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Friedrich der Große und die Religion

.... Wohltäter oder Totengräber?

 

Prof. Dr. Peter Zimmerling

 

1. Der persönliche Glaube Friedrich des Großen

1.1 Das Königsdrama
1.2 Distanz zur frommen Ehefrau
1.3 Begräbnis bei den Hunden
1.4 Einblicke in Friedrichs persönliche Religiosität

  2. Religion und Politik. Friedrichs Toleranzbegriff

  3. Stellung zu den Konfessionen und Religionen

 

 

Wie uns der Blick in die Königslisten des Alten Testaments erkennen lässt, ist Frommsein auch in adligen Familien nicht vererbbar. Friedrich der Große – ein agnostischer Sohn folgt einem frommen Vater auf den Königsthron. Dennoch hat sich Friedrich der Große Zeit seines Lebens mit theologischen und spirituellen Fragen beschäftigt. Offensichtlich ließ ihn die Religion seines Vaters nicht los. Wie in anderer Hinsicht auch erweist sich Friedrich der Große im Hinblick auf seine Stellung zur Religion als seltsam zwiespältig. Die Ambivalenz und das Schillernde seiner theologischen und spirituellen Aussagen haben Wissenschaftler zu unterschiedlichsten, ja konträren Einschätzungen seiner Religiosität geführt. So gibt es Urteile, die Friedrich als vollkommen unreligiösen Menschen bezeichnen. Andere deuten ihn als frommen, wenn auch äußerst eigenwilligen Christen. Die Zwiespältigkeit im Urteil ist nicht erst das Produkt der Gegenwart, sondern lässt sich bereits bei den Zeitgenossen Friedrich des Großen ausmachen.

Meine Überlegungen gliedern sich in drei Hauptteile: In einem ersten, längsten – mehr biographischen – Teil möchte ich nach der persönlichen Religiosität Friedrich des Großen fragen. In einem zweiten, kürzeren Teil soll es um die Verhältnisbestimmung zwischen Religion und Staat, bzw. zwischen Religion und staatlichem Handeln gehen. In einem dritten, kürzesten Punkt wird die Stellung Friedrich des Großen zu den verschiedenen Konfessionen und Religionen untersucht.

 

 

 

1. Der persönliche Glaube Friedrich des Großen

1.1 Das Königsdrama

Entscheidend für den Glauben eines Menschen ist seine religiöse Sozialisation. Das gilt auch für Friedrich, erst recht, weil die schwere Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Vater nicht zuletzt eine Auseinandersetzung um die religiöse Überzeugung war. Christian Graf von Krockow nennt den Vater-Sohn-Konflikt zwischen Friedrich und seinem Vater, dem Soldatenkönig, ein „Königsdrama“.[1]

Friedrich Wilhelm I. versuchte mit allen Mitteln seinem Sohn das eigene pietistische Glaubensverständnis zu vermitteln. Dies geschah zum Teil mit brachialer Gewalt, mit Schlägen und Hieben – sogar in der Öffentlichkeit. Die Vehemenz erklärt sich zum einen aus dem cholerischen Charakter des Soldatenkönigs. Zum anderen hat sie jedoch darin ihren Grund, dass Friedrich Wilhelm I. in seiner Religiosität die Garantie dafür sah, dass Friedrich seine Auffassung vom Herrscheramt als Dienstamt übernehmen würde. Nur wenige Historiker haben diese Dimension im Handeln des Soldatenkönigs wahrgenommen. Am Eindrucksvollsten und zugleich Überzeugendsten hat Jochen Klepper in seinem berühmten Roman über den Soldatenkönig mit dem Titel „Der Vater“, während der Nazizeit erstmals erschienen, die religiöse Dimension des berühmten Vater-Sohn-Konflikts aufgezeigt.

Um im Konflikt mit dem Vater zu überleben, begann Friedrich, sich gegenüber dem Vater zu verstellen. Im Lauf von Kindheit und Jugend ist ihm diese Verstellungskunst zur zweiten Natur geworden. Hierin hat das merkwürdig Schillernde seiner Persönlichkeit ihre wesentliche Ursache.

 

1.2 Distanz zur frommen Ehefrau

Auch die Friedrich vom Vater verordnete Ehefrau Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern ist in der Geschichte sehr unterschiedlich beurteilt worden. Im jeweiligen Urteil spiegelt sich meist stärker die jeweilige Stellung des Autors zu Friedrich dem Großen als dass ein objektives Urteil über Elisabeth Christine vorliegen würde. Als geborene Welfin war sie mit den wichtigsten Königshäusern Europas eng verwandt. Sie war sogar eine Nichte Kaiserin Maria Theresias. Offensichtlich unterschied sich ihre Kindheit diametral von der Friedrichs. Aufgewachsen mit 13 Geschwistern umgab sie eine liebevolle und offene Atmosphäre. Vor allem war ein unerschütterlich christliches Menschen- und Weltbild wesentlich für die gesamte Familie, auch für Elisabeth Christine. Der vertrauensvolle Umgang in Wolfenbüttel ist verantwortlich für ihr lebenslanges Gottvertrauen und ihre ernsthafte Frömmigkeit.[2] Gerade ihre Frömmigkeit war ein wesentlicher Grund, wieso die Prinzessin den Vorstellungen ihres Schwiegervaters für eine Braut Friedrichs entsprach. „Die [älteste von Bevern] ist modeste und eingezogen […] so müssen Frauen sein. […] Die Prinzessin ist nit hässlich, auch nit schön […]. Sie ist ein gottesfürchtiger Mensch.“[3] Eine solche Frömmigkeit stand den Vorstellungen Friedrichs von einer möglichen Ehefrau diametral entgegen.

