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  Zum Imperium geradeaus und dann in den Kreisverkehr

.... Aspekte einer ökumenischen Diskussion zum Thema Imperium

 

Martina Wasserloos-Strunk, M.A.

Hofgeismar, 02.02.-04.02.2007

 

Am Imperium scheiden sich die Geister –

Das Imperium scheidet die Geister.

Kaum ein anderer Begriff der kirchlichen Globalisierungsdebatte beinhaltet soviel Sprengstoff wie das Imperium.

 

Warum ist das so?

 

Ich muss gestehen – als er mir zum ersten Mal begegnet ist – in den Diskussionen in Accra war mein erster Impuls auch: 

„So ein Quark – jetzt muss man den Amis ihren Größenwahn auch noch bestätigen, in dem man ihn in einen Begriff fasst, den sie sicher klasse finden!“

Und so war es auch – die amerikanischen TeilnehmerInnen hatten mit dem Imperium keine Probleme – die konservativen nicht, weil sie fanden, dass das doch prima ist, eine starke weltherrschende Macht zu sein, die nicht-konservativen, weil sie fanden, dass dieser Begriff das schändliche Großmachtstreben angemessen auf den Punkt bringe.[1]

 Die europäischen und insbesondere die westeuropäischen TeilnehmerInnen der Versammlung hingegen begaben sich auf der Stelle in einen Stellungskrieg,  der bis heute andauert und konfessionsübergreifend die kirchliche Diskussion bereichert.

 Ja bereichert – denn ich bin in der Tat der Ansicht, dass wir dem Imperium viel zu verdanken haben oder besser genauer gesagt – der Diskussion um das Imperium:  Eine anhaltende Debatte über die Strukturen der Globalisierung, die Herausforderungen an eine kirchliche Positionierung und die Schärfung theologischer Kategorien, etwa der Bekenntnisfrage. Und nicht zu vergessen – eine sehr grundsätzliche Auseinandersetzung über Herrschaftsbegriffe, politische Strukturen und das, was in der Welt vor sich geht.

 Die Art und Weise allerdings, wie diese Diskussion im Einzelnen geführt wird, ist häufig eine sehr eigene.

 

 

Mit dem Schweizer Dichter Kurt Marti gesprochen möchte ich die Debatte um den Imperiumsbegriff „zart und genau“ skizzieren.

 Die Welt „zart und genau“ betrachten, das heißt mit der Einsicht in die eigene Blindheit auf das Genaueste hinsehen… Ich glaube und da nehme ich mich selbst ganz ausdrücklich und reuevoll mit dazu, dass die Diskussion um das Imperium Eindimensionalitäten hervorgebracht hat, die ihrerseits manche  globale Tragödie im Meer der Vereinfachung verklappt hat. Die komplexen, heterogenen, multilateralen Strukturen unserer Einen-Welt lassen sich nicht in einem Topos systematisieren. Und dennoch – das Bild vom Imperium hilft die Welt verstehen in mehrfacher Hinsicht:

In der kritischen Analyse der Prävalenz bestimmter globaler Koalitionen, etwa der von Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen.

In der Wahrnehmung der Lebensrealität vieler Menschen des Südens, die sich in einer Situation existentieller Bedrohung fühlen.

In der selbstkritischen Betrachtung unserer eigenen Verstrickung in Machtstrukturen die, wie die Erklärung von Accra es formuliert hat:

 „den Profit über Menschen stellt,  nicht für die ganze Schöpfung sorgt, und  jene Gaben Gottes, die für alle gedacht sind, als Privateigentum ansieht.“

 

Zart und genau – das ist mir wichtig, weil in dieser Sache keiner Recht hat – auch hat keiner Unrecht. Auch wenn die Beteiligten sich gegenseitig mit großem Ernst, der Naivität, der mangelnden Sachkenntnis, der fehlenden intellektuellen Durchdringung bezichtigen – Recht, hat keiner in dieser Diskussion.

 Es geht in dieser Diskussion wie so oft um die reine Lehre, es geht natürlich  auch darum jetzt, endlich alle Ungerechtigkeiten dieser Welt einem Adressaten, nämlich dem, der mit seinem chauvinistischen Anspruch das einzig wahre emanzipatorische politische System zu repräsentieren, immer schon suspekt war, in die Schuhe zu schieben. Und schließlich findet sich in diesem Kontext auch manche Kassandra, die nun mit breitem Pinsel und durchaus lustvoll den Teufel an die Wand malen kann.

