollte. Dieser bewilligte für den Bau 9000,- Mark, die amerikanische Presbyterianer-Kirche 280,- Mark, der Magistrat 5000,-. Wegen der Besetzung der Pfarrstelle wandte man sich zuerst an Pastor Coulon, dann an einen Dr. Schütz, die aber beide ablehnten.

Im Oktober 1926 entrüstete sich das Presbyterium, weil das Preußische Hochbauamt „uns alle möglichen Schwierigkeiten bereitet, statt mit uns Hand in Hand zu arbeiten."

Es sollte nun auch eine Heißluftheizung eingebaut werden. Die Regierung wollte den Heizraum hinten an die Kirche anbauen Der Presbyter Bauunternehmer Collier hielt das mit Recht für eine Verschandelung und wies nach, daß hinten in der Kirche ein Keller angebaut werden könnte, was dann auch geschah. Es sollte auch elektrische Beleuchtung angelegt werden.

Im November beschwerte sich das Presbyterium beim Oberkirchenrat über das Provinzialkonsistorium, da dieses ein Schreiben wegen Besetzung der Pfarrstelle nicht weitergegeben hatte. Es fehlten noch 2000,- Mark an den Baukosten. Die Heizungsanlage wollte die Fa. Mahr und Söhne in Aachen für 7800,- Mark bauen.

Im Januar kam es dann zu einer lebhaften Auseinandersetzung wegen der farbigen Fenster. Die Regierung erbot sich, noch 3000,- Mark zu geben, aber unter der Bedingung, daß die bunten Fenster durch andere ersetzt würden. Die Herren Collier und Couvreux traten für die alten Fenster ein und schlugen vor, man solle die 3000,- Mark nehmen, aber sie für die Heizung verwenden. Der Herr Oberregierungsrat aber wies daraufhin, daß diese 3000,- Mark an die Bedingung der neuen Fenster geknüpft seien. Die Herren Schibilsky und Lejeune traten für neue Fenster ein. Nach gründlicher Aussprache ergab sich eine Mehrheit für neue Fenster. Zu dieser Sitzung war die ganze Gemeinde, auch die Frauen, eingeladen worden.

Die Besetzung der Pfarrstelle sollte nun in anderer Weise geregelt werden. In Berlin wurde ein 4. Pfarrer angestellt (Péronne, Lorenz, Coulon und nun Chambon), dieser sollte in Potsdam wohnen und die Stelle mitverwalten. Einige Mitglieder des Presbyteriums sollten nach Berlin kommen und ihn besehen.

Ein Schreiben der Regierung rief große „Entrüstung" hervor, da die Regierung weitere Reparaturen in Höhe von 5100,- Mark für erforderlich hielt, wovon die Gemeinde 3460,- Mark aufbringen sollte. Darüber wurde noch öfter hin und her geschrieben und beraten.

 

Eine Neue Ära

Am 28. 4. 1927 wurden an Pastor Chambon Siegel, Protokollbuch und Aktenspind übergeben.

Seine Miete wurde auf 900,- Mark festgesetzt. Die Witwe des Vorgängers behielt einen Teil der Wohnung.

Diese Wohnung bietet ein Beispiel dafür, wie die Menschen immer bescheidener geworden sind. Pastor Bassenge wollte nichts abgeben von der Wohnung, da er für zwei Personen alles brauchte. Bei Chambon reichte der ihm verbliebene Rest für 3 Personen, bei mir reichte dieser Rest für 6 Personen, und jetzt wohnen in diesem Rest sogar 7, in der ganzen Wohnung 12 Personen. Die Witwe Pfarrer Bassenges mußte 1945 von ihrem kleinen Wohnungsteil auch noch etwas abgeben, und er würde entsetzt gewesen sein, wenn er gesehen hätte, wie seine Frau bis zu ihrem Tode in Küche und Kammer hausen mußte, denn wohnen konnte man dies nicht mehr nennen.

Im September begann nun wieder eine aufregende Angelegenheit. Die französische Kirche zu Berlin beantragte eine Vereinigung der Potsdamer Gemeinde mit der Berliner.