Auch wenn Elisabeth Christine von Friedrich nach dessen Thronbesteigung eine große Wohnung im Berliner Stadtschloss zugewiesen bekam, war doch auch in der Öffentlichkeit deutlich, dass die beiden Eheleute nicht mehr zusammenlebten. Friedrich hatte in die Tat umgesetzt, was er bereits als Kronprinz einem Vertrauten angekündigt hatte: Sich sobald er einmal König sein würde, von seiner Frau zu trennen. Elisabeth Christine übernahm fortan die protokollarischen Repräsentationspflichten einer Königin in Berlin, während Friedrich sich – wenn er nicht gerade unterwegs war – meist in Potsdam aufhielt.

Es lässt sich nur schwer von der Hand zu weisen, dass die unterschiedliche Stellung zum traditionellen christlichen Glauben mitverantwortlich war für die getrennten Haushalte von Elisabeth Christine und Friedrich. Ende der 1760er Jahre, als sich abzeichnete, dass alle Hoffnungen Elisabeth Christines auf eine gemeinsame Zukunft mit dem König sich als trügerisch erwiesen, begann sie, sich immer intensiver mit theologischen Schriften zu befassen. Einerseits bemühte sie sich darum, durch das Studium der entsprechenden Schriften ihre Enttäuschungen zu verarbeiten. Andererseits fing sie an, theologische Schriften aus dem Deutschen ins Französische zu übersetzen, drucken zu lassen und ihrem Ehemann zu schenken. Sie hoffte wohl, Friedrich auf diese Weise eine Brücke zum von ihr vertretenen christlichen Glauben zu bauen. Elisabeth Christine pflegte in Berlin engen Kontakt zu bedeutenden Vertretern des aufgeklärten Protestantismus. Johann Joachim Spalding und der Domprediger August Friedrich Sack standen dabei im Vordergrund, außerdem der Theologe und Geograph Anton Friedrich Büsching. Zu den von Elisabeth Christine übersetzen Werken gehörten Spaldings Werk über die Bestimmung des Menschen und Predigten von Sack. Zwischen 1776 und 1789 publizierte sie nachweisbar 11 Bücher.

Nimmt man diese schriftstellerische Tätigkeit Elisabeth Christines ernst, so stellt sie sich als Friedrich durchaus ebenbürtige intellektuelle Gattin dar. Allerdings: sie beharrte dabei inhaltlich auf ihrem christlichen Weltbild. Im Zentrum standen Betrachtungen über die Güte und Allgegenwart Gottes. Vor allem ging es darum, mit Schicksalsschlägen im Vertrauen auf Gottes Vorsehung fertig zu werden. Zeitgenossen fiel in den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens auf, dass sie trotz finanzieller Engpässe ein ausgeglichenes Wesen zeigte und bis an ihr Lebensende an der Liebe zu Friedrich festhielt. Ein erstaunliches Phänomen, wann man sich die Fülle von Zurücksetzungen vor Augen stellt, die er ihr zuteil werden ließ. An Elisabeth Christine wird ein von Friedrich unterschiedener Lebensentwurf erkennbar: Offenbar gibt es eine Befreiung des menschlichen Geistes nicht allein auf dem Wege des Vernunftgebrauchs.[4] Es stimmt nachdenklich, dass Friedrich der Große im Gegensatz zu seiner Gattin einsam und verbittert in Sanssouci gestorben ist.

 

1.3 Begräbnis bei den Hunden

Jeder, der Schloss Sanssouci besichtigt, ist erstaunt über die Tatsache, dass Friedrich der Große auf der Terrasse des Schlosses neben seinen Lieblingshunden bestattet worden ist. Sein Grab ist mit einer Steinplatte bezeichnet, die die gleiche Größe besitzt wie diejenigen, die seinen Lieblingshunden gewidmet sind. Auch die Schriftgröße der Namen ist vergleichbar. Was verbirgt sich hinter diesem testamentarisch verfügten Wunsch Friedrichs?[5] Welcher Skandal die Verfügung im 18. Jh. bedeutete, wird daran erkennbar, dass sein Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm II. dieser Verfügung nicht nachgekommen ist. Friedrich der Große wurde auf dessen Anordnung nach seinem Tod mit großem Zeremoniell neben dem Vater in der Potsdamer Garnisonskirche beigesetzt. Erst am 17. August 1991 ist Friedrich seinem Wunsch gemäß auf der Terrasse von Schloss Sanssouci neben seinen Hunden bestattet worden.[6]

Welche Motive verbergen sich hinter Friedrichs Verfügung? In seinem privaten Testament von 1769 schrieb der König: „Gerne und ohne Klagen gebe ich meinen Lebensodem der wohltätigen Natur zurück, die ihn mir gütig verliehen hat, und meinen Leib den Elementen, aus denen er gebildet ist. Ich habe wie ein Philosoph gelebt und will als solcher begraben werden, ohne Glanz, ohne Pracht, ohne Prunk. Ich will weder seziert noch einbalsamiert werden. Man bestatte mich in Sans-Souci oben auf der Terrasse in einem Grab, das ich mir habe herrichten lassen. Auch der Prinz von Nassau, Moritz, ist in einem Garten in der Nähe von Kleve bestattet worden. Wenn ich im Krieg oder auf einer Reise sterbe, soll man mich am erstbesten Ort begraben und im Winter nach Sans-Souci an die von mir bezeichnete Stelle bringen.“[7] In seinem ersten Privattestament vom 11. Januar 1752 hatte er verfügt: „Man bringe mich beim Schein einer Laterne, und ohne dass mir jemand folgt, nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse, rechterhand, wenn man hinaufsteigt.“[8]