 Aber das sind nur die einen  - die Imperiumsablehner vertreten ihre Position nicht weniger dogmatisch und sind mindestens genau so schwer zu ertragen. Da wird munter polemisiert gegen die Devoten – die sich den Forderungen des Südens andienen, die zu keiner relevanten analytischen Betrachtung zu bewegen sind, die „schon immer“ irgendwie Spinner waren oder na ja – die kennt man doch – die rennen auf jeder ökumenischen Versammlung rum und fallen den eigenen Leuten in den Rücken. Ein unveröffentlichtes Papier des Theologischen Ausschusses einer großen Landeskirche hat mit unverholener Polemik die Diskussion aus der Sicht der Imperiumsablehner dargestellt:

Den Kirchen des Nordens wird dabei (also aus der Sicht des Südens d.V.) die Rolle der naiv-unwissenden oder infam-zynischen Komplizen dieses Imperiums zugewiesen. In diesem weltanschaulichen Rahmen predigen die aus dem Süden denen aus dem Norden „Umkehr“.

Die so gelagerte Rede vom Imperium kategorisiert die Handlungsmöglichkeiten in „Kniefall oder Märtyrium“. In beiden Fällen durchaus schwer lebbar, jedenfalls mindestens ziemlich ungesund.

Verschärft wird diese Ablehnung dadurch, dass die Befürworter des Imperiumbegriffs eine Kausalität der Konsequenzen herstellen:

Wenn es ein Imperium gibt, das sich in der beschriebenen Weise alle Lebensvollzüge unterordnet, das totalitär und alles beherrschend ist, dann folgt daraus zwangsläufig die Christenpflicht zum Bekenntnis, zur Ablehnung, zur Verwerfung, zum Opfer…![2] Wenn es Götzendienst am Erlösern Markt gibt und der Neoliberalismus eine Pseudoreligion ist, dann steht die Integrität des Glaubens auf dem Spiel....

Nur, dass die Bereitschaft zum Opfer durch die alleinige Feststellung des Übels und die Dokumentation der entschlossenen Ablehnung desselben, zunächst einmal einen nur sehr theoretischen Ausdruck findet – geändert hat sich dadurch, dass man sich mental an die Seite der Opfer stellt noch gar nichts.

Dadurch dass reale Phänomene in „überrealen“ Kategorien gedeutet werden, verliert man leicht den Schlüssel zur Analyse.

Der Topos „Imperium“ ist in der ökumenischen Diskussion inzwischen schon einige Jahre alt.

In der Erklärung von Buenos Aires 2003 haben die Vertreter der reformierten Kirchen des Südens festgestellt, es sei nun an der Zeit, den gegenwärtigen Zeitpunkt als Kairos festzustellen, der zu entschiedenem Handeln herausfordere, da die gesamte Schöpfung sich einer Krise des Lebens und ungeheurem Leid ausgesetzt sehe:

Es heißt in der Erklärung von Buenos Aires:

„Das kapitalistische System der Produktion hat sich verwandelt in eines der Finanzen. Es ist gekennzeichnet durch eine ebenso weit reichende wie alles umfassende Strategie der Dominanz, innerhalb derer, die internationalen Finanzmärkte Imperium und Gott zugleich sind. Dieses globale Finanzimperium wird durch militärische, politische und ideologische Macht gestützt und seine Machthaber entscheiden über das Überleben der Länder und Menschen an der Peripherie. (…)

Die neoliberale Ideologie beansprucht absolute Macht, auch gegenüber der Souveränität Gottes und den Forderungen des Evangeliums.“

Starker Tobak möchte man sagen, aber: die Realität der Länder des Südens lässt es für die dort lebenden Menschen als aussichtslos erscheinen, der Marktwirtschaft soziale Komponenten abzuringen, die Erfahrung der Mensch im Süden ist nicht, dass eine sozial gestaltete Marktwirtschaft für Ausgleich sorgt und eine Errungenschaft ist, von der alle profitieren. Die Erfahrung der Mensch im Süden ist – Verarmung, bis in den Mittelstand, Kriminalität, Verlust der sozialen Sicherungssysteme, soweit solche überhaupt jemals vorhanden gewesen sind.

Das muss im Hintergrund mitgedacht werden, wenn wir darüber nachdenken, wer was meint, wenn er oder sie vom Imperium spricht.

Die Erklärung von Buenos Aires selbst war nun wieder Grundlage der Konferenz des Reformierten Weltbundes in London Colney mit deren Veröffentlichung die Kirchen des Nordens nun endgültig zu einer Stellungnahme herausgefordert waren.