Die Familienhäupter versammelten sich im Oktober zur Beratung Die Abstimmung verlief eigenartig. Gegen die Vereinigung stimmten 5, dafür 14. Als dann gefragt wurde, ob sofort oder später, nahmen die Befürworter gewissermaßen ihre Stimmen zurück, denn nur 3 waren für sofortige, dagegen 13 für Aufschub. Dadurch hatten also die 5 Neinstimmen gesiegt, denn die Vereinigung ist auch jetzt noch nicht vollzogen. Ein Gegner der Vereinigung war Konsistorialrat Coulon. Ihm lag an einer Besetzung der Pfarrstelle, da er dann wieder einen Pfarrer mehr in seiner Inspektion gehabt hätte, während ihm die Berliner Pfarrer nicht unterstanden. Man warf ihm im November „irreleitende Information an die Kirchenbehörde" vor. Er wollte nämlich die Stelle mit einem sog. unierten, also einem Lutheraner besetzen, der zugleich Wochenendpfarrer sein sollte. Das wollte auch der damalige Generalsuperintendent Dibelius. Nun wurde an Dibelius geschrieben, Pfarrer Chambon fuhr persönlich hin und sagte ihm sehr energisch die Ansicht des Presbyteriums, was ich aus mündlicher Überlieferung weiß. Vor einer Versammlung der Familienhäupter im November wurde wieder von einer „irreleitenden dienstlichen Aussage" des Geistl. Insp. Coulon gesprochen. Er hatte nämlich berichtet, Pfarrer Chambon empfände selbst das Wohnen in Potsdam als unvereinbar mit seiner Berliner Amtstätigkeit, was Chambon bestritt. Jetzt wurde beschlossen, sich sofort mit der Berliner Gemeinde zu vereinigen. Dann war es davon still.

Nach meiner Ansicht hat Konsistorialrat Coulon die Vereinigung zu verhindern gewußt, da er mir noch 1931 mit großer Erbitterung vom Mißlingen seines Planes erzählte und mir ganz harmlos sagte, daß er an meiner Statt lieber einen andern hätte, worauf ich ihm bei der Wiederholung dieser Freundlichkeit mit der gleichen Harmlosigkeit sagte, mir sei es aber so lieber.

Von der Wiederbesetzung war nun alles still. In der Mitte des Jahres 1928 wurde das eiserne Gitter vor der Kirchentreppe entfernt. Der Magistrat hatte aus Verkehrsgründen darum gebeten. Die Kirche sah hinter diesem Gitter sehr eigenartig aus. Die Kirche war noch immer nicht völlig repariert, sie sollte nun aber endlich provisorisch in Benutzung genommen werden. Es fehlten noch 5000 Mark.

Im März 1929 begann es wieder mit der Besetzung der Pfarrstelle aufregend zu werden, da der Dezernent für reformiertes Kirchenwesen die Stelle mit einem Deutsch-Reformierten besetzen wollte. Nebenbei sei erwähnt, daß genügend französisch-reformierte Pastoren vorhanden waren. Das Presbyterium beharrte darauf, daß es einen Pfarrer hugenottischer Abstammung haben wolle.

Die fehlenden 5000 gab im April der Landesdirektor bzw. die Provinz. Endlich fand im Oktober ein Festgottesdienst zur Feier der Wiederherstellung der Kirche statt. Die Predigt hielt der Referent für reformierte Angelegenheiten Ob. Kons. Dick, die geschichtliche Ansprache Kons. Coulon, Pfarrer Chambon die Liturgie.

Im Oktober kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen (solche gab es damals oft) zwischen Kons. Coulon und Pfarrer Chambon über den Begriff der „Leistungsfähigkeit der Gemeinde". Ich erwähnte bereits, daß nach amtlicher Festsetzung und kirchlicher Verwaltungsordnung Vermögen nicht als verbrauchbares Geld angesehen wurde, also bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit auszuschalten war. Diesen Standpunkt vertrat mit vollem Recht Kons. Coulon. Pfarrer Chambon war dagegen der Ansicht, solange überhaupt Geld vorhanden sei, müßte es erst ausgegeben werden, wenn dies geschehen, sei eine Gemeinde nicht mehr leistungsfähig. Es kam zu unerfreulichen Auseinandersetzungen über Wahrhaftigkeit, wobei sich Kons. Coulon im Recht befand, wie die alten Akten beweisen.

