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Startseite Französische Kirche Bedeutung der Französischen Kirche

 

Hinweise zum Innenraum
der Französischen Kirche

.... der von Anfang an typisch hugenottisch gestaltet wurde

 

Der besondere Wert der Französischen Kirche liegt in ihrer Anfangsidee und ihrer ursprünglichen Nutzung.

 

Zur Geschichte des französischen Protestantismus gehört - im Unterschied zur deutschen Reformation - die Erfahrung, daß es evangelischen Gemeinden nicht erlaubt war, in Städten eigene Kirchen zu bauen.

In toleranteren Zeiten wurden evangelische Gotteshäuser außerhalb der Stadtmauern, 5 km entfernt, ohne Glocken, ohne Turm genehmigt.

Bis heute heißen in Frankreich evangelische Kirchen "temple" im Unterschied zu katholischen Kirchen, die "eglise" genannt werden.

 

Zu Gottesdiensten in französisch-reformierten Gemeinden gehört eine Gemeinde, die Bibel, eine Kanzel und der Abendmahlstisch. Statt eines Taufsteins werden Taufkanne und Taufschale benutzt.

Andere, sonst "kirchentypische" Dinge gehören nicht zum reformierten Gottesdienst, sie gelten sogar als Zumutung und Provokation, weil man ihnen z.T. Eigenschaften und Wirkungen zuschreibt, die alleine Gott oder dem Gekreuzigten zuzurechnen sind oder weil sie an katholische Kirchen während der Zeiten der Verfolgungen erinnern:  z.B. Altar, Kerzen, Kreuz, Kruzifix, Bilder.

Wenn während der Hugenottenkriege z.B. eine katholische Gegend von Reformierten erobert wurde, wurden die katholischen Kirchen dort "ausgeräumt" und umfunktioniert. Nur selten konnten Bilderstürmer gestoppt werden.

 

v.Knobelsdorff'sche Ausstattung und Umbauplanung von Schinkel (1833)

 

Ein besonderer Wert der Französischen Kirche in Potsdam besteht darin, daß sie von Anfang als evangelische Kirche für die Französisch-Reformierte Gemeinde gebaut wurde. Die Ideale mußten nicht durch Umbauten vorgenommen werden, es gab keinen Bildersturm, kein Altar wurde "entweiht", kein Kunstwerk zerstört. Von Anfang an war diese Kirche der Versammlungsraum unserer Gemeinde.

 

Heute versammelt sich die Gemeinde wieder in der ursprünglichen Gottesdienstform:

Der Raum orientiert auf die Mitte. Diese Mitte ist leer. Die Leere ist das Besondere, das "Heilige". Sie darf nicht "entheiligt", also nicht zugestellt werden. Sie kann nicht durch Zusätze "wertvoller" gemacht werden. Sie ist bilderlos, wie es das biblische Bildergebot (2.Mose 20) empfiehlt.

Es ist gut reformiert, die Leere nicht durch Götzenbildern zu verderben. Darin ist eine reformierte Kirche einer Synagoge ähnlicher (das Allerheiligste im Jerusalemer Tempel war leer) als katholischen oder lutherischen Altarkirchen.

 

Unsere Gemeinde versammelt sich um diese freie Mitte. Die Wiedergewinnung von Gleichberechtigung ist wesentlich für die Reformationsgeschichte - keine Trennung von Priestern und Laien. Auch die Form der Versammlung soll die antihierarchische Idee zum Ausdruck bringen. So gehört die Kanzel zum äußeren, der Abendmahlstisch zum inneren Kreis der versammelten Gemeinde. Betontermaßen gibt es ein Vorn und Hinten nicht, wichtig sind die Mitte und die Gleichberechtigung.

Die Kanzel hat die praktische Bedeutung eines Rednerpultes für gute Akustik.

Der Abendmahlstisch muß so freistehen, daß sich während einer Abendmahlsfeier ein ganzer Kreis von Gemeindemitgliedern darum versammeln kann. Gleichzeitig ist der Abendmahlstisch der Tisch, auf dem stets die Bibel liegt und bei Taufen die Taufkanne und Taufschale stehen (das bewegliche Taufgeschirr ist auch Erinnerung und Ermahnung an die Verfolgungszeiten).                                  Hildegard Rugenstein, 30.11.99

 

Raum der Versammlung Typisch französisch-reformierter Kirchenbau

 

 

 

Raum der Versammlung

 

aus:  Ordnung für die Versammlungen der nach Gottes Wort reformierten Gemeinden deutscher Zunge

Ernst Wolf, Martin Albertz [Herausgeber], München 1941 S. 341 ff.

 

(1)  Die nach Gottes Wort reformierte Kirche hat sich in ihren Versammlungen der Erkenntnis bewußt zu bleiben - "Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten" (Jh.4,24).

Gott ist Geist und darf nicht vergegenständlicht werden, weder im Bild noch im Sinnbild - "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen usw. "(2.Mose20,4). "Gott wohnt nicht in Tempeln mit Händen gemacht" (Apg. 17,24.7,48), sondern in seiner Gemeinde (1.Kor.3,16, Eph. 2,21). Sie wird erbaut zu Gottes Haus (1.Petr.2,5), indem sie sein Wort und seinen Geist empfängt. Als solche ist sie in ihrer Gesamtheit nicht geteilt in Priester und Laien, zugleich das königliche Priestertum (aller Glaubenden) (1.Petr.2,5.9).