Was sagt Friedrichs Begräbniswunsch über seine Lebensphilosophie aus? Sie lässt einen antifamiliären, einen antihöfischen und einen antikirchlichen Affekt erkennen. Friedrich möchte sowohl seine Familie als auch die Repräsentanten seines Staates als auch die Geistlichkeit von seinem Begräbnis fernhalten. Traditionsgemäß spielten alle drei Gruppen bei der Beerdigung eines Staatsoberhauptes in der Barockzeit eine entscheidende Rolle. Es ist also weniger das Motiv der bürgerlichen Bescheidenheit, das Friedrich bestimmt. Wichtiger ist, dass er in seiner Entscheidung ohne Rücksicht auf Konventionen vorgeht. Vor allem aber lässt die Bestattungsverfügung erkennen, dass er das traditionelle Gottesgnadentum des Herrschers, erst Recht den Summepiskopat, in Zweifel zieht. Die Begräbnisvorschrift zeigt, dass er sich radikal von verwandtschaftlichen, öffentlichen und religiösen Bindungen und Rücksichtnahmen gelöst hat. Es war die Autonomie seiner philosophischen Vorstellungen, die das Gesetz seines Handelns bestimmte.

Ob man allerdings soweit gehen und sagen kann, dass Friedrich mit der Bestattungsvorschrift zum Ausdruck bringen wollte, dass er sein Leben keinem Schöpfergott, sondern der Natur verdankte, ist mir fraglich. Ich würde auch nicht sagen, dass der christliche Offenbarungsglaube für ihn keinerlei Rolle mehr spielte. Was jedoch auffällt ist die Tatsache, dass hier offensichtlich ein Mensch begraben werden wollte, der nicht hoch von seiner eigenen und der menschlichen Natur insgesamt dachte. Immerhin finden sich bei Martin Luther Äußerungen, die einen ähnlichen Umgang mit den menschlichen Leichnam erkennen lassen. Er meinte einmal, dass man nach seinem Tod mit seinen Knochen gerne die Birnen vom Baum herunterschlagen könnte. Friedrich hatte sich in den letzten Lebensjahren immer mehr zum Menschenverächter entwickelt. Vielleicht wollte er zum Ausdruck bringen, dass das menschliche Sterben genauso jedes höheren Sinnbezuges entbehre wie das Leben selbst. Seine Bestattungsanweisungen stellen das Zeugnis einer tiefen Resignation, ja einer großen Menschenverachtung dar. Mir ist zweifelhaft, ob seine Nachkommen richtig handelten, als sie 1991, nach fast 200 Jahren, Friedrichs Wunsch doch noch erfüllten. Bisweilen ist es geboten, Menschen um ihrer selbst willen vor Fehlentscheidungen zu bewahren.

 

1.4 Einblicke in Friedrichs persönliche Religiosität

Wie bereits angedeutet, lässt sich Friedrichs Religion nicht leicht fassen. Zunächst fällt auf, dass er eine außergewöhnlich gute Kenntnis von Bibel und Kirchengeschichte besaß. Sie stellt das Ergebnis seiner auf die persönliche Anordnung Friedrich Wilhelm I. zurückgehenden religiösen Erziehung in Kindheit und Jugend dar. In einem Gespräch bemerkte Friedrich der Große 1760, dass sein Vater ihn zum Theologen habe machen wollen.[9] Weiter beeindruckt das nicht nachlassende Interesse an theologischen Fragestellungen. Friedrich äußerte sich Zeit seines Lebens literarisch zu theologischen und philosophischen Fragen. Wie kein anderes der gekrönten Häupter Europas seiner Zeit betätigte er sich als theologischer Schriftsteller. Offensichtlich hat ihn der christliche Glaube sein Leben lang nicht losgelassen.

Andererseits übte er Zeit seines Lebens an den traditionellen Lehren und Spiritualitätsformen des Christentums, auch an der evangelischen Kirche und Theologie, Kritik. Dabei kritisierte er sie nicht nur, sondern verspottete sie sogar, z.T. mit beißender Ironie und Sarkasmus. Im Gegensatz zum Vater spiegelte sich seine eigene Religiosität konsequenterweise nicht in Gottesdienstbesuch, Gebet, Bibellektüre und frommen Aussagen.

Ein einheitliches Urteil über sein Glaubensverständnis ist nicht möglich. Einerseits wandte er sich bewusst vom traditionellen Christentum orthodoxer oder pietistischer Prägung ab. Andererseits machte er sich genauso wenig den radikalen Atheismus eines Voltaire zueigen. Aber auch dem deistischen Glaubensverständnis hing er nicht vollkommen an. Es bleiben Aussagen, die in dieses Schema nicht hineinpassen. Letztlich stehen unterschiedliche, sich widersprechende Aussagen nebeneinander, die nicht verbunden werden können.