Auch diese Versammlung hat den Imperiumsbegriff noch einmal aufgegriffen und bestätigt und mit der Forderung, vor allem an den Norden verbunden, nun ein Bekenntnis gegen die neoliberale Wirtschaftsordnung zu formulieren.

„Wir leben in einer Zeit des Imperiums. Dieses setzt den aktuellen Trend zum Militarismus als globale Kriegsstrategie durch, um seine Wirtschaft zu schützen.“

 Diese Erklärung von London Colney wurde von den europäischen Kirchen als fundamentalistisch bezeichnet, der Vorwurf monokausaler Erklärungsmuster für vielfältiges Elend der Welt wurde erhoben und schließlich wollten insbesondere die deutschen Reformierten nicht akzeptieren dass die Globalisierung als gestaltungsresistent und in ihrer neoliberalen Schwerpunktsetzung als unrevidierbar angesehen wurde[3].

Es gab Proteste – gegen Einseitigkeiten, gegen ungerechtfertigte Vorwürfe an den Norden und gegen ein Verständnis von Bekennen, dem man sich nicht nur nicht anschließen wollte, sondern das als  ungeeignet aufgefasst wurde.

  

 

Das Imperium versammelt Unheilspropheten ebenso wie Visionäre und Utopisten – und schließlich  etwas hilflos oder besser „weniger spektakulär“ –  diejenigen, die es pragmatisch angehen wollen und manchmal sind die Grenzen fließend.

Schaut man in die zahllosen Veröffentlichungen zu diesem Thema kann man den Eindruck gewinnen, dass sich die Diskussion schon lange verselbständigt hat. Längst geht es nicht mehr um eine sachliche Analyse – Imperium oder Nicht-Imperium.  Vielmehr ist es oft so, dass hier  alte Rechnungen auf den Tisch gelegt werden.

So drängt sich bald der Eindruck auf, dass es hier eigentlich nicht in erster Linie darum geht über ein politisches Ordnungsmodell zu diskutieren – denn etwas anderes ist ein real existierendes Imperium einmal ganz bodenständig betrachtet nicht – sondern, dass hier endlich, jetzt  die Morgenröte der Revolution auf die Barrikaden alter politischer Frontstellungen scheint. 

An manchen Punkten ist die ökumenische Diskussion mehr Folie für alte politische Grabenkämpfe als für eine ernsthafte inhaltliche Analyse. Was  visionär daherkommt ist oftmals nichts anderes als die alte Kapitalismuskritik in neuem Gewand. Nur diesmal deutlich aufgewertet durch einen Absolutheitsanspruch der seine Dignität aus der geforderten Bekenntnissituation zieht.

Wobei – das sei hier ausdrücklich gesagt: Kapitalismuskritik ist gut. Sie ist nötig. Sie bewahrt uns vor der Hybris und - vor dem Imperium!

 

Was ist das eigentlich ein Imperium?

Worüber reden wir?

Und  - nicht ganz unwichtig – wer redet?

 

In den kirchlichen Erklärungen – in der Accra-Confession, im Agape Call der Neunten Vollversammlung des ÖRK begegnen wir einer Sprache, die deutlich anders ist, als die der politikwissenschaftlichen Analyse.

Die Rede ist vom „Stöhnen der Schöpfung“ und vom „Schreien der Leidenden“ (Accra) von „Zeugnis ablegen“ und „verwandelnder Liebe“ (agape). Diese Sprache ist nicht geeignet wissenschaftlich-analytische Erkenntnisse zu gerieren. Sie soll es auch nicht. Sie soll nicht belegen, dass das Imperium politische Realität ist, sondern sie soll belegen dass das Imperium Lebensrealität ist für viele Menschen. Das ist etwas vollkommen anderes.

Das Imperium von dem in diesem Zusammenhang die Rede ist, ist nicht in realen Grenzen nachweisbar. Es verfügt nicht über einen beschreibbaren politischen Corpus, sondern es ist vielmehr eine Metapher. Eine Metapher für das Ausgeliefertsein vieler Menschen an Strukturen, die sie aus eigener Kraft nicht mehr beeinflussen können. Dieses Imperium wird, in der Unmöglichkeit seinen totalitären Charakter hinlänglich zu beschreiben häufig in Kontradiktionen erklärt:

 

Das Imperium vs. Königreich Gottes

Das Imperium Babylon vs. Königsherrschaft Jesu

 

Und in diesen Beschreibungen wird deutlich, dass es um eine im Wesentlichen bildhafte Kategorisierung geht. Das Gute gegen das Böse. Verdammnis gegen Erlösung. Und das ist auch nötig und sinnvoll, gemessen an der Bedrückung und Verzweiflung die unsere Geschwister im Süden als ihre Realität beschreiben. Dieses Lebensgefühl soll und muss  Ausdruck finden in starken Bildern, denn es besteht in existentieller Verlassenheit und Hilflosigkeit.