Nach langer Zeit wurde nun wieder einmal vom Zusammenschluß aller Hugenotten in Preußen gesprochen. Es sollte ein diesbezüglicher Antrag gestellt werden, dem das Presbyterium freudig zustimmte. Das Ende dieser Angelegenheit erlebte ich selber mit. Die preußische Generalsynode sollte die gesetzlichen Beschlüsse dafür fassen. Sie erklärte mit großer Weisheit, daß keine gesetzlichen Unterlagen für den Zusammenschluß vorhanden seien. Das wußten wir vorher, darum sollte die Synode sie ja schaffen. Man fragt sich zuweilen, ob die führenden Synodalen so wirr oder so boshaft waren. Auf jeden Fall fehlte ihnen, wie seit 1918 erwiesen, jede Tatkraft. Es kam wohl vor allen Dingen darauf an, einen Zusammenschluß der Reformierten zu verhindern, um sie nach dem alten Gleichnis vom aufgelösten Pfeilbündel einzeln leichter beseitigen zu können. In der Gegenwart sind die Reformierten selbst die größten Gegner eines reformierten Zusammenschlusses.

Pfarrer Chambon erklärte, daß er nach ärztlichem Urteil gezwungen sei, seinen Wohnsitz mehr in die Nähe seiner Gemeinde zu verlegen. Aus mündlicher Überlieferung weiß ich, daß die Wohnung für ihn zu feucht war. Man wollte es ihm nicht glauben. Als man mich später fragte, mußte ich bestätigen, daß sich in den ersten Jahren hinter den Schränken Schimmelpilze gebildet hatten, auch auf dem schwarzen Gehrock im Schrank Die weitere Versorgung der Pfarrstelle sollte erwogen werden.

Im Februar wurde die Stelle des Kirchendieners mit der des Küsters vereinigt.

 

Die Vorkriegszeit

Die weitere Versorgung der Pfarrstelle wurde 1931 in der Weise geregelt, daß in Berlin die II. Pfarrstelle der Klosterkirche besetzt werden und der neue Pfarrer in Potsdam wohnen sollte. Die Potsdamer Gemeinde gab zum Gehalt etwas zu, und zwar in der Weise, daß die Miete der Wohnung nicht in die Potsdamer, sondern in die Berliner Kasse floß. Das blieb so bis zum Zusammenbruch. Darauf konnte Potsdam nicht mehr die volle Miete abliefern, sondern mußte die Reparaturen und Grundsteuern davon abziehen. Später wurde der Potsdamer Gemeinde die Miete für die hohen Reparaturen völlig gelassen, während Berlin anderweitig entschädigt wurde.

Der Witwe des Vorgängers wurde der von ihr noch bewohnte Wohnungsteil gekündigt. Als ich dann kam, nahm ich die Kündigung zurück und beließ ihr die bisherigen Zimmer. In Berlin wurde ich gewählt und dort eingeführt.

In Potsdam fand am 12. Juli nur eine „Vorstellung für die Gemeinde" statt, die aber wie eine Einführung war. Eine solche Einführung war damals so wichtig, daß die Potsdamer Tageszeitung darüber berichtete und ein großes Bild von Coulon und mir brachte.

Ich fand einen Organisten, Kantor und Küster vor. Der Kantor stand neben der Orgel an einem Pult und sang. Wenn er fehlte, was häufig vorkam, merkte man es nicht. Als der Organist auf meinen Wunsch einen Kirchenchor bildete, fühlte sich der Kantor übergangen und schied aus, was wir sehr begrüßten. Das Organistengehalt wurde daher ab 1.1.1932 erhöht. Nachdem der Organist Schumann uns dargelegt hatte, daß die Orgel nur die Hälfte der früheren sei, wurde auf Grund eines Kostenanschlages der Firma Schuke am 24.9.1933 beschlossen, die Orgel für 3340 Mark vergrößern zu lassen. Die Regierung erhöhte den Anschlag auf 3690 Mark und war ohne Schwierigkeiten zur Zahlung ihres Drittels bereit.

Dank der vorzüglichen Finanzwirtschaft des Rendanten Vacqué konnten wir den Rest von 2460 Mark aus eigenen Mitteln aufbringen. Dies scheint in der Geschichte der Gemeinde der erste Fall gewesen zu sein, wo sie mal eine größere Reparatur aus eigenen Mitteln bezahlen konnte. Im Dezember 1934 erfolgte die Orgelabnahme durch Prof. Becker in Gegenwart des Presbyteriums und des Vertreters der Regierung.