Als rationalistischer Kritiker lehnte Friedrich in seinen theologischen Streitschriften die wesentlichen Lehren der Bibel und der Kirche ab. Dazu gehörte das trinitarische Gottesverständnis, die altkirchliche Auffassung von Person und Werk Jesu Christi, auch die Lehre von den letzten Dingen, also vom Jüngstem Gericht und von der Auferstehung. Genauso wenig fand Friedrich einen Zugang zur reformatorischen Rechtfertigungslehre und zur Lehre von der Vorsehungslehre, der providentia dei.[10] Stattdessen ist sein Glaubensverständnis vom Geist der Aufklärung geprägt: Er ist nicht länger bereit, seine Vernunft einer fremden Autorität, wie den biblischen Texten oder den Vorgaben der dogmatischen Tradition, zu unterwerfen. Nur was vernünftig plausibel erscheint, kann Anspruch auf Wahrheit und Wirklichkeit erheben. Entsprechend weicht das Wunder der naturwissenschaftlichen Erklärung und das christliche Erlösungsverständnis den Forderungen der Moral. Friedrichs Glaube ist wie der der anderen deutschen Aufklärer geprägt von den drei Basics Gott, Tugend, Unsterblichkeit. Der König ist der Überzeugung, dass die Welt von einem Schöpfergott gemacht wurde, der sich analog zu einem Uhrmacher danach aus dem Weltgeschehen zurückzog. Gott stiftete der Welt eherne Gesetze ein, nach denen die Natur funktioniert.

Kern der Religion ist für Friedrich die Ethik. Gegenüber Voltaire fällt auf, dass er die moralische Verkündigung Jesu hochschätzt. Wie schon sein Vater ist er von der Stoa geprägt: „Jesus war eigentlich Essäer, er nahm die Moral der Essäer an, die viel von Zenos Moral enthält. Seine Religion war reiner Deismus, und nun sehen Sie, wie wir sie aufgeputzt haben. Da dem so ist, so verteidige ich, wenn ich die Sittenlehre Christi verteidige, eigentlich diejenige aller Philosophen.“[11] Symptomatisch für seine Pflichtauffassung ist auch folgende Aussage: „Mein höchster Gott ist meine Pflicht.“[12]

Aus dieser Hochschätzung der Ethik ergibt sich konsequenterweise die Frage nach der Möglichkeit des Menschen, in den Weltlauf gestaltend einzugreifen. Es gibt Äußerungen, aus denen hervorgeht, dass Friedrich darüber nachdachte, ob Gott nicht doch in den Lauf der Welt aufgrund seiner Barmherzigkeit eingreift. Veranlassen die Nöte der Menschen und ihre Anstrengungen Gott etwa doch – anders als der Deismus meint –, darauf zu reagieren? In einem Brief an seine Schwester Ulrike, der Königin von Schweden, schreibt Friedrich am 20. Mai 1771: „Niemand hat uns gefragt, ob wir zur Welt kommen wollen. Man setzt uns hinein, Gott weiß wie; wir leiden an Leib und Seele und sterben dann, ohne dass jemand uns sagen könnte, warum wir diese Verwandlungen durchmachen und in so viele grausame Lebenslagen kommen, nur um zu sterben und ins Grab zu sinken, tief empört über die alberne Rolle, die wir haben spielen müssen. Das Sicherste ist, die irdischen Dinge mit philosophischer Gleichgültigkeit zu betrachten und die Welt als einen Durchgangsort anzusehen, als eine Herberge, in der wir nicht lange verweilen, alle Freude so tief auskosten, als wir vermögen, und sich gegen den Kummer ein dickes Polster anzulegen.“[13] Die Welt ist für Friedrich also keineswegs die beste aller möglichen Welten.

Einige Jahre später versichert er der Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen, dass er sich anvertraut „der allmächtigen Hand Gottes, der mich führt und überlasse ich mich meinem Schicksal.“[14] Man spürt, dass Friedrich auch hier deistische Vorstellungen verlässt. Ein Gott, der in die Gesetze der Welt um des Menschen willen eingreift, ist im Deismus nicht denkbar.

Unabhängig von solchen Einzelaussagen ist Friedrich grundsätzlich der Überzeugung, dass Gott der Welt einen Sinn insofern eingestiftet hat, dass Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben herrschen soll. Dabei ist es das Gewissen, das dem Menschen zeigt, was er zu tun und zu lassen hat. Eine der theologisch interessantesten Schriften Friedrichs ist seine sogenannte Predigt über das Jüngste Gericht (vollendet im Januar 1759 im Breslauer Winterlager). Aus zeitgenössischen Berichten wissen wir, dass diese Predigt einen ernsten Hintergrund besitzt. Der König ist überzeugt, dass es einen Tag geben wird, an dem „irdische Macht und Größe nichts mehr gilt, da der Mensch all seines prunkenden Scheines entkleidet wird, … da ihn nichts vor der allmächtigen Hand seines Schöpfers und Richters rettet.“[15] Friedrich begründet den Gedanken an ein Jüngstes Gericht ethisch. Um der Durchsetzung der Gerechtigkeit willen ist ein transzendenter Ausgleich nötig.

Immer wieder kritisiert Friedrich den atheistischen Materialismus, wie er etwa von Baron Paul-Henri d'Holbach vertreten wird. Friedrich ist nicht dessen Auffassung, wonach das Christentum an allem Unglück in der Welt schuldig sei. Unter Verweis auf die Lehre Jesu betont er vielmehr, dass der Gottesglaube im Sinne des Deismus und die Moral für ein gelingendes Zusammenleben unter den Menschen unerlässlich sei. „Fände sich im Evangelium nichts als diese einzige Vorschrift: ‚Tut den anderen nicht, was ihr nicht wollt, das man euch tue’ – man wäre verpflichtet, zu gestehen, dass diese wenigen Worte, die Quintessenz aller Moral enthalten.“[16]

Man kann fragen, wie Friedrich dazu kam, den rationalistischen Deismus an bestimmten Stellen hinter sich zu lassen. Wahrscheinlich hat dazu wesentlich seine Lebenserfahrung als Feldherr und Regent beigetragen. Dabei wurde er mit menschlichen Schicksalen und Tragödien konfrontiert, angesichts derer der Hinweis auf die der Welt eingestifteten positiven Naturgesetze nicht ausreichten. Der Versuch Friedrichs, seine Lebenserfahrungen religiös zu verarbeiten, führte ihn immer wieder zum Postulat der Existenz eines barmherzigen Gottes. Es war eine durch den Alltag ausgelöste Verunsicherung, die ihn das rationalistische deistische System in Frage stellen ließ.[17]