Gottes Ehre und Gegenwart wird durch das Wort verkündigt, durch nichts anderes, durch kein Bild oder Sinnbild (Kruzifix, Monstranz, Kerzen u.a.), aber auch durch keine "sprechende" Formung oder Tönung des Raumes.

Der öffentliche Versammlungsraum ist an und für sich ebenso wenig heilig wie das Kämmerlein, die Häuslichkeit der Familie, jeder öffentliche Saal, die Waldlichtung, die Talschlucht, das Schiffsdeck. Die Gemeinden des Neuen Testaments kamen, wie in den Tempelhallen, zusammen hin und her in den Häusern und an den Flussufern, die Gemeinden der verfolgten Kirche in den Katakomben, "die Kirche der Wüste" in den Cevennentälern.

Es gibt keine betonten, mit Heiligkeit ausgestatteten Räume im Raum, sei es "Sakristei" oder Altar oder Chorraum. Das Wort allein wirkt alle Erbauung, d.h. Auferbauung der Gemeinde zum Tempel Gottes.

Raum und Raumgestaltung dienen ausschließlich dem Zweck, das Wort Gottes vernehmbar zu machen.

Das Wort kommt zur Verlesung: der Raum sei hell und nicht "mystisch" dunkel. Damit ist keineswegs gefordert, daß reformierte Kirchen grundsätzlich kahl und kalt sein müßten. Form und Färbung können im Versammlungsraum der Gemeinde Gottes so wenig entbehrt werden, wie sie Gottes Schöpfung fehlen. Aber sie haben lediglich dienende Bedeutung. Das Fehlen von Form und Farbe kann genau so stark dem Worte Gottes den Eingang wehren, wie ihre Auffälligkeit und Aufdringlichkeit. ...

Das Wort kommt zur Aussprache: der Raum biete eine bestmögliche Akustik. Diese ist... gegeben bei ovalem Grundriß, bei weichen, rauhen Flächen, ...

Der Abendmahlstisch hat ... seinen Platz inmitten der Gemeinde, so daß die Gäste leicht zu ihm gelangen können, ...oder die Diakonen leicht Brot und Kelch zu den Sitzreihen tragen können, beide Mal angesichts der mitfeiernden ganzen Gemeinde. ...

 

Der Raum sei so gestaltet, daß die Gemeinde sich zugekehrt ist, als eine Einheit und Geschlossenheit unter dem Wort sich selbst zum Bewußtsein kommt, rings um die dem Mittelpunkt des Raumes nahe Kanzel und um den Abendmahlstisch. Auch dieser Grundsatz erfordert den Grundriß des Ovals, Kreises, Polygons, Quadrats.

 

(2) Geschichtlich. ... Die Reformation übernahm notweise allerorten die mittelalterlichen Gebäude und richtete sich in ihnen ein, so gut oder schlecht es gehen mochte. ...

Nur wo die Protestanten aus den mittelalterlichen Kirchen verbannt wurden oder sonst einer Nötigung unterlagen, gingen sie zur Errichtung von Gebäuden eigener Wesensart über. Vorerst die Hugenotten zu ihren "Tempeln" (Saalbauten mit Emporen).

 

 

 

Typisch französisch-reformierter Kirchenbau

 

aus: Der letzte Hugenottentempel in Niedersachsen, von Andreas Flick; in Hugenotten 64Jahrgang Nr.4/2000

 