 

Am 29.Okt.1935 fand in Berlin die 250-Jahr-Feier des Ediktes von Potsdam statt. Am folgenden Tage hielten wir einen Festgottesdienst in Potsdam, zu dem das Consistorium der französischen Kirche zu Berlin mit einigen Autobussen kam. Die Kirche war festlich geschmückt, am Eingang erwartete das Presbyterium den ehemaligen Kronprinzen, der als Vertreter des Hauses Hohenzollern gekommen war. Mein kleiner Sohn überreichte der Kronprinzessin einen Blumenstrauß. Der Kronprinz, in der Uniform der schwarzen Husaren, wurde von Herrn Dr. Bonte, im Frack und mit vielen Orden, zur Fürstenloge geleitet, da er als ehemaliger Admiralsarzt mit solchen feierlichen Angelegenheiten am besten Bescheid wußte. Ich selber hielt die Predigt. Nachher protestierte Pfarrer Chambon dagegen, daß ich gesagt hatte, die Stelle, wo das Edikt von Potsdam unterschrieben worden sei, wäre für uns „heiliger Boden".

Nach dem Gottesdienst führte uns der Stadthistoriograph Prof. Dr. Kania durch das Stadtschloß. Das Zimmer, in dem das Edikt unterschrieben wurde, konnte wegen der späteren Umbauten nicht mehr genau festgestellt werden, es lag wahrscheinlich in der ersten Etage des alten Schloßteiles auf der Seite zur Garnisonkirche hin, nach einer späteren Ansicht Kanias, der ein Freund unserer Gemeinde und regelmäßiger Besucher unserer Gottesdienste war, lag es nach der Seite hin, wo früher das Palasthotel stand, also an der Straße zur Brücke, so daß der Kurfürst den Verkehr beobachten konnte, obwohl die Brücke früher weiter entfernt war.

Danach fand in einem Hotel ein gemeinsames Mittagessen statt.

Der nazistische Oberbürgermeister hatte jede Beteiligung an der Feier abgelehnt, während der Oberbürgermeister von Berlin persönlich am dortigen Festgottesdienst teilgenommen hatte. Der Magistrat Potsdam war überhaupt nicht vertreten. Die Zeitungen zeigten großes Interesse und brachten sogar ein großes Bild von der Schloßbesichtigung.

Nebenbei will ich hier erwähnen, daß in unsern Kirchen in Berlin und Potsdam noch immer für die Hohenzollern gebetet wurde. Dies Hohenzollerngebet schlief dann hier und in Berlin ein.

 

In dieser Zeit entbrannte der Kirchenstreit. Da unser Potsdamer Presbyterium dem Nazismus ablehnend gegenüberstand, so wurden wir innerlich davon nicht berührt. Trotzdem gab es gelegentlich Unannehmlichkeiten. So beschwerte sich eine fanatisch nazistische alte Dame beim Oberbürgermeister über mich, weil ich nach der Auflösung aller kirchlichen Körperschaften keine Neuwahl des Presbyteriums veranstaltete. Die französisch-reformierten Gemeinden waren nämlich von der Neuwahl befreit, da es nach unserer alten Kirchenordnung keine solche Wahl gibt.

Dann verlangte einmal ein uns völlig unbekannter Postsekretär, wir sollten die „jüdischen Buchstaben" über dem Eingang der Kirche entfernen. Wir antworteten höflich aber ablehnend. Nach einigen Jahren tauchte dies Problem wieder auf, aber dieses Mal ernstlicher. Jetzt verlangte der Oberbürgermeister die Entfernung. Prof. Kania sprach mit mir über die Angelegenheit und redete dann dem Oberbürgermeister ein, diese Buchstaben gehörten zum Baustil der Kirche und müßten bleiben.

Als die Synagoge und die jüdischen Geschäfte geplündert wurden, wollte die dazu herbeigeholte auswärtige SS auch unsere Kirche anstecken, da sie glaubte, es sei eine Synagoge.