Es ist oft eine Folge gestörter Kommunikation, die die Diskussion zusätzlich verschärft. Wenn Menschen auf ökumenischen Versammlungen davon berichten, dass sich ihre Familienangehörigen umgebracht haben, weil sie durch gentechnisch verändertes Saatgut aus Europa in den Ruin getrieben wurden (in Indien in der zweiten Hälfte des Jahres 2005 mehr als 1000 Bauern, ähnlich in Korea), oder wenn andere über katastrophale Arbeitsbedingungen den Sweat Shops von Sri Lanka klagen, dann gibt es immer ganz sicher einen, der darauf hinweist, dass dies eine sehr eindimensionale Art der Betrachtung ist. Und dass man auch das Korruptionsproblem in Afrika unbedingt analysieren muss.

Es stimmt natürlich – man muss genau hinsehen und Strukturen erkennen.  Im konkreten Gegenüber wird ein solches Ansinnen als Herzlosigkeit und Kälte empfunden und oftmals ist es das auch.

Eine Reaktion auf die Erklärung von Accra und die Verwendung des Imperiumbegriffs wurde vorgelegt unter dem Titel: „Was der Reformierte Weltbund auch hätte beschließen können“

„Alle diese Staaten (Südkorea, Australien, China, Indien) liberalisierten ihre Wirtschaftsordnung hin zu marktwirtschaftlichen Mechanismen, manche zunächst nur unfreiwillig und unter militärischem Druck der USA. Aus diesen und ähnlichen Entwicklungen ist entstanden was der RWB als „Imperium“ verunglimpft. Unbestrittenermaßen können die meisten Menschen sich glücklich schätzen, in diesem Imperium zu leben.“[4]

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Betrachtungsweise als zynisch empfunden wird und nicht dazu beiträgt einander ernst zu nehmen.

Um es also noch einmal zu betonen:

Es geht keinesfalls darum den Menschen, die sich dieser Lebensrealität ausgesetzt fühlen ihr Leiden, ihre Betroffenheit, ihr Ausgeliefertsein abzusprechen oder wegzuanalysieren. Es geht keinesfalls darum mit dem intellektuellen Hochmut mancher Vertreter des Nordens diese Wahrheit als „lediglich gefühlte“ keinesfalls aber reale Wahrheit zu diskriminieren. Oder noch schlimmer und geradezu dämonisch: diese Äußerung vieler Menschen des Südens als Erpressungsakt gegen „den Norden“ entlarven zu wollen.

 

Um es „zart und genau“ zu sagen:

Es ist ein Bild. Ein Bild für die ausgelieferte gequälte Kreatur. Ein Bild für Verletzung und für hemmungslose selbst-referentielle Macht. Und ein Bild von Erlösung und Solidarität, von Partizipation und Heilung.

Im Schlussgottesdienst der 9. Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre ist das einfühlsam auf den Punkt gebracht worden, auch wenn die Versammlung m.E. eine wirklich Position zum Imperium nicht eingenommen hat:

„Inmitten der kosmischen Unordnung und der weltweiten imperialen Systeme ist dies ein Aufruf, eine Mahnung daran, dass wir unseren Posten als treue Zeugen des auferstandenen Christus – des lebendigen Herrn - nie verlassen dürfen. Wir werden nie eine einfache, bequeme Beziehung zu Imperien haben, sondern eine Beziehung, die das Werk von Imperien am Maßstab der Selbstaufopferung misst, den das Kreuz vorgegeben hat.“

 

Was geschieht, wenn dieses Bild in andere Zusammenhänge, in die Realität der Weltgemeinschaft transponiert wird?

Was ist ein Imperium – mal ganz realpolitisch betrachtet?