... Dem reformierten Kirchenbau wurde seitens der calvinistischen Theologie keine sakrale Bedeutung zuerkannt.14 Johannes Calvin äußerte: „Dann müssen wir uns [...] hüten, sie [die Kirchengebäude] nicht etwa, wie man das vor einigen Jahrhunderten angefangen hat, für Gottes eigentliche Wohnstätten zu halten, in denen er sein Ohr näher zu uns kommen ließe; auch sollen wir ihnen nicht irgendeine verborgene Heiligkeit andichten [...].“15 Dennoch sollten Theologie, Liturgie und Raum übereinstimmen. Ein dem Klerus vorbehaltener Chorraum sowie eine Sakristei waren nicht mehr notwendig. Im Wesentlichen handelte es sich bei einer reformierten Kirche um ein Versammlungshaus (Bethaus), das der Verkündigung von Gottes Wort sowie der Spendung der beiden Sakramente Taufe und Abendmahl einen würdigen Raum gab. In den Mittelpunkt des reformierten Gottesdienstes rückte die Predigt, was auch in der baulichen Umstellung der Kanzel zum Ausdruck kam. Die zentrale und nicht seitlich versetzte Kanzel ist ein typischer Unterschied zu zahlreichen lutherischen Kircheninnenräumen. Wenn möglich wurden die Kirchenbänke oder Stühle bewusst um die Kanzel gruppiert, so dass der reformierte Prediger anders als ein katholischer Priester nicht mehr seiner Gemeinde gegenüberstand, sondern auch optisch in diese integriert wurde. Akustische Überlegungen dürften hier eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Einen Altar im katholischen Sinne kannte die reformierte Kirche nicht, „da der letzte Altar auf Golgatha errichtet wurde“16. Stattdessen wurde - zumeist zentriert unterhalb der Kanzel - der ‚Abendmahlstisch‘ aufgestellt, welcher auch äußerlich die Optik eines profanen Tisches besaß. Damit das Geld den Armen zukam, sollen nach Calvin die Kirchen von „maßvoller Schlichtheit“17 geprägt sein. Die Konzentration auf die Wortverkündigung wurde durch das Fehlen von Bildern, Kerzen, Kruzifixen und anderen Kreuzen verstärkt. Begründet wurde die Bilderlosigkeit mit dem zweiten biblischen Gebot (Exodus 20, 4), das in lutherischen und katholischen Katechismen nicht mit aufgenommen wurde. Die Hochachtung des Alten Testamentes im Allgemeinen und der Zehn Gebote im Besonderen kam auch dadurch zum Ausdruck, dass in zahlreichen hugenottischen Kirchen eine Tafel mit den Zehn Geboten angebracht wurde. Diese finden wir bereits in dem 1564 in Lyon errichteten Temple de Paradis. Dieser temple sowie zwei weitere Lyoner Hugenottenkirchen hatten einen großen Einfluss auf reformierte Kirchenneubauten. Bis ins 19. Jahrhundert dienten die ovalen oder runden Zentralbauten in Lyon als Vorbild. Von diesem Typus ausgehend, wurden vom 17. Jahrhundert an quadratische, rechteckige und sogar achteckige Grundrisse entwickelt. Von besonderer Bedeutung war der rechteckige Temple de Charenton bei Paris, der wohl auch auf den Celler Bau ausgestrahlt hat. Die Hugenottenkirche in Charenton besaß infolge der großzügigen Verglasung mit Klarglas und der weißen Tünchung einen sehr hellen Innenraum. Um die auffällig hohe zentrierte Kanzel gruppierten sich die Kirchenbänke. Oberhalb der Kanzel war unterhalb des Tonnengewölbes eine Tafel mit den Zehn Geboten angebracht. Außerdem existierten Tafeln mit dem Glaubensbekenntnis und dem Herrengebet. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 wurde der Tempel in Charenton auf staatliche Anordnung hin abgerissen. Doch die in diesem Gebäude entwickelten Baumuster wirkten prägend auf zahlreiche französisch-reformierte Kirchen innerhalb wie auch außerhalb Frankreichs. .......

 

14  Zum reformierten Kirchenbau vgl.:

Jochen DESEL: Hugenottenkirchen in Hessen-Kassel, (Geschichtsblätter des Deutschen Hugenotten-Vereins, Bd. 21), Bad Karlshafen 1992

Inge ELSÄSSER: Die ‚Hugenottenkirche‘ in Erlangen und ihre Vorbilder. Beispiel einer Synthese aus französischem Hugenottentempel und deutscher Querkirche im Gefüge einer barocken Stadtanlage, (Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München, Bd. 14), München 1987

Paul Corby FINNEY (Hg.): Seeing Beyond the Word. Visual Arts and the Calvinist Tradition, Grand Rapids/Cambridge 1999

Brigitte FLICK: Die Geschichte des reformierten Kirchenraumes, in: Reformierte Kirchenzeitung 3 1990. 15.März, 131. Jg., S. 73-75

Georg GERMANN: Der protestantische Kirchenbau in der Schweiz von der Reformation bis zur Romantik, Zürich 1963

René LAURENT: Promenade à travers les temples de France. Montpellier 1996

Otto H. SENN: Der reformierte Kirchenbau gestern und heute, in: Schweizerische Bauzeitung. 72. Jg. Heft 16, S. 215-223.

15  Johannes CALVIN: Unterricht in der christlichen Religion, Institutio Christianae Religionis, Bearb. Otto Weber, Zweiter Band (Buch III), Neukirchen 1937, S. 472.

16  Jan WEERDA: Reformierte Kirche, I Konfessionskundlich, in: Die Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Bd. 5, völlig neu bearb. Aufl., ungekürzte Studienausgabe, Tübingen 1986 , S. 889.

17 Zitiert nach: DESEL, S. 8.

 

 

 

Zur Geschichte der Französisch-Reformierten Gemeinde Potsdam zwischen 1662 und 1953 

Karl Manoury

 

Friedrich der Große und die Religion –  Wohltäter oder Totengräber?

Peter Zimmerling

 

Die sonderbare Geschichte der Französischen Gemeinde zu Potsdam - Ein Rückblick 1973 

Günter Rutenborn

 

Das königliche Geschenk - 250 Jahre Französische Kirche 

Silke Kamp

 

Potsdamer in der Französischen Kirche am 23.September 1753 

Silke Kamp

 

  Du sollst Dir kein Bildnis machen 

Michael Weinrich

 

 

 

   

 

   

 

   

 

 

   

 

Stand: 08. Februar 2017

 

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