Als ich die Polizei um die Erlaubnis zu einer Gemeindefeier in einem Saal bat, wurde die Erteilung solange hinausgeschoben, bis der Termin verstrichen war. Danach kam ein Polizeibeamter und fragte, ob wir ohne Erlaubnis gehalten hätten? Wir hatten aber nicht; offenbar wollte man uns zu einer Ungesetzlichkeit verleiten. Auf jeden Fall kam es hier nicht zu Schwierigkeiten, wie in der Berliner Gemeinde, wo ein großer Teil des Consistoriums stark nazistisch war.

 

Der 2. Weltkrieg

Als ich im August 1939 merkte, daß die Lage zum Kriege hintrieb, richtete ich den Luftschutzkeller her. Alle meine Bekannten lachten mich aus: „Unser Führer macht keinen Krieg." Ich ließ mich nicht irre machen. Im ersten Krieg hatte ich mir eine Liste aufgestellt über alles, was der Soldat im Felde braucht. Da ich sie noch „bei den Akten" hatte, so kaufte ich danach eine Taschenlampe, Lichte usw. Der Kaufmann E. lachte mich aus und sagte die obige Formel auf, worauf er mir erklärte, wie „unser Führer" es machen würde. Es dauerte nur noch wenige Tage, dann hörte ich nachts in der Straße weiter zur Stadt hin ein Klopfen und Rufen. Der Briefträger brachte mitten in der Nacht die Stellungsbefehle. Es war, als ob der „Würgeengel" aus der Mosesgeschichte von Haus zu Haus ging; ich wartete, bis es auch bei mir klingelte. Mit dem Schlaf war es vorbei. Wahrscheinlich hatte man die nächtliche Verteilung aus Gründen der Geheimhaltung gemacht, aber das Gegenteil erreicht, es wirkte nun besonders schrecklich. In der folgenden Nacht versammelten sich etwa 150 Mann an der katholischen Kirche. Die Polizeistunde war offenbar aufgehoben, denn die einen lärmten in der Kneipe an der Ecke bis zum Abmarsch, die andern unterhielten sich mit Frauen und Bekannten, einer saß unter der Laterne und schrieb. Er sah aus wie ein Pastor oder Lehrer. Ich dachte: Der fängt sein Kriegstagebuch schon hier an! Es war der Schriftsteller Dr. Pflug.

Wir zogen am Morgen los, Ziel unbekannt, es wurde auch nichts gesagt. Schließlich kamen wir in der kleinen Stadt Dahme an und erfuhren, daß wir bespannte schwere Artillerie werden sollten. Ich war damals 45 Jahre alt. Dann folgte der Polenkrieg. Meine persönlichen Erlebnisse übergehe ich da sie nicht zur Sache gehören. Im November wurden die ältesten Soldaten entlassen.

Nach meiner Rückkehr mußte ich vor den Frauen in Berlin einen Vortrag halten. Eine sehr nazistische Dame fragte, ob ich auch die von den Polen abgehackten Hände und Zungen gesehen hätte. Als ich sagte, daß ich davon überhaupt nichts gesehen und auch in Polen nicht einmal etwas davon gehört hatte, sank ich völlig in ihrer Achtung. Dies Vergehen gegen die nazistische Propaganda hat sie mir nie verziehen.

Der Krieg ging weiter. Der langjährige Presbyter Dr. Bonte starb und erlebte nicht mehr, daß sein Sohn wenige Wochen später als Führer der Zerstörer vor Narvik fiel.

Nach Bontes Tod trat eine bemerkenswerte Änderung ein. Bis dahin kamen die Presbyter immer mit Zylinder, Gehrock und Regenschirm zur Kirche, der Pfarrer auch, ich selber ließ allerdings den Regenschirm fort Jetzt meinten die Herren., wir wollten lieber den feierlichen Anzug fortlassen, denn da in den nazistischen Witzblättern. und sogar im Zirkus der englische Politiker Chamberlain so dargestellt wurde, riefen die Kinder immer hinter ihnen her „Schämberlin" und hielten sie für Witzblattfiguren. Darauf ließen wir es also und kamen einfach im dunklen Anzug. Im Laufe der Jahre starben dann ebenfalls ganz plötzlich die Presbyter Vacqué, Bongé, Gau, Eschert, worauf ihren Platz die Herren Berthe, Cordier, Gabriel, Keller einnahmen.