Auch im Hinblick auf die Unsterblichkeitsvorstellung der deutschen Aufklärung bleibt Friedrich unsicher. Dies zeigt sich nicht nur in seiner Begräbnisverfügung. Folgendes Gedicht betont die undurchdringliche, geheimnisvolle Seite des göttlichen Handelns: „Nicht darfst du Gottes Weisheit schuldig nennen, statt deiner Einsicht Schwäche zu bekennen. Er, der Allmächtge, setzte dir die Schranken, die all dein Vorwitz nimmer bringt ins Wanken. Vielleicht will er durch diese Finsternisse demütgen die Vernunft, die Selbstgewisse, die schon frohlockte, wenn sie hie und da im Streiflicht eine Wahrheit dämmern sah. Vermessenes Menschenkind, rebellisches Atom! Wie viel fehlt dir, dass sich dein Glück erfüllte und deine blöden Blicke sich enthüllte das ewige Gesetz im Weltenstrom! Dass ganz du Gottes Ratschluss könntest preisen, müsst er dir erst sein ganz Geheimnis weisen.“[18]

Wenn man den Anekdoten, die schon zu Lebzeiten über Friedrich den Grossen kursierten, glauben darf, hat er bei anderen Menschen deren vertrauensvollen christlichen Glauben beneidet. Im Gespräch mit General von Ziethen, einem der bedeutendsten Generäle Friedrichs während des Siebenjährigen Krieges, entspannte sich folgender Dialog: Ziehten sagte: „Königliche Majestät, ihr wisst, dass ich bereit bin, auf euren Befehl alles einzusetzen, Leben, Leib und Gut. Aber es ist noch eine Majestät über euch, die lasse ich nicht antasten. Ich gebe euch einen Rat, Majestät: Wenn ihr dem Volk und den Soldaten diesen Heiland abspenstig macht, grabt ihr euch selbst das Grab. Halten zu Gnaden, Majestät!“ Friedrich antwortete, indem er seine Hand auf die Schulter Ziethens legte: „Von Ziethen, glücklicher von Ziethen. Um einen solchen Glauben beneide ich ihn!“

 

 

 

2. Religion und Politik. Friedrichs Toleranzbegriff

Zu den berühmtesten Aussprüchen Friedrichs des Großen gehört die Marginalnotiz vom 22. Juni 1740, entstanden drei Wochen nach Regierungsantritt, in Preußen müsse „jeder nach seiner Façon [d.h. Konfession] selig werden“.[19] Vielleicht mag es manche verwundern: Dennoch ist Friedrich nicht der Erfinder der Toleranzpolitik Preußens gewesen. Sie bildet die Grundmelodie brandenburgisch-preußischer Regierungspolitik seit dem Übertritt Kurfürst Johann Sigismunds zum reformierten Glauben im Jahre 1613. Sigismund verzichtete damals darauf, seinen lutherischen Untertanen den eigenen Glauben aufzuzwingen, obwohl er reichsrechtlich dazu die Möglichkeit besessen hätte. Der Toleranzgedanke fand folgenden Ausdruck: „Auch wollen seine kürfürstlichen Gnaden zu diesem Bekenntnis keinen Untertanen öffentlich oder heimlich zwingen, sondern den Kurs und Lauf der Wahrheit Gott allein befehlen, weil es nicht an Rennen und Laufen, sonders an Gottes Erbarmen gelegen ist.“[20] Was hätte es für die Geschichte Deutschlands bedeutet, wenn dieses Wort am Vorabend des 30jährigen Krieges in Deutschland insgesamt beherzigt worden wäre. Die Nachfolger Sigismunds setzten diese Politik fort. Berühmt ist die Episode, in deren Verlauf der Große Kurfürst den irenischen, aber bekenntnistreuen Paul Gerhard aufgrund einer staatlichen Verfügung gegen konfessionelle Polemik zwang, 1666 seine Pfarrstelle an St. Nikolai, der ältesten Kirche Berlins, aufzugeben. Die Toleranzpolitik des Großen Kurfürsten gipfelte in dem Edikt von Potsdam von 1685, in dem die verfolgten französischen Hugenotten eingeladen wurden, sich in Preußen anzusiedeln.

Auch Friedrich Wilhelm I., der Vater Friedrich des Großen  fühlte sich dieser Fürsorge für den europäischen Protestantismus verpflichtet, als er die aus Salzburg vertriebenen Protestanten in Ostpreußen ansiedelte. In seinem politischen Testament von 1722 schrieb der Soldatenkönig dem Nachfolger ins Stammbuch: „An alle Konsistorien in eurem Lande müsst ihr einen Befehl ergehen lassen, dass die Reformierten und Lutheraner auf den Kanzeln keine Kontroversen traktieren, ganz besonders nicht von der Gnadenwahl. Auch sonst sollen sie auf den Kanzeln nur das reine Wort Gottes predigen; sie dürfen sich nicht in weltliche Angelegenheiten einmischen, was sie gerne tun. Die Herren Geistlichen müssen kurz gehalten werden, denn sie wollen gern als Päpste in unserem Glauben regieren.“[21] Man hat eingewandt, dass die Toleranzpolitik der brandenburgisch-preußischen Kurfürsten und Könige sich lediglich einem Wirtschaftskalkül verdankte. Aus allem, was die Quellen hergeben, ist das falsch. Eine echte innere Glaubensverpflichtung der Regenten stellte zumindest eine der Ursachen der preußischen Toleranzpolitik dar.