 

Vor dem Fall des Kommunismus war das eine relativ einfache Frage – da gab es zwei davon. Das im Osten – die Sowjetunion, und das im Westen – Amerika. Und in unserem Vorstellungshorizont waren auch die Wertungen zugeordnet – das eine gut, das andere böse. Schwarz und weiß. Und natürlich haben wir jederzeit gewusst, dass das so ganz richtig nicht sein kann – in jedem steckte ein Stück seines Gegenübers. Weder war das eine böse noch war das andere gut. Aber für das Lebensgefühl war es schon klar – hier wollte man sein, dort nicht.

Heutige Imperien stellen sich anders dar – mit dem Niedergang des kolonialen Imperialismus und unter den Bedingungen der Globalisierung hat sich ein Imperialismus entwickelt, der sich von dem der „Vorzeit“ deutlich unterscheidet.

Neue Imperien zeichnen sich aus durch eine heterogene Machtpolitik – dazu gehört in neueren Zeiten nicht unbedingt eine aggressive Eroberungspolitik. Ob eine Macht ein Imperium ist, das zeigt sich nicht an den eroberten Quadratkilometern, sondern daran wie es der Macht gelingt die Macht einzusetzen, wie die Macht gesichert wird und mit wem. (Ein Imperium ist auch nicht das Amerika, die EU, das Land X, sondern, wie es die Accra-Erklärung zu recht beschreibt eine „Zusammenballung“. Eine Machtzusammenballung.

 

 

Macht. Das ist das Movens des Imperiums.

 

Was macht die Macht aus?

 

Während man einen Teil der Macht des römischen Imperiums sehr wohl auf der Landkarte kenntlich machen konnte, sind Imperien moderner Provenienz nicht mehr in Landesgrenzen zu beschreiben. Moderne Imperien macht man sichtbar durch die Kennzeichnung von Kapitalströmen, den Fluss von Waren und Dienstleistungen, die Kontrolle von Kommunikationssystemen und Brain drain. Die Grenzen moderner Imperien verlieren sich – wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sagt,  „in der Weite des Raums“.[5] Allerdings tun sie dies dauerhaft nur dann, wenn es ihnen gelingt die sogenannte augusteische Schwelle zu überschreiten. Münkler hat als Konstituens jedes imperialen Gebildes dessen Fähigkeit ausgemacht, die eigenen Peripherien am Wohlstand des imperialen Zentrums partizipieren zu lassen. Im Fall des zur Diskussion stehenden Imperiums USA bedeutet dies ganz praktisch, dass die fortwährende militärische Sicherung der eigenen Interessen auf Dauer „zunehmenden Widerstand, erhöhte Kosten und verstärkten Unmut an der Heimatfront“ provozieren[6]. Schon deshalb wird kein Imperium auf Dauer überleben können durch Machtakkumulation und Militäreinsatz.

Legt man diese Überlegungen zugrunde dann versteht es sich von selbst, dass wir sehr wohl auch heute davon sprechen müssen, dass es Machtballungen, Machtzentren gibt, die diese Kriterien erfüllen – die eine machtvolle Expansionspolitik betreiben, die sich heutzutage nicht mehr durch die Eroberung ferner Länder ausdrückt, sondern die sich moderner Mittel bedient –  ein postimperialer Imperialismus.

 

Wer wollte bestreiten, dass es sich bei China um ein Imperium handelt...?

 

Aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung war vor kurzem folgender Bericht von einem Treffen mit dreißig afrikanischen Staatschefs zu hören:

Das BMZ hatte entwicklungsfördernde Maßnahmen für diese Länder an Bedingungen geknüpft -  ordentliche bürokratische Abwicklung, Ausschluss von Korruption, Arbeitsschutz und Umweltschutz. Unter Einhaltung dieser Voraussetzungen sollten etwa in Kenia Straßen gebaut werden. Die afrikanischen Staatschefs haben sich gegen die Zumutung Bedingungen einhalten zu sollen heftig gewehrt – schließlich gehe es letztlich um Handelsabkommen, die ja auch zum Wohle der Geberstaaten abgeschlossen würden – und haben entschlossen, die Verhandlungen  verlassen.

Der Straßenbau in Kenia findet statt -  er wird nun „bedingungslos“ von China finanziert, was übrigens auch andere Projekte in Afrika betrifft, für die das Geberland China mit großzügigen Abkommen über Rohstofflieferungen abgefunden wird. Die Frage nach ordentlicher bürokratischer Abwicklung, Ausschluss von Korruption, Arbeitsschutz und Umweltschutz stellt sich in diesem Zusammenhang nicht mehr.