Am 14.4. abends fand der große Fliegerangriff auf Potsdam statt. Der Brand der Stadt leuchtete so hell, daß man im Zimmer die Zeitung lesen konnte, ich habe es absichtlich ausprobiert. Am 15. morgens sah es bei uns so aus: Vor dem Hause Junkerstraße 42 (jetzt Gutenbergstraße 77) befand sich ein riesiger Bombentrichter. Der diesseitige Rand lag innerhalb des Hausflures, jedoch so gut, daß zwar die beiden großen Türflügel weit in den Torweg geworfen waren, jedoch das Mauerwerk nicht weggerissen.. Der jenseitige Rand hatte eine Kastanie auf der andern Seite der Straße umgerissen. Alle Fenster im Hause waren zerstört, alle hölzernen. Fensterläden abgerissen, die ganze Vorderwand des Hauses von den Seitenwänden losgerissen, stand aber noch. Im Konfirmandensaal hing ein Teil der Deckenverschalung herab, die Rückwand war zur Hälfte umgestoßen In einem meiner Zimmer war der Ofen so erschüttert, daß er nicht hätte geheizt werden können, was ja auch zum Glück nicht nötig war, im andern hatte ihn der Luftdruck umgestoßen Die Glasveranda hinter dem Hause war baulich erhalten aber das Glas zerstört. Über der Tür befindet sich eine alte Glühbirne, die ich 1931 vorgefunden hatte, ihr hat der Angriff nichts geschadet, und sie ist heute noch im Betrieb. Ein großer Teil der Dachziegel war fortgeschleudert. Im Garten befand sich genau auf der Grenze zum westlichen Nachbarn ebenfalls ein riesiger Trichter, dessen Luftdruck die hinteren Fenster zerstört hatte. Die alte Linde sah aus wie ein Weihnachtsbaum, da alle Zweige mit Gardinenresten, Säcken und dergl. behängt waren. Der Plattenwagen des Nachbarn, Klavierbauers Stahlberg, stand unversehrt auf dem Dach des an unsern Garten grenzenden Hinterhauses. Der Schornstein der Waschküche war zum Teil auf das Dach gefallen, aber sonderbarerweise nur der mittelste Teil, der obere schwebte noch bzw. klebte an Schukes Fabrikgebäude. Auch die Schornsteine des Hauses waren oben zerstört und unten aufgerissen.. Es gab weder Licht noch Gas noch Wasser.

In der Kirche war die Orgel durch Luftdruck umgestoßen., die Kuppel aufgerissen, viele Steine herabgestürzt, die Kanzel stand etwas vor, einige Bänke waren zerstört. Der Schaden an der Kirche wurde für 35000 Mark notdürftig repariert, ganz behoben ist er noch immer nicht. Die Figuren vor der Kirche und die Säulen. waren wenig beschädigt.

Noch in der Nacht kam ein holländischer Glaubensgenosse, der als Zivilarbeiter in Potsdam war, um uns mit der Hilfe anderer Holländer auszugraben. Es war zum Glück nicht nötig, aber diese glaubensbrüderliche Verbundenheit freute uns doch sehr.

Trinkwasser gab es in einigen Brunnen in der Mittelstraße, Wasser zum Aufwischen holten wir mit einem Eimer an einer langen Leine aus dem Brunnen auf dem Hofe, dessen Gewölbe wir mit einer Spitzhacke aufgebrochen hatten, denn die Pumpe gab schon lange kein Wasser mehr. Die Fenster verglaste ich mit den alten bunten Kirchenfenstern; das System dafür hatte ich mir schon vorher ausgedacht und die erforderlichen Leisten zurechtgelegt.

Gottesdienste konnten nicht gehalten werden.

Nach einigen Tagen wurden die Fenster auf dem Hofe durch eine Fliegergranate zerstört, durch eine andere der auf dem Hofe stehende Handwagen zerrissen, ein andere schlug durch die Rückwand des Stalles und zerlegte das Paddelboot der Söhne in kleine Splitterchen.

Nach der Eroberung der Stadt sah es so aus: In der Kirche lagen 2 tote Männer; einer soll der letzte Besitzer der „Kornblume" gewesen sein, der andere ein Bäckermeister.