Indem Friedrich der Große 1740 einen evangelischen Vorstoß gegen die katholische Kirche in Glogau mit der bereits zitierten Bemerkung abwehrte, dass die Religionen alle toleriert werden müssen und dass der Fiskal nur das Auge darauf haben muss, dass keine der anderen Abbruch tue, weil in Preußen jeder nach seiner Façon selig werden soll, reihte er sich ein in die Toleranzpolitik seiner Vorgänger. Das geht auch aus seiner Antwort auf die Anfrage des Generaldirektoriums aus dem gleichen Jahr hervor, ob ein Katholik in Preußen das Bürgerrecht erwerben konnte: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so sie proffessieren ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peuplieren, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen. Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist.“[22]

Christian Graf von Krockow hat richtig beobachtet, dass sich bei Friedrich gegenüber seinen Vorgängern allerdings einerseits der Stil veränderte und ins Lapidare, glanzvoll Zugespitzte führte. Andererseits wird ein zusätzliches Motiv erkennbar: Es wird ein Unterton von Ironie, ja von Verachtung sichtbar. Etwa wenn Friedrich im berühmten Gesangbuchstreit zwischen den rationalistisch geprägten Neologen und den konservativen Vertretern der Kirche schreibt: „Es steht einem jeden frei zu singen: ‚Nun ruhen alle Wälder’ oder dergleichen dummes und törichtes Zeug mehr. Aber die Priester müssen die Toleranz nicht vergessen, denn ihnen wird keine Verfolgung gestattet werden.“[23] Das zeigt auch folgendes Beispiel: eine Gemeinde bat Friedrich um Entlassung ihres Pfarrers, weil dieser nicht an die Auferstehung glaubte. Friedrich antwortete: „Der Pfarrer bleibt. Wenn er am Jüngsten Gericht nicht mit auferstehen will, kann er ruhig liegen bleiben."[24]

Friedrich unterscheidet sich auch an dieser Stelle von den anderen Aufklärern. Auch wenn er eine gewisse Verachtung der traditionellen Konfessionen und Religionen erkennen lässt, geht er doch nicht so weit wie etwa Voltaire, das Christentum ganz eliminieren zu wollen.[25] Ja, er geht sogar von einer positiven Bedeutung von Religion und Kirche für Staat und Gesellschaft aus. Darum auch sein Entscheid im Gesangbuchstreit, den Gemeinden das traditionelle alte Gesangbuch zu lassen. Die Kirche hat nicht bloß die Aufgabe Moral zu predigen. Sie soll auch den Glauben an Gott fördern. Dieser ist nämlich Friedrichs Überzeugung gemäß nicht nur wichtig als Begründungsinstanz für die Moral, sondern auch zur Abwehr von Aberglauben.[26] Entscheidend ist für Friedrichs Toleranzbegriff, dass Staat und Religion getrennt werden. Die Religion darf die Politik nicht beeinflussen. Sicherlich war dieser Gedanke von der besonderen Struktur Preußens her präfiguriert. Friedrich jedoch hat ihn auch theoretisch durchdacht und praktisch umgesetzt. Ursprünglich stand auf den Regimentsfahnen in Preußen pro Deo et pro patria, für Gott und Vaterland. Friedrich hat das pro Deo streichen lassen und nur das pro Patria erhalten. Er begründete das damit, dass Gottes Name aus den politischen Streitigkeiten herausgehalten werden solle.[27]

Insgesamt lässt sich sagen, dass das große Verdienst Friedrichs darin bestand, Religionsfreiheit in seinen Landen durchzusetzen. Damit wird in Preußen endgültig eine Vorform des weltanschaulich neutralen modernen Staates verwirklicht. Man muss allerdings einschränkend sagen, dass die Trennung von Staat und Religion eine hinkende war. Friedrich übte weiterhin die Position eines höchsten Bischofs für die evangelische Kirche in Preußen aus. Im politischen Testament von 1752 schrieb er: „Ich bin gewissermaßen der Papst der Lutheraner und das kirchliche Haupt der Reformierten.“[28] Für Friedrich ist es belanglos ob der König religiös ist oder nicht. Er hat allein die Aufgabe, das friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen zu gewährleisten. Entscheidend für die Einheit des Staates ist die gemeinsame Bürgerschaft aller. Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass bei allem Eintreten für religiöse Toleranz und die Trennung von Staat und Religion Friedrichs innere Distanz zum christlichen Glauben Auswirkungen auf die Art und Weise hatte, wie er seine Funktion als höchster Bischof ausgeübt hat. Zum Beispiel werden die Geistlichen als staatliche Vollzugsorgane eingesetzt. Die Kanzel wird in gewisser Weise zum Ersatz für Amtsblatt und Zeitung, zum Publikationsorgan für Fragen der Steuern und öffentlichen Ordnung, der Gesundheitsfürsorge und Hygiene.[29] Friedrichs Liebe galt dem Staat, den er grundlegend reformierte. Der Kirche stand er mehr oder weniger gleichgültig gegenüber. Ein äußeres Indiz dafür ist die Tatsache, dass in Berlin außer der Hedwigs-Kathedrale wohl keine evangelische Kirche zu seiner Regierungszeit gebaut worden ist.