Dieses Beispiel mag praktisch verdeutlichen, dass es im Kontext realer Politik verschiedene imperiale Player gibt, die ihre Machtinteressen gleichermaßen rücksichtslos sichern.

Gemessen an der Potenz die unser in der Ökumene zur Diskussion stehendes Imperium haben soll, handelt es sich allerdings bei diesen  dann eher um Imperiümchen, denn  - das liegt in der Natur der Dinge:

Das Imperium ist immer eins. Mehrere stellen wir uns nicht gleichzeitig vor – höchstens hintereinander, dann sind es Imperien, aber bei der Vorstellung dass es zwei davon nebeneinander geben soll verliert das Bild plötzlich an Strahlkraft. Um auszudrücken, was die Diskussion um das Imperium ausdrücken soll, muss auf Singularität geachtet werden. Neben diesem Imperium gibt es keine anderen Götzen.  Das Imperium ist a priori solitär, es ist in seiner Potenz auch totalitär und deshalb einzigartig.[7] Das Imperium scheidet in Gut und Böse wer nicht dagegen ist, ist dafür. Wer es bekämpft ist gut.

In diesen Kategorien gedacht begegnen wir im Imperiumsbegriff der kirchlichen Erklärungen einer Metapher für das absolut Böse. In ihr ist die menschliche Urangst davor gefressen zu werden aufs Anschaulichste zu einem Sprachbild geronnen.[8]

 

Sollten wir es mit einem solchen Gebilde zu tun haben?

 

Für die reale Auseinandersetzung mit den Phänomenen unserer globalen Wirklichkeit taugt diese Kategorisierung wenig. Weder lassen sich die Akteure des Imperiums ohne weiteres und bruchlos in die Kostüme von Pistoleros stecken, noch können wir davon ausgehen dass wir selbst den Sheriffstern zu tragen. Im Gegenteil – mit einer genussvoll verspeisten unfair gehandelten Banane sind wir nach dieser Logik  bereits Kombattanten des Systems.

Hilfreich mag der Verweis auf die „Banalität des Bösen“ sein – auch wenn das Böse eine zerstörerische Potenz hat, die uns schaudern lässt, so bleibt es letztlich doch an der Oberfläche – hochrisikobehaftet, auf Verbrechen gegründet, a-legal und doch -  im letzten selbstzerstörerisch  und schließlich  abschaffbar durch eine allgemeine Übereinkunft.

Es war der amerikanische Präsident Ronald Reagan, der 1983 diese metaphysische Aufladung in seiner Formulierung vom „Reich des Bösen“ vorgenommen und salonfähig gemacht hat[9].

Damit befinden wir uns plötzlich in einem semantischen Minenfeld. Denn ein rechter Winkel ist zwar noch ein rechter Winkel, aber in ihm wabert eine diffuse Masse, eine Entität von Undifferenziertem, die die Realität nicht mehr darstellbar sein lässt.

Die Vermischung der beiden Erkenntnisebenen – der politikwissenschaftlichen und der metaphysischen hat in der ökumenischen Diskussion mancherorts zu lustvollen Vollbädern in apokalyptischen  Bildern geführt.

 

Aber ist das gemeint, wenn die Ökumene vom „Imperium“ spricht?

 

Darüber was das Imperium sei scheint  eine seltsame Übereinkunft zu bestehen – also, Imperium ist, wenn eine Großmacht oder eine Koalition von Mächten mit Hilfe des Militärs eine Großmachtpolitik betreibt die mithilfe radikaler Ausbeutung anderer die eigene Existenz sichert.

Die Erklärung von Accra formuliert sorgfältig und jede Plattheit vermeidend:

„Wir sind uns der Größe und Komplexität dieser Situation bewusst und wollen keine einfachen Antworten. Bei unserem Wunsch nach Wahrheit und Gerechtigkeit und durch die Augen der Machtlosen und Leidenden sehen wir, dass die gegenwärtige Welt-(Un)Ordnung auf einem extrem komplizierten und unmoralischen Wirtschaftssystem beruht, dass von einem Imperium verteidigt wird. Unter dem Begriff "Imperium" verstehen wir die Konzentration von wirtschaftlicher, kultureller, politischer und militärischer Macht, die ein Herrschaftsystem bildet, das von mächtigen Nationen angeführt wird, um ihre eigenen Interessen zu schützen und zu verteidigen.

Was in Accra sehr sorgsam und ausgewogen in den Begriff Imperium gelegt wird, wurde in späteren „Nacharbeiten“, die unter dem Logo des Reformierten Weltbundes firmieren, verzerrt und ins Unerträgliche überspitzt.