Im Jahre 1957 kam jemand aus Dessau zu mir und fragte, ob es wahr sei, daß man bei der Eroberung der Stadt 83 Bewohner in der Kirche erschossen habe? Ein Mann aus Potsdam hätte es erst kürzlich in Dessau erzählt. Ich sagte ihm, daß ich nur 2 gesehen hätte und etwas Ähnliches auch in keiner andern Kirche vorgekommen sei. So hat man aus diesen beiden Männern, die aus mir unbekannten Gründen in die Kirche gegangen waren, eine Schauergeschichte gemacht.

Vor dem Pfarrhaus, an der andern Seite des Bombentrichters, stand eine sowjetische Batterie, deren Soldaten aber nicht in die Häuser kamen, sondern immer bei ihren Geschützen saßen. In der Nähe der Kirche stand eine schwere Batterie. Als die Armee Wenck bei Ferch stand, feuerten beide Batterien einen Tag und eine Nacht. Ich konnte mir vom Fenster aus direkt den Krieg ansehen. Wenn die schwere Batterie feuerte, zitterten die mürben Wände des Hauses, so daß die in der Wohnung befindlichen etwa 18 Frauen immer befürchteten, das Haus würde einfallen. Schließlich fuhren die Batterien ab.

Herr Martin., der Küster, und ich kletterten. auf das Dach und legten die Steine wieder notdürftig hinauf. Auch der erwähnte Holländer Molendyck aus Rotterdam half uns. Als ich oben saß, kam mir der Gedanke, wie sich wohl meine Vorgänger, die immer im Gehrock und Zylinder gegangen waren, mit dieser Bekleidung oben auf dem Dach ausgemacht hätten? Ich glaube, die beiden Kriege haben auch viele Pfarrer umgewandelt bzw. einen neuen Typus geschaffen, der den Nöten und Sorgen des Lebens näher stand und sie vielfach ganz persönlich mit seinen eigenen Händen anfassen mußte.

Als an der Vorderfront des Hauses 7 Fenster nebeneinander mit den alten farbigen. Kirchenfenstern verglast waren, wobei ich mich bemüht hatte, die Scheiben schön. zu ordnen. und die großen. Mittelfenster wieder herzustellen, kam jemand und fragte, ob er „den Saal" mieten könnte.

Nachdem der Konfirmandensaal gesäubert und die zerstörte Stelle der Wand durch Tücher verhängt war, hielten. wir am 20. Mai den ersten Gottesdienst mit 32 Teilnehmern.

Als die Gemeinschaft der Adventisten uns vorschlug, die Wand des Saales aufzumauern, wenn wir ihnen dessen. Benutzung gestatten würden, waren wir damit einverstanden.

Schlimm war es mit dem Kochen, da der Schornstein zerstört war. Wir und die noch in der Wohnung befindlichen Flüchtlinge kochten auf dem Balkon auf einem kleinen eisernen. Ofen.

Da die Heilig-Geist-Kirche zerstört war, fragte die Gemeinde, ob sie unsere Kirche benutzen. könnten, wenn sie diese reparieren würden. Am 7.1.1947 schlossen wir mit der Heilig-Geist-Gemeinde einen Vertrag auf 15 Jahre, in dem diese sich verpflichtet, die Kirche zu reparieren und baulich zu erhalten. Dafür mußten wir unseren Gottesdienst auf 9 Uhr verlegen., während die andere Gemeinde um 10.15 Uhr beginnen darf. Den ersten Teil hat die andere Gemeinde gehalten und mit einem Kostenaufwand von ca. 35000 Mark die Kirche wieder gebrauchsfähig gemacht. Dabei zeigte sich der Unterschied zwischen lutherisch und reformiert: Der autoritäre lutherische Pfarrer der Heilig-Geist-Gemeinde ließ einen Altar anfertigen, ohne jemanden. zu fragen. Als er diesen dann dem lutherischen Gemeindekirchenrat und dem französisch-reformierten Presbyterium vorzeigte, antworteten Lutheraner und Reformierte einstimmig: Scheußlich! Es ist mir ein ähnlicher Fall auch von einem französisch-reformierten Pastor bekannt geworden, aber ein wirklich reformierter Pastor handelt nicht so, sondern in wirklicher Zusammenarbeit mit den Kirchenältesten. Ich bin allerdings der Ansicht, daß auch ein lutherischer Pastor nicht so handeln soll. Den 2. Teil des Vertrages, die Instandhaltung, kann die andere Gemeinde nicht erfüllen, da sie kein Geld hat, sich aber nach meiner Ansicht auch nicht darum mit genügendem Eifer bemüht. Eine weitere Schwierigkeit ist dadurch entstanden, daß die neuen Pfarrer oft vor dem Gottesdienst eine Beichte abhalten, die sie 10 Minuten vor 10 Uhr beginnen, also noch in der uns zustehenden Zeit. Wir haben auch dies mit brüderlicher Geduld hingenommen. Ich wurde einst belehrt: wenn der Große den Kleinen kränkt, dann. ist das weiter nichts, aber wenn der Kleine es sich nicht gefallen läßt, dann ist es unbrüderlich! Darum lassen wir uns alle Verletzungen des Vertrages gefallen.