Den Kern von Friedrichs Toleranzbegriff bildet politische Zweckmäßigkeit, keine Achtung. Im Gegenteil: Sein Denken ist geprägt von Menschenverachtung. „Es gibt nichts Ungereimteres als den Gedanken, den Aberglauben ausrotten zu wollen. Die Vorurteile sind die Vernunft des Volkes – und verdient dies blöde Volk, aufgeklärt zu werden?“[30]

 

 

 

3. Stellung zu den Konfessionen und Religionen

Trotz der beschriebenen Kühle gegenüber den evangelischen Kirchen, fällt auf, dass Friedrich von Anfang an auch darin die Politik seiner Vorgänger fortgesetzt hat, dass er sich als Anwalt der protestantischen Kirche in Europa verstand. Das gilt z.B. im Hinblick auf sein Eintreten für die gefangenen Hugenotten in Frankreich.[31] Dass Preußen die protestantische Schutzmacht Europas war, zeigt sich indirekt auch in Schlesien. De facto bedeutete die Eroberung Schlesiens die Rettung des schlesischen Protestantismus. Das Eintreten für die protestantische Sache verbindet Friedrich wiederum mit seinen Vorgängern. Auch hier wirft folgende Tatsache ein Licht auf seine Beziehung zu den protestantischen Konfessionen. In Potsdam hat er aus der Privatschatulle den Bau der Französisch-Reformierten Kirche finanziert. Der Knobelsdorff-Bau steht trotz Kriegszerstörungen noch heute. Bei der Einweihungsfeier war Friedrich zugegen. Es gibt daneben auch andere Beispiele, die erkennen lassen, dass er evangelische Kirchen aus der eigenen Tasche bezahlt hat.

Eher zeigt sich am Umgang mit der katholischen Kirche Preußens Sonderstellung unter den europäischen Staaten. Mit der Eroberung Schlesiens wächst der katholische Bevölkerungsanteil in Preußen. Es ist nun interessant, wie Friedrich mit den schlesischen Katholiken umgeht. Anders als etwa Maria Theresia macht Friedrich von seinem ius reformandi keinen Gebrauch. Die katholische Kirche behält in Schlesien ihre sämtlichen Kirchengebäude – selbst dann, wenn sie diese erst kurz zuvor der evangelischen Mehrheit weggenommen hatte. Selbst den Kirchenneubau und das gesamte Kirchenwesen der Evangelischen in Schlesien fördert Friedrich nur zurückhaltend. Auch seine Rücksichtnahme auf das katholische Schulwesen verbunden mit dem Erhalt des Jesuitenordens in Schlesien fällt in diesen Zusammenhang auf.[32] Dass Friedrich im Zentrum Berlins den Bau der Hedwigs-Kathedrale nicht nur erlaubt, sondern sogar aus eigener Schatulle mitfinanziert, ist ein in der damaligen Situation Europas einmaliger Vorgang. Die Kirche trägt den Namen der Schutzpatronin Schlesiens und ist in gewisser Weise ein Symbol für die Integration der katholischen Schlesier in Preußen. Zusammen mit Oper, Bibliothek und Residenz gehört sie fortan zum Berliner Stadtkern. Allerdings hat Friedrichs Toleranz gegenüber den Katholiken auch ihre Grenze: Er verhindert, dass sie durch die Besetzung höherer politischer Ämter in Preußen politischen Einfluss gewinnen. Dahinter steht die Vorstellung, dass Preußen ein protestantischer Staat bleiben soll.

Aber nicht nur gegenüber den großen christlichen Konfessionen zeigt sich Friedrichs Toleranz. Auch kleinere Gruppen wie etwa die Herrnhuter Brüdergemeine genießen in seinen Ländern besondere Rechte. Nach intensiven Verhandlungen, in die der König zum Teil direkt selbst eingegriffen hat, wird es den Herrnhutern erlaubt, sich in Schlesien in fünf Ortsgemeinden anzusiedeln. Friedrich gewährt ihnen das Recht, ihre Religion frei auszuüben. In den kommenden Generationen werden diese Gemeinden zum wirtschaftlichen Rückgrad der weltweiten Missionsarbeit der Brüdergemeine aufsteigen.

Ein schwieriges Kapitel bildet das Verhältnis Friedrichs zu den Juden.[33] Friedrich der Grosse hat in den preußischen Großstädten die Ansiedlung jüdischer Eliten erlaubt. Dies darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass seine Toleranzpolitik sich nicht auf die Juden erstreckte. Es kann keine Rede auch nicht von Anzeichen einer jüdischen Emanzipation sein. Dies geht nicht nur aus dem Text des Generaljudenreglements von 1750 hervor. Auch das politische Testament von 1752 lässt Friedrichs Vorurteile gegenüber den Judentum deutlich hervortreten: „Der Herrscher muss ein Auge auf die Juden haben, er muss ihre Einmischung in den Großhandel und das Wachstum ihrer Zahl verhüten und ihnen wegen jeder Unehrlichkeit das Asylrecht entziehen. Denn nichts schadet dem Handel mehr als der unerlaubte Profit, den die Juden machen.“[34] Friedrich hat Zeit seines Lebens eine zutiefst restriktive Judenpolitik betrieben. Es ist in keiner Weise zu einer Minderung des Drucks auf das Judentum gekommen. Im Gegenteil haben die rechtlichen Bestimmungen das jüdische Alltagsleben tief beeinflusst. In keiner Weise kam es zu einer Verrechtlichung jüdischer Existenz. Zweifellos hegte Friedrich gegenüber den Juden eine tiefe Aversion. Das revidierte Generalreglement von 1750 führte zu einer stetigen Überwachung der Juden. Eine Flut von Verboten und Einschränkungen betraf die Handelstätigkeit und den Immobilienbesitz von Juden. Letztlich stelle Friedrichs Reglement eine bedeutende Verschärfung gegenüber den Regelungen des Reglement von 1730, das vom Soldatenkönig erlassen worden war.