Was  etwa die Konsultation des RWB in Manila unter dem Thema „Theologische Analyse und Aktion gegenüber dem globalen Imperium heute“ zu Papier gebracht hat, ist ein Dolchstoss für alle, die diesen Begriff ernst nehmen und ihn in seinen Bedeutungsebenen ausloten wollen.

Im Manilapapier, gegen das der Reformierte Bund in Deutschland und die PKN in den Niederlanden protestiert haben, wird das Imperium in einer so einseitigen und simplifizierenden Weise für jedes Elend der Welt verantwortlich gemacht, dass man am Ende nun wirklich nicht mehr weiß, was man dagegen nun noch ausrichten soll – da reicht kein Bekennen mehr und da kann man auch nicht mehr politisch aktiv werden, dieses Imperium ist das Ende der Politik, ist das Ende der Menschheit – ist eine apokalyptische Vision zur Realität verballhornt.

Ein Beispiel dafür, wie leichtfertig komplexe politische Strukturen mit dem Begriff „Imperium“ zum ideologischen Einheitsbrei gerührt werden, zeigt in der Erklärung der Teilnehmer der Manilakonsultation  die Beschreibung der politischen Situation in Nordkorea:

„Nordkoreas Wirtschaft, bereits geschwächt durch die Verheerungen der neoliberalen Globalisierung, wurde zusätzlich noch an den Rand gedrängt durch das US-Handelsembargo und ökonomische Sanktionen. (…). Die USA verweigern bilaterale Gespräche und die Normalisierung der Beziehungen zu Nordkorea. Sie dämonisieren das Land, nennen es einen Teil der „Achse des Bösen“ in der Hoffnung einen Regimewechsel zu erzwingen.

Dies hat Nordkorea provoziert, nukleare Bewaffnung anzustreben, was wiederum Spannungen verschärft und den Rüstungswettlauf  in Nordostasien antreibt.“[10]

 

Was soll man dazu ernsthaft sagen?

 

Wer in dieser Weise Täter zu Opfern macht, missbraucht die tatsächlichen Opfer. Gesteht ihnen keine anteilnehmende und sorgsame  Betrachtung ihrer Situation zu. Macht sie zum zweiten Mal zu Opfern, indem sie instrumentalisiert werden. Wer die verbrecherische Politik Nordkoreas auch gegenüber den eigenen Menschen zur Reaktion auf eine Provokation versimpelt, der beschreibt politische Realitäten in einem Holzschnitt, der ein ärmelloses Hemd zum Norwegerpullover macht.

Und was noch viel schlimmer ist – wer in dieser Weise eine Totalität behauptet, die alles durchdringt und beherrscht, der postuliert zugleich die eigene Handlungsunfähigkeit, die auch im eifrigen Bekennen von Glaubenswahrheiten lediglich das gute Gefühl vermittelt sich positioniert zu haben, aber nicht ein wirkliches zivilgesellschaftliches Engagement dokumentiert – denn wie soll denn, mal ganz praktisch gefragt, die Conclusio des Manilapapiers umgesetzt werden:

„Diese neue Realität hat wirtschaftliche, politische, soziale, kulturelle religiöse und spirituelle Dimensionen

Sie fordert ChristInnen auf Leben und Tod heraus, denn das Imperium missbraucht Religion, um seine unterdrückerische Herrschaft und Gewalt zu rechtfertigen, und erhebt Ansprüche, die allein Gott zukommen.“[11]

Solche Formulierungen legen den Eindruck nahe, dass es manchmal für die so Formulierenden gar nicht so schlecht ist, aus der Gegenwart realer politischer Bedrohungen ins Metaphysische zu fliehen und sie leisten der sachlichen Auseinandersetzung und auch der sachlichen In-Pflichtnahme einen Bärendienst[12].

Unsere ökumenische Diskussion hat plötzlich ein hypertrophes Zerrbild wirklicher imperialer Strukturen produziert, das geeignet ist, jede Analyse von Machtstrukturen, die sich ohne Weiteres in Formen von realen Imperien manifestieren können, zu konterkarieren und damit implizit – zu verharmlosen.[13]

Es ist ja vollkommen richtig: es gibt diese Machtzusammenballungen, die Imperien,  die das eigene Überleben, auch militärisch sichern wollen, koste es, was es wolle. Vor dem Szenario wachsender Rohstoffverknappung und der Klimaveränderung ist das eine reale existentielle und hochriskante Bedrohung unserer Weltgemeinschaft und jeder emanzipatorischen Bewegung – denn was eine Demokratie noch wert ist, wenn die Rohstoffe knapp werden und die Lichter ausgehen – das möchte man lieber nicht zuende denken[14].  Zeit für die Zivilgesellschaft sich aufzustellen und gerade zu stehen. Was sie manchmal mit Krücken, aber doch nachhaltig und vor allem nachweisbar tut. Das Imperium fordert den Citoyen heraus, nicht den Bourgeois.