Im September 1953 feierten wir durch einen Gottesdienst das 200jährige Bestehen der Kirche. Da der Herr Bischof und der Herr Generalsuperintendent abgesagt hatten, so mußten wir unsere Feier ohne die Mitwirkung der erwähnten Herren begehen. Die Predigt hielt Pfarrer Berthe, der einst in dieser Kirche getauft und konfirmiert worden ist. Über dem Eingang steht als Jahreszahl 1752, aber das ist wohl das Jahr des Baubeginnes, fertig war sie erst 1753. Die Schenkungsurkunde vom 16. Sept. 1753 ist noch vorhanden, da sie alle Stürme der Zeit überdauert hat. Der Erbauer Knobelsdorff starb an diesem Tage und hat sie also nicht mehr fertig gesehen.

Die Gottesdienste finden alle 14 Tage statt, im Sommer um 9 Uhr in der Kirche, im Winter um 10 Uhr im Konfirmandensaal. Organistin ist seit einigen Jahren Frau Bender, Küster nun schon über 30 Jahre Herr Martin.

Die Gemeinde ist sehr klein geworden. Vor dem Krieg hatte sie 250 wirklich gezählte Mitglieder, davon verlor sie die Hälfte durch Tod und Fortzug.

Die Zahl der Besucher beträgt immer um 32, aber auch mehr.

Es wird oft von der Kirchenbehörde gesagt, diese kleinen reformierten Gemeinden hätten keine Existenzberechtigung. Dazu frage ich: Wenn alle lutherischen Dorfgemeinden aufgehoben würden, die weniger Besucher haben als die kleinen reformierten Gemeinden, wie viele oder wie wenige lutherische Dorfgemeinden würden da wohl bestehen bleiben?

Für auswärtige Leser möchte ich erwähnen, daß alle vier Presbyter seit Jahren regelmäßig in jedem Gottesdienst anwesend sind. Welche lutherische oder reformierte Gemeinde kann dies von sich behaupten?

Verzage nicht, du Häuflein klein!

 

aus: Die Anfänge der französisch-reformierten Gemeinden in Brandenburg (1953)

Aufbereitung für diese Web-Seiten: Ch.Förste und W.Cramer (2001)

 

 

 

Die Confessio sigismundi

Das Bekenntnis von Kurfürst Johann Sigismund (1572 - 1620) als Reformierter

 

  Chur-Brandenburgische  E D I C T (vom 29. Oktober 1685) 

Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg

 

Das königliche Geschenk - 250 Jahre Französische Kirche 

Kamp, Silke

 

Potsdamer in der Französischen Kirche am 23.September 1753 

Kamp, Silke

 

Das Holländische Viertel in Potsdam und die Französisch-Reformierte Gemeinde 

Kamp, Silke

 

Die Französischen Kirche und das Wasser 

Kamp, Silke

 

„So bin ich eines Refugirten Sohn aus Franckreich“ Ein französischer Lichtzieher im Streit mit dem Seifensiedergewerk

Kamp, Silke

 

Die sonderbare Geschichte der Französisch-Reformierten Gemeinde Potsdam   

Rutenborn, Gerd

 

"Das Wort Gottes und die Grenzen des Erträglichen"

Thesen zur Disputation zum 300. Jahrestages des Edikt von Potsdam (1985)

 

Bekenntnis aus der Französisch-Reformierten Gemeinde in Potsdam zu Toleranz 

 

 

 

   

 

 

 

 

 

   

 

Stand: 17. Mai 2013

 

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