 

Wie bereits gesagt, es fällt schwer, ein Resümee im Hinblick auf die Stellung Friedrichs des Grossen zur Religion zu ziehen. Zu widersprüchlich sind seine Aussagen. Immerhin wird man festhalten können, dass seine Toleranzpolitik und auch sein Versuch, so etwas wie eine Trennung von Religion und Politik für die Zukunft der europäischen Staaten vorbildhaft ist. Andererseits lässt sich nicht übersehen, dass seine Toleranz gegenüber den unterschiedlichen Konfessionen ihre Grenzen hatte. Einmal zeigt sich diese besonders unangenehm im Hinblick auf seine Stellung zum Judentum. Zum anderen lässt die weit überwiegende Mehrzahl seiner Äußerungen eine gewisse Geringschätzung, wenn nicht Verachtung des traditionellen christlichen Glaubens erkennen. Nur an den Rändern, im persönlichen Gespräch und im intimen freundschaftlichen Brief lässt sich auch eine andere Tonlage ausmachen. Diese ist jedoch öffentlich nicht wirksam geworden. Hier hat eindeutig die Geringschätzung, wenn nicht gar die Verachtung der Religion durch Friedrich den Grossen das Bild geprägt.

 

 


[1] Christian Graf v. Krockow, Friedrich der Grosse. Ein Lebensbild, Bergisch Gladbach, 2.Auflage 1994, 7.

[2] Vgl. hier u. im Folgenden Alfred P.Hagemann, Königin Elisabeth Christine und ihre Sommerresidenz, in Schönhausen. Rokoko u. Kalter Krieg. Die bewegte Geschichte eines Schlosses und seines Gartens, hg. von der Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser u.Gärten Berlin-Brandenburg, Berlin 2009, 40-54.

[3] A.a.O., 42.

[4] Zu Elisabeth Christine als Schriftstellerin vgl. P. Joepchen, Die Gemahlin Friedrichs des Grossen Elisabeth Christine als Schriftstellerin, Köln 1940.

[5] Vgl. hier und im Folgenden Johannes Kunisch, Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2009 (Taschenbuchausgabe), 525ff.

[6] Christian Graf von Krockow, Preußen. Eine Bilanz, 3. Auflage, Stuttgart 1992, 11–20.

[7] Kunisch, Friedrich der Große, 534.

[8] A.a.O.

[9] Wolf-Dieter Hauschildt, Religion und Politik bei Friedrich dem Großen, in: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte, 51, 2000, 192.

[10] Die Theologischen Streitschriften Friedrichs des Grossen sind auf Deutsch leicht greifbar in einer Ausgabe, die von Rudolf Neuwinger 1941 besorgt wurde: Friedrich der Grosse. Theologische Streitschriften, eingeleitet und hg. von Rudolf Neuwinger, Nordland Verlag, Berlin 1939. Eine etwas ausführlichere deutsche Ausgabe unter Einschluss der philosophischen Werke findet sich in: Friedrich II. von Preußen. Schriften und Briefe, hg. von Ingrid Mittenzwei, 3. Auflage, Leipzig 1985.

[11] Zit. nach Hauschildt, Religion, 195.

[12] Zit. nach A.a.O., 195.

[13] Zit. nach: Gerd Heinrich, Friedrich II. v.Preußen. Leistung und Leben eines großen Königs, Berlin 2009, 334.

[14] Zit. nach A.a.O., 335.

[15] Zit. nach Hauschildt, Religion, 197.

[16] Zit. nach Hauschildt, Religion, 200.

[17] So auch Hauschildt, a.a.O., 199.

[18] In: Werke Friedrichs des Grossen auf Französisch, Bd. 14, 18–20.

[19] Zit. nach Hauschildt, Religion, 204.

[20] Zit. nach Krockow, Friedrich der Grosse, 114f.

[21] Zit. nach Krockow, Friedrich der Grosse, 116.

[22] Zit. nach Krockow, Friedrich der Grosse, 116.

[23] Zit. nach Krockow, Friedrich der Grosse, 117.

[24] Zit. nach Krockow, Friedrich der Grosse, 117.

[25] So auch Hauschildt, Religion, 202.

[26] Hauschildt, Religion, 205f.

[27] Vgl. im Einzelnen Hauschildt, Religion, 203.

[28] S. Gustav Berthold Volz (Hg.), Die Werke Friedrichs des Großen in deutscher Übersetzung, Bd. 7, Berlin 1913, 118.

[29] S. Hauschildt, Religion, 207.

[30] Zit. nach Krockow, Friedrich der Grosse, 121.

[31] Vgl. Joseph Chambon, Der französische Protestantismus. Sein Weg bis zur französischen Revolution, Neuhausen-Stuttgart, 197.

[32] Vgl. Hauschildt, Religion, 209.

[33] Tobias Schenk, „Der preußische Staat und die Juden“. Eine ambivalente Geschichte aus ostmitteleuropäischer Perspektive, in: Jahrbuch der Simon-Dubnow-Institution VII, 2008, 435-467.

[34] Zit. nach Krockow, Friedrich der Große, 118f.

 

 

* Jubiläumsvortrag mit Nachgespräch in der Französischen Kirche am Bassinplatz in Potsdam am 9.September 2012 zum 300. Geburtstag von Friedrich II.

Dr.Peter Zimmerling ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig, 1.Universitäts-prediger und Domherr zu Meißen

 

 

 

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Stand: 08. Februar 2017

 

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