Ein bisschen ist es, wie bei „Des Kaisers neuen Kleidern“, nur nicht so harmlos, sondern sehr gefährlich. Das Imperium seines Selbstanspruchs und seiner eschatologischen Lügen entledigt entpuppt sich als höchstanfälliger politischer Gernegroß mit allerdings dramatisch aggressiver Potenz.

Den Imperien also Totalität zugestehen – sie ins Reich des Bösen geradezu „wegzudenken“ – das bewahrt sie vor Entmythologisierung. Es enthebt sie dem unnachgiebigen Druck der Zivilgesellschaft und leistet der Entdemokratisierung Vorschub.

Das nun scheint mir das Hauptargument gegen die leichtfertige Verwendung des Begriffs „Imperium“ im realen Kontext unserer Gesellschaften zu sein.

Auch wenn es den Anschein hat, dass wir mehr Getriebene sind, als treibende Kräfte und auch wenn die Einflussmöglichkeiten auf die reale Politik auf den ersten Blick nicht nach Revolution riechen – die Kraft der Zivilgesellschaft und damit auch der weltweiten Ökumene ist ein Machtfaktor, der offen-politisch, informell, subversiv Löcher in den Panzer der Macht frisst.

 


 

[1] Stückelberger, Christoph: Klares und differenziertes Bekennen in Accra.

Ergebnis der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes RWB, in: Neue Wege: Oktober 2004.

Stückelberger weist auf die kontroverse Diskussion zum Thema Imperium hin und darauf, dass die inneramerikanische Debatte zu diesem Thema bislang in Europa kaum wahrgenommen wurde.

[2] Brouwer, Rinse Reeling: Die Bedeutung des empire für die Auslegung der Bibel heute – Einige Bemerkungen zum Buch von Michael Hardt und Antonio Negri. In: Schottroff Luise u.a.: Das Imperium kehrt zurück- Das Imperium in der Bibel und als Herausforderung für die Ökumene heute. Erev-Rav. 2006.

[3] Möller, Ulrich: Folgt im ökumenischen Prozess des Bekennens jetzt die Feststellung des status confessionis? – Standortbestimmumg vor der Generalversammlung des Reformierten Weltbundes 2004 in Accra. Ökumenische Rundschau 2004.

[4] Lucke, Bernd: Was der Reformierte Weltbund auch hätte beschließen können. Evangelisch-reformierte Kirche Hamburg, 2004.

[5] Münkler, Herfried: Neues vom Imperium, Das alte Rom und der 11.September. Reflexionen über politische Ordnungen im Anschluss an Montesquieu, 2007.

[6] Fisch, Jörg: zu Herfried Münkler: Die Wiederkunft des Imperiums. Aus: Neue Zürcher Zeitung vom 20. Juli 2005

[7] Zur Frage der Gewaltdisposition von Imperien: Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a.M. 1955, S. 357f.

[8] Arendt, Hannah: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. München 2006.

[9] 8. März 1983 an die National Association of Evangelicals in Orlando, Florida.

[10]An Ecumenical Faith Stance Against Global Empire For A Liberated Earth Community.

  http://warc.jalb.de/warcajsp/side.jsp?news_id=809&part_id=0&navi=6 (Übersetzung).

[11] ebd.

[12] Dazu: 11. Feuerbachthese, MEW 3.                    

[13] Ähnlich plakativ auch: Living Faithfully in the Midst of Empire. Justice, Global and Ecumenical Relations Unit-Wide Committee, Empire Task Group. 39th General Council 2006

[14] Kastner, Heiko: Mythos Marktwirtschaft. Die irrationale Herrschaft des Geldes über Arbeit, Mensch und Natur. Bochum 2002. S. 345ff..

 

 

 

Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit

 

 Anhang zur Botschaft

 

  Reformiertes Profil in der Gesellschaft

Walter Schöpsdau

 

 

   

 

   

 

      

 

   

 

Stand: 08. Februar 2017

 

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